Firmennachfolge

«Habe früher niemanden neben mir geduldet»

Die Tuwag Immobilien AG in Wädenswil steht mitten im Ablösungsprozess an der Spitze. Der Nachfolger von Geschäftsführer Heiner Treichler ist bereits fünf Jahre vor dessen Pensionierung bestimmt.

Den Nachfolgeprozess frühzeitig eingefädelt und auf den Weg gebracht: Tuwag-Chef Heiner Treichler (links) und sein designierter Nachfolger Thomas Brassel. Foto: André Springer Paul Stämpfli, Nachfolge-Berater.

Den Nachfolgeprozess frühzeitig eingefädelt und auf den Weg gebracht: Tuwag-Chef Heiner Treichler (links) und sein designierter Nachfolger Thomas Brassel. Foto: André Springer Paul Stämpfli, Nachfolge-Berater.

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Wie sich die Zeiten ändern. Vor 20 Jahren fanden 70 Prozent der Firmenübernahmen innerhalb der Familie statt. Heute sind es noch rund 40 Prozent. Die Jungen zeigen immer weniger Lust, die elterlichen Geschäfte weiterzuführen. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von den grösseren Möglichkeiten der Kinder bei der Berufswahl, anderen Lebenszielen und -vorstellungen wie die der Generation Babyboomer, bis hin zur Tatsache, dass es immer weniger Familienunternehmen gibt.

Diese Erfahrung musste auch Heiner Treichler machen, Mitinhaber und Geschäftsführer der Tuwag Immobilien AG in Wädenswil. Der 60-jährige führt das traditionsreiche Familienunternehmen, das letztes Jahr seinen 200. Geburtstag feierte, seit 30 Jahren. Seine beiden Söhne, 30 und 31 Jahre alt, sind im Baugewerbe tätig und verfolgen andere berufliche Ziele. Die Kinder seines Bruders sind für diesen Job noch zu jung.

Nun übergibt Treichler das Szepter an einen mittels Assessment ausgewählten externen Nachfolger. Das ganze Verfahren wurde so frühzeitig aufgegleist, dass selbst die Empfehlungen von Nachfolgeexperten übertroffen wurden. Diese sprechen davon, dass eine Stabübergabe spätestens mit 60 Jahren vorbereitet werden sollte. Bei der Tuwag wurden die ersten Schritte bereits vor drei Jahren eingeleitet, sozusagen proaktiv: «Ich habe genug Beispiele gesehen, wie man es nicht machen sollte», sagt Treichler. Sein Nachfolger, der 49-jährige Thomas Brassel, war 2013 als Stellvertreter von Treichler in die Firma eingetreten, mit dem Ziel, ihn als zukünftigen Geschäftsführer aufzubauen.

«Ich habe genug Beispiele gesehen, wie man es nicht machen sollte.»Heiner Treichler, Mitinhaber und Geschäftsführer der Tuwag Immobilien AG

Für Heiner Treichler ist «nicht matchentscheidend, dass immer ein Treichler an der Spitze des Unternehmens steht, sondern dass die Aktienmehrheit weiterhin bei uns liegt». Der Job als Tuwag-CEO könne nur mit Herzblut, guter Ausbildung und viel Engagement gemacht werden, oder gar nicht: «Nur weil einer Treichler heisst, kann er diese Aufgabe nicht erfüllen». Die Qualität müsse stimmen. Zudem sei es früher so gewesen, dass jemand einen Beruf ergriffen habe und diesem ein ganzes Leben lang treu geblieben sei. Heute seien die Möglichkeiten so breit gestreut und entstünden immer wieder neue Berufsfelder mit einer so hohen Durchlässigkeit, dass immer mehr hin und her gehüpft werde.

Kerngesunder Betrieb

Heiner Treichler sieht sich als Alphatier, «der früher niemanden neben sich geduldet hat». Irgendwann habe es bei ihm aber «Klick»gemacht, auch auf den sanften Druck des Verwaltungsrates hin und der Erfahrung mit seinem Vater, der kerngesund mit 54 Jahren von einem Tag auf den anderen gestorben ist.

Sein Pensum will Treichler falls möglich bis in drei Jahren auf 80 Prozent verringern, sich vermehrt aus dem Tagesgeschäft zurückziehen und sich auf ein paar ausgewählte Projekte konzentrieren, wie das neue Laborgebäude der ZHAW in Wädenswil für 90 Millionen Franken: «Aber ich werde sicher bis 65 im Geschäft sein». Dabei dürfte Treichler ein aktiverer Verwaltungsrat werden als üblich, «denn Thomas Brassel kommt von der anderen Seeseite, und der See trennt». Etwas vom wichtigsten in diesem Geschäft sei das Beziehungsnetz. In den kommenden fünf Jahren wird das Hauptaugenmerk von Treichler denn auch auf diesem Gebiet liegen, «und ich werde meinem Nachfolger diesbezüglich auch nach meinem Rücktritt Unterstützung anbieten». Als Mensch sei Brassel beim Team sehr schnell akzeptiert gewesen.

«Thomas Brassel kommt von der anderen Seeseite, und der See trennt.»Heiner Treichler, Mitinhaber und Geschäftsführer der Tuwag Immobilien AG

Die Gewissheit, sein Unternehmen in sicheren Händen zu wissen, lässt Heiner Treichler deutlich entspannter in die Zukunft blicken. Finanziell übergibt er den Betrieb in einem nach eigenen Angaben «kerngesunden Zustand». Die Verhandlungen mit der Bank hätten dies gerade wieder gezeigt, als es um den Kredit für den Neubau bei der ZHAW ging «und wir mehr erhalten haben, als wir eigentlich brauchen». Die Tuwag sieht er aber auch in Zukunft als Nischenplayer, getreu dem Grundsatz «Business is local».

Nicht für ausgeschlossen hält es der zweifache Grossvater, dass sich irgendwann einer aus dem Nachwuchs der Inhaberfamilie entschliessen wird, die Firma zu führen. Besitzmässig bleibt auch nach dem Ausscheiden von Heiner Treichler in fünf Jahren alles beim alten. Zwei Drittel der Anteile verbleiben bei der Familie, bestehend aus Heiner Treichler und seinen beiden Brüdern Ralph und Daniel sowie weiteren Familienmitgliedern, während ein Drittel bewusst breit gestreut ist - bei Bekannten, Politikern und Unternehmern aus der Region.

Erstellt: 19.02.2019, 13:44 Uhr

Nachgefragt

«Es ist ähnlich wie in der Natur»

Wieso haben so viele Familienbetriebe ein Problem mit der Nachfolgeregelung?
Paul Stämpfli: Das Thema der Nachfolgeregelung ist differenziert zu betrachten. Es gibt dazu keine allgemein gültigen Aussagen. Vorauszuschicken ist, dass es viele erfolgreiche Nachfolgeregelungen gibt. Der notwendige Eigentümerwechsel ist aber oft eine Zäsur, wohin der Weg gehen soll. Es ist ähnlich wie in der Natur, wo sterben und neu entstehen zum normalen Lebenszyklus gehört. Die oft gehörte Aussage, dass es zu wenige Nachfolger gibt, kann ich aus meiner Praxis nicht bestätigen. Jedes Unternehmen findet einen Nachfolger. Immer unter dem Vorbehalt, dass die Voraussetzungen für einen Übergang gegeben sind: gutes Geschäftsmodell, geordnete Finanzen, keine Verflechtungen von Privat- und Geschäftsvermögen, hohe Transparenz, intakte Zukunftsaussichten.

Halten sich die Patrons für unersetzlich?
Diese Frage kann nicht allgemein beantwortet werden, weil es viele unterschiedliche Persönlichkeiten gibt. Die Spanne zwischen autoritärem und kooperativem Führungsstil ist sehr breit. Autoritäre Chefs betrachten sich meistens als unersetzlich, weil sie alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. Dass dadurch ein spezielles Klima geschaffen wird, macht es für einen Nachfolger, wenn mal einer gefunden wird, schwierig. Eine neue Kultur einzuführen, wo jeder an seinem Arbeitsplatz Verantwortung übernimmt, ist delikat und braucht Zeit. Deshalb lassen sich autoritär geführte Unternehmen auch schlechter übergeben.

Welche Fehler werden von den KMU-Besitzern bei der Unternehmensnachfolge am häufigsten gemacht?
Zurückhaltung gegenüber externen Nachfolgeberatern. Sie sind sich gewohnt, als Unternehmer selber zu entscheiden. Also sind sie auch überzeugt, ihre eigene Nachfolge selber zu lösen, obwohl sie noch nie einen solchen Prozess geführt haben. Das geht oft schief, weil die Hürden des Nachfolgeprozesses unterschätzt werden. Wenn ein Unternehmen auf den Markt geht, braucht es volle Transparenz, welche bisher nicht notwendig war. Das ist für viele Unternehmer neu, und es braucht ein gutes Stück Überzeugungsarbeit, an diese Unterlagen heranzukommen. Dazu kommen zu hohe Preiserwartungen.

Haben Sie in Ihrer Karriere als Nachfolgeberater mehr erfolgreiche oder mehr missglückte Firmenübergaben begleitet?In meinen 17 Jahren Nachfolgeberatung sind die erfolgreichen Projekte ganz deutlich in der Überzahl. Auch deshalb, weil ich schwierige Projekte und Mandate für Kleinstunternehmen nicht angenommen habe. Bevor ich zusagte, habe ich die Nachfolgefähigkeit beurteilt. Auf zirka 100 begleitete Unternehmen gibt es heute bloss fünf nicht mehr. Diese sind wegen Marktturbulenzen oder unternehmerische Fehlentscheidungen nach rund drei Jahren gescheitert.

Der Hirzler Paul Stämpfli ist seit 1992 selbstständig, seit 2002 zum Thema Nachfolgeberatung. In dieser Zeit baute er die Firma Nachfolgepool auf und begleitete rund 100 Firmen in die nächste Generation. Seit Ende 2018 tritt er wieder alleine am Markt auf.

Tuwag Immobilien AG

Die Tuwag Immobilien AG mit Sitz in Wädenswil wurde 1818 als Wolltuchproduzentin Hauser & Fleckenstein am Reidbach in Wädenswil gegründet. Heute ist der in siebter Generation von Heiner Treichler (60) geführte Familienbetrieb als Immobilien-Treuhandgesellschaft mittlerer Grösse in der Region Zürich tätig. Die Tuwag ist nach eigenen Angaben Marktleaderin im Bereich Immobilien bei den regionalen KMU am linken Seeufer. Die Firma betreut mit 22 Mitarbeitenden, davon drei Lernenden, rund 11000 Objekte. Bis in fünf Jahren, mit Erreichen des Pensionsalters, will Heiner Treichler das Unternehmen in neue Hände legen. Als sein Nachfolger steht seit letztem Jahr Thomas Brassel (49) fest. Brassel ist in Stäfa aufgewachsen und lebt mit seiner Familie in Zollikon. Derzeit führt er bei der Tuwag die Abteilung Bewirtschaftung und ist stellvertretender Geschäftsführer.

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