1. August

Hohe Erwartungen an die Festredner

Ob Gemeinderat oder Verkehrsverein, ob Jodlerklub oder Kulturkommission: Alle hoffen, dass sie die passende Person gefunden haben, die am Nationalfeiertag die Ansprache hält. Vor allem soll sie möglichst viele Besucher an die Bundesfeier locken.

Je prominenter der Gastredner, desto grösser der Publikumsaufmarsch: Aber erst die Wirkung der Rede entscheidet über den Erfolg der Feier.

Je prominenter der Gastredner, desto grösser der Publikumsaufmarsch: Aber erst die Wirkung der Rede entscheidet über den Erfolg der Feier. Bild: Archiv Heinz Diener

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Christoph Blocher garantiert volle Festzelte. Ob man ihm zustimmt oder nicht: Er regt zum Nachdenken an über die persönliche Beziehung zur Heimat und sorgt für Diskussionsstoff. Aber Blocher kann nicht überall reden.

Darum suchen landauf, landab die Veranstalter von Bundesfeiern nach attraktiven Festrednerinnen und Festrednern – auf unterschiedlichen Wegen. An den beiden Zürichsee-Ufer gibt es in jeder Gemeinde eine Ansprache, im Linthgebiet nur in sechs von zehn Gemeinden.

Auf einen Blick: Die 1. August-Feiern rund um den Zürichsee und im Linthgebiet.

Skirennläuferin und Heimat

Im Stadtrat von Adliswil wechselt die Zuständigkeit für die Bundesfeier jedes Jahr. Diesmal ist Raphael Egli (CVP) Organisator. «Als ehemaliger Athlet wollte ich unbedingt jemanden vom Sport haben», sagt der ehemalige Weltklasse-Rollschuhläufer. «Ich bin im Fanclub von Simone Wild und habe sie im Frühling angefragt.»

Die Skirennläuferin wolle aber keine herkömmliche Rede halten. «Daher machen wir ein Interview zu den Hauptthemen Adliswil, Region, Schweiz und – ganz wichtig bei Menschen, die wie Simone so viel in der Welt unterwegs sind ­– zum Heimatgefühl.»

Eine logische Wahl

In Gommiswald tritt Gemeindepräsident Peter Hüppi (SP) ans Rednerpult. Für Otmar Arnold (CVP), der als Gemeinderat für Kultur und Freizeit den Nationalfeiertag vorbereitet, lag die Wahl auf der Hand. «Er ist unser neuer Gemeindepräsident.» Es müssten aber nicht immer Politiker sein, fügt er an. «Es sollte einfach jemand sein, der in der Rede eine Botschaft über die Schweiz rüberbringen kann.»

«Nicht jeder Mensch, der etwas geleistet hat, ist automatisch ein guter Redner.»Otmar Arnold, Gommiswald

Auch in Oetwil wollte man niemand aus der Ferne holen, wenn der neue Gemeindepräsident die beste Lösung sei, wie der verantwortliche Gemeinderat Thomas Bakker (parteilos) es begründet: «Es lag auf der Hand, dass Jürg Hess die Festrede hält.» Hess (SVP) könne sich mit seiner Ansprache der Bevölkerung vorstellen und Bürgernähe zeigen. «Bürgernähe ist ja eines unserer Legislaturziele», sagt Bakker.

Denkanstösse geben

Ebenfalls ein «lokaler Held» ist Daniel Jositsch. Der Zürcher SP-Ständerat tritt in seinem Wohnort Stäfa auf. Für Gemeindepräsident Christian Haltner (FDP) trifft bei Jositsch ein wichtiges Kriterium zur Wahl zu: «Es sollen Redner sein, denen man zuhört. Sie sollen Denkanstösse und Botschaften abgeben über den Geburtstag unserer Heimat aus der Perspektive ihres persönlichen Umfelds.»

Aber für Haltner müssten es nicht immer Politiker sein. «Ich möchte möglichst Menschen mit besonderer Lebenserfahrung aus vielen Bereichen in Stäfa reden hören – Wirtschaft, Kultur, Gewerbe, Ingenieure.» Darum plane er in Absprache mit dem Verkehrsverein jetzt schon für 2018 und 2019. Unkonventioneller Weg

Gar drei Protagonisten aus der eigenen Stadt stehen am 1. August in Rapperswil-Jona auf der Bühne. Es sind dies die Nationalräte Barbara Keller-Inhelder (SVP) und Marcel Dobler (FDP), die ein von der ebenfalls einheimischen Moderatorin Regula Späni befragt werden. Das gabe es in der Rosenstadt noch nie.

Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP) begründet den neuen Weg: «Wir wollen etwas Unkonventionelles ausprobieren.» Keller-Inhelder und Dobler seien zwei Nationalräte von hier in der Halbzeit ihrer ersten Legislatur. «Zusammen mit der Moderatorin ergibt das wunderbaren Lokalkolorit und es ist ein schöner Kontrast zur klassischen Rede.», sagt Stöckling.

«Die machen das gerne»

Reto Studer bestellt als Präsident des Verkehrsvereins Richterswil-Samstagern seit 13 Jahren die Festredner. «Wir erwarten Worte, die einen Bezug zum Geburtstag der Schweiz haben. Es sollte auch jemand reden, der rhetorisch gut ist, damit nicht im Publikum einfach weiter gschnurret wird», sagt er. Vorgaben mache er aber keine, höchstens, dass die Rede nicht länger als 20 Minuten dauern sollte. «Sonst beginnt wieder das Gschnurr», sagt er und lacht herzhaft.

Diesmal fiel die Wahl auf Nationalrätin Natalie Rickli. Studer fragte die SVP-Politikerin bereits für 2016 an, weil sich der mitveranstaltende Turnverein Rickli wünschte. Damals sagte sie ab, versprach aber ihr Kommen für dieses Jahr. «Daher war es diesmal gar nicht schwierig», beschreibt Studer das Engagement der Festrednerin. «Eigentlich hatte ich noch nie Mühe, jemanden für die Festrede zu engagieren. Die machen das gerne.»

Stocker soll Wirtschaft füllen

Problemlos lief es in Erlenbach, wie Richard Lauber, Präsident des die Bundesfeier organisierenden Jodelklubs Deheim Erlenbach erzählt. «Ich habe Regierungsrat Ernst Stocker vor rund drei Monaten schriftlich angefragt und er hat gleich zugesagt.» Seine Erwartungen an den SVP-Finanzdirektor sind klar umschrieben: Er soll möglichst viele Leute zur Bundesfeier anziehen. Davon würde auch die Festwirtschaft profitieren. Inhaltlich gebe es keine Vorgaben. «Wir sind ein Jodelklub, Herr Stocker ist volksnah und gut bürgerlich. Er passt daher sehr gut zu uns in Erlenbach.»

Keine Vorgaben an Redner

Grundsätzlich werde das Thema den Eingeladenen überlassen, erklärt Otmar Arnold. «Es soll ja etwas mit dem Beruf und Leben des Redners zu tun haben – in Verbindung mit der Geschichte von unserem Land oder unserem Kanton oder Gemeinde», sagt der Gommiswalder.

Martin Stöckling erwartet Inhalte, «die ansprechen, die zum Nachdenken anregen». Und ein Kontext zur Schweiz soll in der Rede hergestellt werden.

Vorgaben macht auch Christian Haltner keine. Er kenne die Kandidaten für eine Ansprache persönlich. Aber einmal treffe er sich mit ihnen. Falls sie nicht aus Stäfa sind, erzählt er ihnen über die Gemeinde, «damit sie wissen, wo und vor wem sie auftreten.» Wert legt der Gemeindepräsident darauf, dass die Redner Ürikon erwähnen. «So schlagen sie eine Brücke zum zweiten Gemeindeteil. Das kommt gut an.»

Nicht jeder ist guter Redner

Die grösste Schwierigkeit bei der Verpflichtung von Fesrednern ist für Haltner der Faktor Zeit. «Die Ferien können ein Hindernis sein.» Bei Kulturschaffenden wiederum stünden im Sommer Engagements im Weg.

«Es sollte jemand reden, der rhetorisch gut ist, damit nicht im Publikum weiter gschnurret wird.»Reto Studer, Verkehrsverein Richterswil-Samstagern

Auch für den Adliswiler Raphael Egli war das Engagement von Skirennläuferin Wild eine zeitliche Zitterpartie. «Simone konnte mir wegen des Trainingsplans erst im Mai definitiv zusagen und kommt auch direkt vom Trainingslager am 31. Juli heim nach Adliswil.»

Der Gommiswalder Gemeinderat Otmar Arnold beginnt mit dem Engagement «etwa ein halbes Jahr im Voraus, manchmal muss man noch früher mit der Suche beginnen». Er nennt noch einen anderen Grund, weshalb die Wahl der Festredner schwierig ist: «Es ist nicht immer einfach jemanden Passenden zu finden. Denn nicht jeder Mensch, der etwas geleistet hat, ist automatisch ein guter Redner.»

i-Punkt auf Einbürgerung

In Langnau hält Irina Schönen die Ansprache. Ihre Stimme kennt man aus dem Schweizer Fernsehen SRF und bis vor einigen Jahren war sie in den Zügen und Bahnhöfen zu hören quer durchs ganze Land. Sie hat also so manche Pendler durch den Alltag begleitet.

Die Schauspielerin und Sprecherin wurde im Frühling von der Kulturkommission angefragt. «Das hat mich überrascht und sehr gefreut. Sofort habe ich meine Ferien auf nach den 1. August verschoben.»

Schönen ist als Deutsche in der Schweiz aufgewachsen und wurde vor drei Jahren in Langnau eingebürgert. «Es ist eine grosse Ehre, denn die Bundesfeier ist für mich der Inbegriff von Schweiz und Patriotismus», sagt sie. Als Eingebürgerte die Rede halten zu dürfen «ist sozusagen das i-Pünktchen auf meiner Einbürgerung, die Spitze meiner Verwurzelung in der Schweiz.» Darum steht ihre Ansprache auch unter dem Titel «Wurzeln schlagen und ankommen».

Sie bekennt, aufgeregt zu sein. «Ja, ich habe Lampenfieber. Ich bin es mir zwar gewohnt Texte vorzutragen, aber diesmal ist es mein eigener Text. Das ist etwas ganz anderes.»

«Rede nicht zwingend»

Schmerikon organisiert zwar eine Bundesfeier aber ohne Ansprache. „Es war in diesem Jahr niemand naheliegend oder hat sich angeboten“, erklärt Gemeinderat Urs-Peter Kälin (CVP). Vor einem Jahr sprach der Kulturbeauftragte der Behörde noch selbst zur Festgemeinde.

Diesmal begrüsst er nur die Besucher in der Badi Schmerikon zur Bundesfeier. „Ich wollte nicht noch einmal die Rede halten nur damit geredet ist.“ Kälin kann sich neue Formen der Feier in der Schmerkner Badi vorstellen: „Eine heitere, lockere Veranstaltung zum Geburtstag der Schweiz mit Einbezug des Publikums. Es braucht nicht zwingend eine ernsthafte Ansprache.“

Erstellt: 27.07.2017, 16:07 Uhr

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