Wädenswil

Komitee befürchtet eine Europaallee in Wädenswil

Das Komitee um zwei Bewohner der Au will Hochhäuser in Wädenswil mittels einer Volksinitiative verbieten. Doch der Initiativtext widerspricht übergeordnetem Recht.

Mit einer Volksinitiative reagieren zwei Bürger auf den Bauboom der letzten Jahre in der Au.

Mit einer Volksinitiative reagieren zwei Bürger auf den Bauboom der letzten Jahre in der Au. Bild: Manuela Matt

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«Überall sollen Häuser in die Höhe schiessen. Bald sieht es in Wädenswil aus wie an der Europaallee in Zürich.» Für René Kappeler aus der Au steht fest, wenn nichts geschieht, verliert Wädenswil über kurz oder lang seinen Charme. Um dies zu verhindern wollen er und Luciano Pelloni eine Volksinitiative lancieren, welche für das Wädenswiler Gemeindegebiet eine maximale Gebäudehöhe von 19.5 Metern und eine maximale Ausnützungsziffer von 100 Prozent definiert. Beide Initianten sind auch Mitglieder der IG Wädi Au, die sich gegen den geplanten Au-Park stark macht. Die Initiative habe jedoch nichts mit dem Au-Park zu tun, es gehe um die Lebensqualität in ganz Wädenswil, betont Kappeler.

Im Juli überreichten Kappeler und Pelloni den Initiativtext dem Stadtrat zur Vorprüfung. Mit dieser wollten sie sicherstellen, dass die Initiative einerseits formal korrekt und mit der Gesetzeslage vereinbar ist. Nun hat die Stadt Wädenswil den Initianten Rückmeldung gegeben, dass der Text in verschiedenen Punkten mit dem Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG) in Konflikt stehe, und nicht dem übergeordneten Richtplan entspreche. Dies habe die fachliche Prüfung durch das kantonale Amt für Raumentwicklung (ARE) ergeben.

Widerspruch zur 80/20-Regel

Der 2014 vom Kantonsrat festgesetzte Richtplan sieht vor, dass 80 Prozent des Bevölkerungswachstums im Kanton bis 2040 in urbanen Gebieten konzentriert werden soll. Die restlichen 20 Prozent entfallen laut der 80/20-Regel auf die ländlichen Gebiete. «Die Stadt Wädenswil ist den urbanen Handlungsräumen zugeteilt und hat deshalb einen Beitrag zur Zielerreichung zu leisten», erklärt Markus Pfanner, Sprecher der Baudirektion. Für einzelne Gemeinden erstellt das ARE keine detaillierten Zuwachsraten. Aufgrund der Vorgaben aus dem Richtplan ist für den gesamten Bezirk Horgen jedoch mit einem Bevölkerungsanstieg von 25 Prozent auf 155 000 Einwohner auszugehen. Wenn eine maximale Gebäudehöhe definiert und die Ausnützungsziffer auf 100 Prozent beschränkt würden, sei infrage gestellt, ob in Wädenswil noch genügend Kapazitäten vorhanden wären, um den richtplanerischen Vorgaben gerecht zu werden, sagt Pfanner.

Dem widerspricht Kappeler. «Auch mit den geforderten Beschränkungen hätte Wädenswil genug Kapazitätum das Bevölkerungswachstum aufzufangen.» Dies hätten eigene Berechnungen gezeigt, sagt Kappeler. «Wenn jedes Grundstück in Wädenswil mit einer Ausnützungsziffer von 100 Prozent bebaut wäre, hätte es genug Platz für 55 000 Einwohner.» Nach Kappelers Hochrechnung könnte Wädenswil folglich seine aktuelle Einwohnerzahl von rund 21 500 mehr als verdoppeln. Dies ohne die, nach Kappelers Meinung, übermässige Verdichtung und Hochhäuser.

Die Krux an der Initiative ist der vom ARE identifizierte Widerspruch zum Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Dieser Widerspruch könnte der Initiative das Genick brechen. «Sollte die Initiative dereinst zustande kommen und würde sie vom Stimmvolk angenommen, müsste die Wädenswiler Bau- und Zonenordnung (BZO) entsprechend überarbeitet und dem Kanton zu Genehmigung vorgelegt werden», sagt Pfanner. Es sei davon auszugehen, dass der Kanton diese überarbeitete BZO nicht genehmigen würde, da sie gegen übergeordnete Vorgaben verstosse.

Davon lassen sich Kappeler und seine Mitstreiter jedoch nicht ins Bockshorn jagen. «Wir haben einen Baujuristen damit beauftragt, den Text zu überprüfen und Änderungsvorschläge zu machen.» An der Kernforderung, sowohl Ausnutzungsziffer als auch Gebäudehöhen zu deckeln, würden sie aber definitiv festhalten.

«Das gehört zur Demokratie»

Wädenswils Stadtpräsident Philipp Kutter (CVP) hält indes wenig von generellen Verboten, wie die Initianten sie fordern. «Auch wir wollen massvoll verdichten. Wo welches Mass richtig ist, wollen wir aber situationsbezogen beurteilen können.» Ausserdem gebe das bestehende Baurecht bereits Grenzen vor. «Ab 25 Metern Gebäudehöhe wachsen auch die Hürden», sagt Kutter. Wer über 40 Meter hoch bauen wolle, müsse gar die ganze Region von seinem Vorhaben überzeugen. Grundsätzlich verstehe er zwar das Anliegen der Initianten. In der Bevölkerung bestehe generell ein gewisses Unbehagen in Bezug auf die Verdichtung, das sei in Wädenswil im Zuge der Revision des kommunalen Richtplans und der Diskussion um den Au-Park spürbar geworden. Die Vorgaben des Kantons seien jedoch klar: Siedlungen sollen nicht mehr weiter in die Breite wachsen, sondern das bestehende Siedlungsgebiet besser nutzen. Dies bedeute auch, in die Höhe zu bauen und Grundstücke optimal zu nutzen. Entsprechend kritisch sieht Kutter die geforderte Deckelung, mit der gar bestehende Häuser nicht mehr gebaut werden könnten.

Die Initiative nimmt er dennoch gelassen. «Das gehört zu unserer Demokratie.» Er hoffe aber, dass die Initianten in ihrem überarbeiteten Text eine Formulierung wählen, die mit übergeordnetem Recht vereinbar ist — auch in ihrem Sinne. «Es wäre schade, wenn sie sich die Mühe machen Unterschriften zu sammeln und die Initiative dann für ungültig erklärt werden muss.» René Kappeler erwartet in den kommenden Wochen die Rückmeldung des Baujuristen. Er plant noch in diesem Jahr mit dem Sammeln von Unterschriften zu beginnen. «Wir geben nicht auf.»

Erstellt: 30.10.2018, 17:23 Uhr

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Im September 2017 krebste der Stadtrat schliesslich zurück, kippte die Hochhauseignungsgebiete wieder aus dem revidierten Richtplan und kehrte zurück zum Status quo. Somit sind Hochhäuser auf Wädenswiler Siedlungsgebiet theoretisch möglich. Voraussetzung ist allerdings die Ausarbeitung eines Gestaltungsplans, welcher vom Parlament bewilligt werden muss und dem Referendum unterliegt. (fpr)

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