Thalwil

«Ich lernte mich an kleinen Erfolgsschritten zu freuen»

Demnächst wird Brigitte Müller, die Co-Leitung des Thalwiler Restaurants Gotthard, altershalber in den Ruhestand treten. Dort arbeitete sie mit sozial Randständigen im ehemaligen «Gotthard-Träff».

Nach 15 Jahren geht Brigitte Müller, Co-Leiterin des Restaurant Gotthard in Thalwil, in Rente.

Nach 15 Jahren geht Brigitte Müller, Co-Leiterin des Restaurant Gotthard in Thalwil, in Rente.

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Brigitte Müller freut sich auf ihr Abschiedsfest im Restaurant Gotthard, dem früheren «Gotthard-Träff». 15 Jahre hat sie hier in einem Teilpensum in der Führung des Betriebes gearbeitet. Jetzt geht sie in Rente. Am letzten «offiziellen» Tag im Haus an der Gotthardstrasse in Thalwil schaut sie noch einmal zurück.

Man glaubt der ausgebildeten Sozialbegleiterin sofort, dass ihr die Arbeit mit den randständigen Menschen entsprochen hat. Brigitte Müller strahlt in Erinnerung an die gelungenen Berufsjahre. Dann wird sie plötzlich wieder ernst: «Manches ist auch schwierig gewesen», gibt sie zu.

Die Schicksale der vielen ausgesteuerten Personen, die dem Restaurant vom Thalwiler Sozialamt regelmässig als Mitarbeitende zugewiesen wurden, hätten sie belastet. Müller erinnert sich etwa an eine depressive Frau, die nach einer Scheidung kaum mehr Tritt gefasst habe. Erlebt hat sie zudem vor allem in den ersten Arbeitsjahren viele Männer mit einschneidenden Drogenkarrieren, die jegliches Selbstbewusstsein verloren hatten. «Ich sah es als meine Aufgabe an, die Ressourcen in den Leuten zu wecken», sagt sie. Energisch, fast trotzig ergänzt sie: «Ich weiss: Ressourcen haben alle.»

Etwa zehn bescheidene Mahlzeiten für Gäste kochte sie zu Beginn ihrer Tätigkeit im Jahr 2003 im Restaurant Gotthard jeweils mit den ihr zugewiesenen Personen. Die Sozialbegleiterin setzte die Leute dabei stets nach ihren Fähigkeiten in Küche, Service und Putzdienst ein. Sie versuchte alle in Selbständigkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu schulen.

Richtige Messlatte

«Ich war aber keine gerechte Chefin, denn ich zog die Leute nicht über einen Leisten». Müller ist überzeugt, dass jeder nach den vorhandenen Fähigkeiten gefördert werden müsse. Die Latte müsse «richtig» angesetzt werden, nicht zu hoch und nicht zu tief. In diesem Prozess hat Müller selber dazugelernt: «Ich lernte mich an den kleinen Erfolgsschritten der Mitarbeitenden zu freuen». Gross war die Freude jeweils, wenn der eine oder andere den Sprung in den regulären Arbeitsmarkt schaffte, was eher selten war.

Weniger harte Drogen

Heute kocht Brigitte Müller mit ihrer Mannschaft jeweils rund 30 Mahlzeiten pro Tag, also dreimal so viele wie vor fünfzehn Jahren. Geändert habe sich auch das Profil der Mitarbeitenden: Sie konsumieren kaum noch harte Drogen und wurden von Menschen mit Sozialhilfe oder Migrationshintergrund abgelöst.

Häufig sind sie am Stammtisch anzutreffen, da für sie reduzierte Preise gelten. Die scheidende Co-Leiterin setzte sich stets für Verbesserungen im «Gotthard» ein. Sie ist stolz, «dass das Restaurant mit experimentierfreudiger Küche heute ein gesellschaftlich anerkannter Betrieb ist, wo auch Thalwiler gerne essen». Erreicht wurde dies nicht nur durch die erweiterten Kochkünste der Mitarbeiter, sondern auch wegen den gemütlichen Holzmöbeln in der Gaststube, welche das einfache Kantinenmobiliar ersetzten.

Das Restaurant wird auch wegen des kulturellen Angebots, wie etwa Lesungen oder Ausstellungen, geschätzt. Die Neuerungen sind massgeblich Müller zu verdanken, die sich mit Herzblut für «den Ort zum Wohlsein» einsetzte.

Wie es im neuen Leben nach der Pensionierung sein wird, weiss die Familienfrau mit drei erwachsenen Kindern und drei Enkeln noch nicht. «Mein Plan ist, vorerst keinen Plan zu haben». Alles andere werde sich schon ergeben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.12.2018, 16:19 Uhr

Das Soziale Netz Horgen in Thalwil

Die Wandlung des «Gotthard-Träffs»

Der «Gotthard-Träff» in Thalwil wurde im Jahr 1996 zusammen mit dem Café Barrière, der Mobilen Werkstatt und mehreren Wohnangeboten als «Dezentrale Drogenhilfe» im Bezirk Horgen gegründet. Geführt werden die Angebote von Mitarbeitenden des Sozialen Netz Bezirk Horgen (SNH).

Im «Restaurant Gotthard», wie der einstige «Gotthard-Träff» seit einem Jahr heisst, arbeiten ausgesteuerte Frauen und Männer. Durch die Arbeit sollen sie sozial integriert bleiben. Manche schaffen den Weg zurück in den regulären Arbeitsmarkt. Brigitte Müller leitete das Angebot während der letzten fünfzehn Jahre zusammen mit ihrer Kollegin Doris Aiouaz. Vor einigen Monaten ist Zoé Grädel dazugestossen. Einst war der Treff eine «Mittagswirtschaft», heute ist das Lokal ein hochwertiges Restaurant. (vs)

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