Radsport

Auf Velotour mit dem WM-Fahrer aus Aleppo

Badreddin Wais flüchtete vor drei Jahren in die Schweiz. Nun konnte der 26-jährige Syrer, der am Zürichsee lebt und trainiert, an der Rad-WM der Elitefahrer starten. Eine Radfahrt mit dem ehrgeizigen Flüchtling.

Badreddin Wais (rechts) erzählt Redaktor Markus Hausmann von seiner Flucht aus Syrien, der Teilnahme an der Rad-WM in Norwegen und von seinen Zukunftsplänen als Sportlehrer.

Badreddin Wais (rechts) erzählt Redaktor Markus Hausmann von seiner Flucht aus Syrien, der Teilnahme an der Rad-WM in Norwegen und von seinen Zukunftsplänen als Sportlehrer. Bild: Michael Trost

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Seine Beine schmerzen noch immer. Bei jedem Tritt in die Pedale. Doch es sind schöne Schmerzen, die Badreddin Ahmad Wais an diesem sonnigen Herbsttag verspürt, als wir in Wädenswil zusammen zu einer kleinen Radtour aufbrechen. Denn sie erinnern ihn an seinen Auftritt, der zwei Tage zurückliegt: Am Mittwoch der letzten Woche mass sich Wais an den Weltmeisterschaften in Norwegen mit den allerbesten Radfahrern. Im Zeitfahren trat er gegen Namen wie Chris Froome, Tom Dumoulin und Tony Martin an. Er, Badreddin, der Syrer aus dem vom Krieg zerstörten Aleppo, der seit drei Jahren in Pfäffikon SZ wohnt. Wer ist dieser Mann?

Um ihn kennen zu lernen, habe ich mich mit ihm zu dieser Ausfahrt in die hügeligen Gebietedes linken Zürichseeufers ver­abredet. So pedalen wir also von Wädenswils Zentrum gemütlich hoch in Richtung der Berggemeinden. Zuerst der Hauptstrasse entlang, dann folgen wir Wiesen und Feldern. Und Badreddin Wais erzählt gut gelaunt von der WM, dem emotionalen Höhepunkt seiner Sportlerkarriere: «Syria, Syria – Wais, Wais haben die Leute gerufen.» Als wäre er der grosse Star des Rennens, so hätten ihn die Norweger am Strassenrand vorangetrieben. «Es war wirklich verrückt.» Er landete auf dem 60 Platz von 64. Aber das Resultat ist zweitrangig. «Ich wollte meinem Land und meiner Familie eine Freude machen», sagt Wais, der vom syrischen Radsportverband an die WM geschickt wurde.

«Ich wollte meinem Land und meiner Familie eine Freude machen.»Badreddin Wais

Für diesen Verband fuhr er sechs Jahre lang, wurde einst syrischer Juniorenmeister und gewannan der arabischen Meisterschaft 2014 die Bronzemedaille. Doch noch im selben Jahr hängte Badreddin Wais seine Profikarriere an den Nagel. Er ergriffdie Flucht. In Aleppo, wo er aufgewachsen war, sah er keine Zukunft mehr. «Viele meiner Freunde sind im Krieg gestorben», erinnert er sich. Seine Eltern und seine beiden Brüder waren bereits 2013 geflohen.

Er selber war zu dieser Zeit in Damaskus, studierte dort Sport. Aber auch in der syrischen Hauptstadt fühlte er sich nicht sicher. Denn als Mitglied des Rad-Nationalkaders wurde er mit dem Assad-Regime in Verbindung gebracht. So erhielt Wais eines Tages per SMS Morddrohungen. Ausgerechnet er,der mit Politik eigentlich nichts zu tun haben will. «Das war der Moment, in dem ich entschied, zu gehen.» Über den Libanon, die Türkei – wo seine Familie heute lebt – und Griechenland gelangte er anschliessend in die Schweiz.

All das erzählt der 26-Jährige in einem Deutsch, das staunen lässt. Denn seit seiner Flucht hierher hat er nicht nur viel Zeit auf dem Velo verbracht, sondern sass auch oft im Deutschunterricht. «Die Sprache ist der Schlüssel», sagt er selber, als wäre er ein Integrationsexperte. Seine Sätze wirken denn auch überlegt, seine Ausstrahlung ist sympathisch. Ob-wohl wir uns noch keine Stunde kennen, spricht Badreddin Wais offen und ehrlich – und immer wieder mal mit schweizerdeutschem Einfluss. «Ich säg dir, du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen.»

Die schnellen sprachlichen Fortschritte hat er aber nicht nur dank mehrerer Intensivkurse und hartnäckigem Wörterbüffeln erzielt, sondern auch, weil er sich nicht scheut, andere Radfahrer anzusprechen. «Beim Velofahren lerne ich Menschen kennen, Orte und Kulturen.» Auch hier im Bezirk Horgen kennt sich der Flüchtling, der 2016 die Aufenthaltsbewilligung B erhalten hat, bestens aus. Wais weiss genau,wo es auf unserer Tour lang geht. Die Region gehört zu seinem Trainingsgebiet, das sich vom Bodensee bis in die Innerschweiz erstreckt. Rund 500 Kilometer legt er wöchentlich auf dem Velosattel zurück.

Seit diesem Jahr gehört der Syrer zum Rad-Team des Sportfach­geschäfts Tempo Sport aus Thalwil. Dieses hat ihn von Kopf bis Fuss mit bestem Material ausgerüstet und ihm ein Hightech-Velo gesponsert. Auch deshalb wirkt Badreddin Wais auf unserer gemeinsamen Fahrt nicht wie ein Fremder, sondern wie einer der vielen ambitionierten Sportler aus der Region.

«Beim Velofahren lerne ich Menschen kennen, Orte und Kulturen.»Badreddin Wais

Seine Erfolge mit dem Team Tempo Sport haben schliesslich dazu geführt, dass er vom syrischen Verband für die WM auf­geboten wurde. Eine Erfolgs­geschichte durch und durch. Doch der fröhliche Velofahrer mit Dreitagebart lässt mich auch in seine schwierigen Zeiten einblicken. Zum Beispiel als er im Juli 2016 vom Tod seines Vaters erfahren hat. «Das war für mich wirklich sehr, sehr hart», sagt Wais, während er die Tränen zurückzuhalten versucht. Zur Familie zu reisen, war nicht ­möglich. «Hart» und gleichzeitig schön sei hingegen seine allererste Radfahrt in der Schweiz gewesen, damals im Herbst 2014. «Dort habe ich realisiert, dassich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens in diesem Land bleiben werde.»

Für eine Rückkehr nach Syrien sieht er keine Möglichkeit. Darum richtet Badreddin Wais den Blick nach vorne. In der Schweiz möchte er Sportlehrer werden. Im April besuchte er deshalb als «Schnupperstudent» die Eidgenössische Hochschule für Sport in Magglingen. An der anspruchsvollen Aufnahmeprüfung ist er im Sommer zwar gescheitert. Aber nächstes Jahr soll es klappen. Neben der Arbeit in einem Discounter und dem Radfahren möchte er sich nun intensiv auf diese Prüfung vor­bereiten. In neun Sportarten wird er bestehen müssen, um seinen ehrgeizigen Traum weiterverfolgen zu können.

Am Ende unserer Tour habe ich das Gefühl, diesen jungen Mann bereits seit Jahren zu kennen. Und ich könnte ihm noch viel länger zuhören. Doch Wais muss weiter, hat einen Termin: SRF möchte die Geschichte des Radfahrers aus Aleppo auch hören. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass er sie erzählt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.09.2017, 08:26 Uhr

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