Horgen

«Ich – lerne – Deutsch»

Seit sieben Wochen sind in der Zivilschutzanlage Heilibach Asylsuchende untergebracht. Für diese jungen Männer setzen sich in Horgen Dutzende Freiwillige ein. Zum Beispiel mit Deutschunterricht. Die ZSZ hat eine Lektion besucht.

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Alle Blicke richten sich auf Sharif. Der 23-jährige Afghane steht auf und liest laut, was an der Wandtafel steht: «Ich – lerne – Deutsch.» Er wiederholt den Satz, indem er das Verb in allen Personalformen konjugiert. Absolut fehlerfrei. Sharif lächelt, die Klasse applaudiert.

Es ist Freitagvormittag, im Untergeschoss des reformierten Kirchgemeindehauses in Horgen wird gerade Deutschunterricht erteilt. Vorne stehen drei Lehrer, in den Bankreihen sitzen 18 Männer und eine Frau. Die meisten von ihnen gehören zu den Asylsuchenden, die seit sieben Wochen in der Zivilschutzanlage Heilibach untergebracht sind. Ein gemischtes Grüppchen bestehend aus Syrern, Irakern, Iranern und Afghanen. Doch sie alle vereint ein und derselbe Wille: Sie wollen die hiesige Sprache lernen. Und das tun sie bislang mit Erfolg. «Innerhalb eines Monats haben sie das Alphabet gelernt. Dieser Fortschritt ist wahnsinnig», sagt Lehrerin Voa Hartmann. Die Horgnerin ist eine von neun Freiwilligen, die in abwechselnder Besetzung dreimal wöchentlich eineinhalb Stunden Deutschunterricht geben.

Motivierte Lehrer

Heute lernen die erwachsenen Schüler unter anderem neue Wörter, die die Buchstabenkombination «eu» enthalten: «Feuer», spricht Hilfslehrer Dieter Sollberger das Wort langsam und überdeutlich aus, das auf einem Aufgabenblatt steht. Im Chor machen es ihm die Schüler nach. Vor der wohlverdienten Pause müssen sie dann noch mindestens einen Satz aufschreiben. Madiha kritzelt dabei ungewollt eine fast schon philosophische Aussage aufs Papier: Ich bin Freude. «Ein sehr schöner Satz», sagt Sollberger zu Madiha und lacht mit ihr.

Der pensionierte Pfarrer ist seit Anfang an Teil der Deutschlehrergruppe. Eine Ausbildung in diesem Fach hat er zwar nicht, aber das stört hier niemanden. Auch Kathy Rychener, die an diesem Tag unterrichtet, ist eigentlich fachfremd. Die Horgnerin ist ausgebildete Apothekerin. Über ihre Motivation, sich freiwillig für die Asylbewerber einzusetzen, sagt sie: «Ich habe Zeit und will etwas von dem Glück zurückgeben, das ich im Leben erhalten habe.» Die Zusammenarbeit mit den Schülern aus verschiedenen Kulturen sei sehr bereichernd. Voa Hartmann und Dieter Sollberger pflichten ihr bei: «Erst dank den Flüchtlingen haben wir uns und viele andere Freiwillige kennen gelernt.» So seien im Deutschzimmer Freundschaften entstanden.

Komplexe Koordination

In einem anderen Raum des Kirchgemeindehauses sitzt Marianne Bärlocher an einem Pult. Die Sozialarbeiterin der Gemeinde Horgen hat hier ihr Büro eingerichtet. Sie ist zuständig für die Beratung und Betreuung der Asylsuchenden, die seit Januar in der Zivilschutzanlage untergebracht sind. Ausserdem koordiniert sie die gesamte Freiwilligenarbeit. Ein Blick auf ihren Computerbildschirm zeigt: Der Deutschunterricht ist eine bedeutende, aber längst nicht die einzige organisierte Aktivität. Auf dem aktuellen Wochenprogramm stehen therapeutisches Malen, Sport, Kochkurse, Ernährungsberatung, Ausflüge und so weiter. Das alles wird von verschiedenen Freiwilligen organisiert, die keine Entschädigung dafür verlangen. «Die grösste Herausforderung ist, die Termine zu koordinieren», sagt Bärlocher. Doch sie und all die engagierten Horgner wissen sich zu helfen: Auf «Extrabox», einer Plattform im Internet, tragen sie ihre Aktivitäten im Kalender ein und sprechen sich dort schriftlich ab. Gemeinsame Sitzungen seien deshalb praktisch keine nötig.

Lernen bis in die Nacht

Lanciert wurde das kollektive Engagement von der Reformierten und der Katholischen Kirchgemeinde. Die meisten der freiwilligen Helfer gehören denn auch einer der Kirchen an. Marianne Bärlocher bezeichnet deren Einsatz als «extrem wertvoll»: «Durch Begegnungen mit Einheimischen und durch Beschäftigungen versetzen wir die Asylsuchenden in die Gegenwart. Nur so können sie Vergangenes vergessen und in die Zukunft blicken.»

Weil die Flüchtlinge aus der Zivilschutzanlage noch nicht in Wohnungen untergebracht werden konnten, ist das Kirchgemeindehaus tagsüber ihr eigentliches Zuhause. Hier erhalten sie wochentags ein Mittagessen. Frühstück, Abendessen und die Mahlzeiten am Wochenende kochen sie sich selber, in einer behelfsmässig eingerichteten Küche. Geschlafen wird ausschliesslich in der Zivilschutzanlage. Wobei der Schlaf bei manchen jeweils lange auf sich warten lässt. «Die einen lernen bis spätabends oder reden mit mir, um so ihr Deutsch zu verbessern», erzählt Nachtwächter Andi Angst. Dazu werden sie auch am Abend des besagten Tages wieder allen Grund haben. Denn gegen Ende des Unterrichtsmorgens erhalten die Männer und die eine Frau noch «Ufz­gi»: Drei Aufgabenblätter gilt es bis zum nächsten Mal zu bearbeiten. Zackig werden diese in die persönlichen Deutschhefte eingeklebt. Danach folgt der Abschluss der heutigen Lektion: Pfarrer Sollberger stimmt das kurze Lied «Friede sei mit dir» an. Die 19 Schüler stimmen lautstark mit ein. Es klingt zwar ziemlich schräg, aber wichtig sind ja die Worte.

Erstellt: 08.03.2016, 11:42 Uhr

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