Wädenswil

Ein Wohnexperiment auf 33 Quadratmetern und vier Rädern

Mitten im Zentrum der Au steht ein spezielles, kleines Häuschen: Die Tilla. Gemeinsam mit seiner Partnerin will Bewohner Réne Reist zeigen, dass ein energieautarkes Leben möglich ist.

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Ist es bereits heute möglich, vollkommen energieautark zu wohnen und nicht von einem Netzanschluss abhängig zu sein? Ja. Zumindest wenn es nach René Reist geht. Der 33-Jährige, der beruflich für die Energie Genossenschaft Zimmerberg tätig ist, will aufzeigen, dass mit den heute verfügbaren Techniken Wohnräume gestaltet werden können, die sowohl ökologisch als auch ökonomisch und sozial nachhaltig sind. «Ich glaube, dass die Energieziele, welche die Schweiz sich für 2050 gesetzt hat, bereits heute umgesetzt werden können», sagt Reist.

Zu diesem Zweck hat er gemeinsam mit seiner Partnerin Amelie Böing das Projekt «Tilla» — kurz für tiny villa oder kleine Villa — ins Leben gerufen. Die Tilla, eine 33 Quadratmeter grosse Mobilie auf Rädern, steht nun seit gut einer Woche an der Alten Landstrasse mitten im Zentrum der Au. Zwei Jahre lang will das Paar gemeinsam mit Sohn Nuori in der Tilla wohnen und herausfinden, ob diese Wohnform den heutigen Anforderungen an Lebensqualität standhält und in der Gesellschaft einen Platz findet.

Von wegen Zirkuswagen

René Reist ist es wichtig, die Tilla nicht als Wohnwagen oder gar Zirkuswagen zu beschreiben. «Die energieautarke, mobile Kleinwohnform wird oft in Verbindung gebracht mit linksautonomen Kreisen oder der Gemeinschaft der Fahrenden», sagt er. «Von diesem Image wollen wir uns lösen.»

«Beim Einrichten sowie beim nachhaltigen Leben im Allgemeinen ist es wichtig, sich zu überlegen, was man wirklich braucht.»
René Reist

Die Tilla bietet denn auch viel mehr Annehmlichkeiten, als man denkt. Wohn-, Ess- und Schlafzimmer befinden sich zwar zusammen mit der Küche in einem grossen Raum, dieser ist jedoch erstaunlich geräumig. Durch die vielen Fenster und die verglaste Türe strömt helles Licht in den Raum. «Wir arbeiten derzeit noch an einem Konzept, wie wir den verfügbaren Platz möglichst optimal nutzen können», sagt Amelie Böing. «Beim Einrichten der Tilla sowie beim nachhaltigen Leben im Allgemeinen ist es wichtig, sich zu überlegen, was man wirklich braucht», sagt die 32-Jährige. So hätte Sie gerade bei der Küche einige Kompromisse eingehen müssen. «Denn hier ist der Platz schon recht beschränkt.» Und auch das Aufhängen der Bilder gestaltet sich in der Tilla als Herausforderung, denn es gibt bloss zwei freie Wände. «Ein bisschen Deko muss jedoch sein, um ein Zuhause zu schaffen, in dem wir uns wohlfühlen», sagt Amelie Böing.

Ein ausgeklügeltes System

Das Leben auf kleinstem Raum sind sich Amelie und René Reist gewohnt. So haben beide während ihrer Reisen durch die Welt schon öfter auf kleinstem Raum gelebt. Zuletzt wohnte das Paar gemeinsam mit elf weiteren Personen in einem alten Riegelhaus in der Au. «Klar kommt es zu Konflikten, wenn man auf relativ engem Raum zusammenlebt», sagt René Reist. «Es lohnt sich aber, ins Zusammenleben zu investieren.» So sei es wichtig, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und stattdessen den direkten Austausch zu suchen.

Nachhaltigkeit hat das Paar auch vor dem Projekt Tilla schon grossgeschrieben. «So nachhaltig wie jetzt konnten wir in einem alten Haus mit Gasheizung jedoch nicht leben», sagt Réne Reist. So wurde die Tilla ausschliesslich aus nachwachsenden Ressourcen gebaut. Die Solarzellen auf dem Dach produzieren genügend Energie für den Kühlschrank, die Haustechnik und die elektronischen Geräte. Sogar mit mobilem Internet ist die Tilla ausgestattet. Von Verzicht soll also nicht die Rede sein.

Sobald der Energiespeicher voll ist, werden die Wasserspeicher erwärmt. In den Wintermonaten werden Wohnraum und Warmwasserspeicher zudem mit einem wassergeführten Holzofen aufgeheizt. «Die kalten Monate werden zeigen, wie gut das System ist», sagt Reist. In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) wird zudem die lokale Aufbereitung des Grauwassers durch eine Pflanzenkläranlage getestet.

Die Energiespeicher, die Wasserspeicher sowie die Stromkreisläufe sind im Boden des Hauses eingelassen. Über das Internet können die einzelnen Kreisläufe gesteuert und dem Bedarf angepasst werden. «Die Steuerung der Systeme ist noch eine Herausforderung», sagt René Reist. Er habe jedoch täglich Aha-Erlebnisse und fange an, die Systeme immer genauer zu verstehen. «Wir lernen die Tilla immer besser kennen und passen unsere Gewohnheiten entsprechend an», sagt er.

Der Gegenwehr getrotzt

Die Familie versucht, das nachhaltige Leben auf ganzer Linie durchzuziehen und auch bei der Ernährung oder der Kleidung auf lokale, faire Produktion zu achten. Einzig der Herd ist noch ein Knackpunkt. Bis jetzt wird dieser noch mit Flüssiggas betrieben. «Wir prüfen jedoch, ob es möglich wäre, ab nächstem Jahr einen Kleinbiogasreaktor ans System anzubinden oder biologisches Flüssiggas zu bekommen und somit auch diesen letzten CO2 Ausstoss zu minimieren», sagt René Reist.

Dass die Tilla heute tatsächlich steht, ist vor allem René Reists Pioniergeist und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. «Ich weiss nicht, ob ich es alleine durchgezogen hätte», sagt Amelie Böing. «Ich hätte nicht gedacht, dass Pionier sein so viel Mut erfordert.» Die Idee für das Projekt Tilla hatte das Paar schon vor eineinhalb Jahren. Behördliche Vorgaben sowie die Baubewilligung, die auch für eine Mobilie wie die Tilla nötig ist, haben das Paar viel Kraft gekostet. «Als ich dann schwanger wurde, war ich mehrmals kurz davor, das Ganze hinzuschmeissen», sagt Amelie Böing.

Besonders das anfängliche Misstrauen dem Projekt gegenüber machte ihr zu schaffen. Doch das ist mittlerweile Geschichte. Seit die Tilla auf dem 300 Quadratmeter grossen Landstück der reformierten Kirche steht, das zur Zwischennutzung freigegeben wurde, hätte sie viele positive Rückmeldungen erhalten. Viele Leute bleiben stehen und lesen interessiert die Infotafel, die vor dem Garten angebracht ist. Sobald sich die Familie fertig eingerichtet hat, sollen Besuchstage und Infoanlässe veranstaltet werden. Das Ziel ist es, die Leute von ihrer Vision zu überzeugen: Das es möglich ist, eine nachhaltige Siedlung aufzubauen und das Wohnkonzept auf eine Gemeinschaft zu erweitern.

Weitere Infos unter: www.projekt-tilla.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.10.2018, 18:23 Uhr

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