Wollerau/Richterswil

«Ich hoffe, dass sich Richterswil nicht in den Kanton Schwyz eingemeinden will»

Das Kulturfestival Riwo Grenzenlos brachte die Richterswiler und Wollerauer auch im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema Geld zusammen.

Im Rahmen von Riwo Grenzenlos diskutieren Christoph Pfluger, Karin Schwiter, Christine Maier, Ernst Stocker, Kaspar Michel, Michel Degen über die Finanzwelt.

Im Rahmen von Riwo Grenzenlos diskutieren Christoph Pfluger, Karin Schwiter, Christine Maier, Ernst Stocker, Kaspar Michel, Michel Degen über die Finanzwelt. Bild: Michael Trost

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Die ehemalige Fernsehmoderatorin Christine Maier eröffnete als Leiterin der Gesprächsrunde über pekuniäre Angelegenheiten den Anlass mit einer kleinen, aber durchaus repräsentativen Umfrage. Wer aus Wollerau, wer aus Richterswil sei, fragte sie die Hundertschaft an Zuhörerinnen und Zuhörer, die sich am Donnerstagabend im Saal der Mehrzweck- und Gymnastikhalle Riedmatt in Wollerau eingefunden hatte. Wollerau behielt auf heimischen Boden nur knapp die Oberhand, fast so viele Richterswiler waren anwesend. Sinn und Zweck des Kulturfestivals Riwo Grenzenlos, die benachbarte Zürcher und Schwyzer Bevölkerung zusammenzuführen, wurden somit erfüllt.

Es folgte eine unterhaltsame, locker geführte Gesprächsrunde, die einige Lacher im Publikum auslöste. So schloss der Zürcher Regierungsrat und Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) sein Statement zur Entwicklung vom einst ärmlichen Wollerau zum bei den Reichen begehrten Steuerdomizil mit den Worten: «Ich hoffe, dass sich Richterswil nach diesem Abend nicht in den Kanton Schwyz eingemeinden will.» Karin Schwiter, Schwyzer Kantonsrätin (SP), nahm sich der Sache hingegen kritisch an. «Dass Wollerau kein Armenhaus mehr ist, geht in Ordnung.» Aber sie frage sich, ob nicht übers Ziel hinausgeschossen worden sei. «Zunehmend leben im Ort nur noch reiche Bonzen aus aller Herren Länder und verdrängen mit ihren Villen die einheimischen Leute.»

Rund 10 000 Franken weniger Steuern

Stockers Amtskollege, der Schwyzer Regierungsrat und Finanzdirektor Kaspar Michel (FDP), lieferte die handfesten Gründe zum Aufschwung Wolleraus: Der Anschluss an die Autobahn im Jahr 1968 sei wichtig gewesen, wie auch die Verbesserungen im ÖV. «In dreissig Minuten erreichte man den Zürcher Paradeplatz.» Ausbezahlt habe sich ebenso die Verfügbarkeit von günstigem Bauland. «Es gab keine grossen Industriebetriebe, die Platz beanspruchten.» Nützlich seien in den 1980er Jahren zudem die gezielten Steuererleichterungen für juristische Personen gewesen. «Das löste eine Magnetwirkung aus.»

«Im oberen Einkommen sind die Unterschiede zugunsten Wolleraus enorm, mehr sage ich nicht dazu.»Der Zürcher Regierungsrat und Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP)

Nun war das Thema Steuern aufs Tapet gekommen, und das Publikum lauschte gespannt, ob es denn nun zu einem Vergleich der Abgaben zwischen den Steuerpflichtigen aus Wollerau und Richterswil kommen würde. «Im oberen Einkommen sind die Unterschiede zugunsten Wolleraus enorm, mehr sage ich nicht dazu», sagte Stocker, ehe Michel mit einem konkreten Beispiel die Katze aus dem Sack liess. Er nahm an, eine alleinstehende Person, ohne Kinder und reformiert weise ein jährliches Bruttoeinkommen von 150 000 Franken auf. «Dann bezahlt diese Person in Richterswil 26 385 Franken, in Wollerau 16 781 Franken an Bund, Kanton und Gemeinde.» Ein Raunen ging durch die Menge.

Das Podium wurde ergänzt durch den Solothurner Journalisten und Buchautoren Christoph Pfluger und den gebürtigen Basler Finanzexperten Michel Degen, heute in Wollerau wohnhaft. Stocker bezeichnete Solothurn scherzhaft als eher ungünstiges Steuerdomizil, das vom Finanzausgleich aus dem Kanton Zürich profitiere und begrüsste Degen als Mitglied des Basler «Daigs», der alteingesessenen Basler Oberschicht. Pfluger nahm sich dem Pekuniären eher philosophisch an, Degen zeigte sein Fachwissen und übte speziell Kritik an den grassierenden Negativzinsen: «Sie sind ein nicht natürliches Investitionsverhalten, ein Umdenken muss stattfinden.»

Ueli Wäber (links) und Christoph Bachmann bei der Zubereitung der Armensuppe. Bild: Michael Trost.

Armensuppe in Wollerau

Der Abend nahm einen überraschenden, kulinarischen Ausklang. Kredenzt wurde ausgerechnet im reichen Wollerau eine nahrhafte Armensuppe, nach einem Rezept aus Zeiten des spätmittelalterlichen Toggenburgs, gekocht von der Becki-Chuchi Wollerau mit Christoph Bachmann und Ueli Wäber am Herd. «Ja, wir wollten mit der Suppe bewusst provozieren», sagte Kuratorin Carole Kambli, die zusammen mit Edith Werffeli das Festival organisierte. Das Konzept ging wiederum auf: Die Suppe war ein weiteres Gesprächsthema für die Wollerauer und Richterswiler. Und sie mundete gut.

Erstellt: 20.09.2019, 15:12 Uhr

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