Umwelt

Grün ist nicht immer grün

Unternehmen stehen immer mehr unter Beobachtung: Wie nachhaltig arbeiten sie? Wirtschaftsvertreter sind überzeugt, dass die Zeit des «grünen Mäntelchens» vorbei ist. Umweltschützer widersprechen.

Mit einem Plastikmonster demonstrierte die Umweltschutzorganisation Greenpeace diesen Frühling in Lausanne gegen Einwegverpackungen.

Mit einem Plastikmonster demonstrierte die Umweltschutzorganisation Greenpeace diesen Frühling in Lausanne gegen Einwegverpackungen. Bild: Keystone

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Die Wirtschaft steht beim Klimaschutz in der Pflicht: Nach dem Verkehr sind die Unternehmen die zweitgrössten CO2-Verursacher in der Schweiz. An dritter Stelle folgen die privaten Haushalte. Seit 1990 haben die Swissmem-Mitgliedsfirmen – also die industriell tätigen und damit potenziell schadstoffintensiven Betriebe – ihren CO2-Ausstoss nach eigenen Angaben um fast 60 Prozent reduziert.

Die in den letzten Jahren abflachende Reduktionskurve zeige allerdings, dass die kostengünstigen Potenziale mancherorts bereits weitgehend ausgeschöpft worden seien, kommt die Energieagentur der Wirtschaft zum Schluss. Wo steht die Schweizer Wirtschaft also in Sachen Nachhaltigkeit?

«Es wird eine grosse Herausforderung werden, den CO2-Ausstoss der Schweiz bis ins Jahr 2030 zu halbieren.»Rudolf Minsch, Mitglied der Geschäftsleitung Economiesuisse

Für Rudolf Minsch, Mitglied der Geschäftsleitung des Wirtschaftdachverbands Economiesuisse, ist die Schweizer Wirtschaft auf einem guten Weg. Welche Schulnote gibt er den Unternehmen? «Mindestens eine Fünf.» Minsch argumentiert mit der sozialen Nachhaltigkeit: Im internationalen Vergleich zahle die Schweizer Wirtschaft sehr hohe Löhne und offeriere auch im Ausland attraktive Arbeitsbedinungen.

Minsch gesteht aber auch ein: Bei der ökologischen Nachhaltigkeit gibt es noch einiges zu tun. «Es wird eine grosse Herausforderung werden, den CO2-Ausstoss der Schweiz bis ins Jahr 2030 zu halbieren.» Die Halbierung ist eines der offiziellen Klimaziele des Bundes.

Grosse Unterschiede

Bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace hingegen will man den Schweizer Unternehmen keine allgemeine Schulnote verteilen. Viel lieber unterteilt Mediensprecher Yves Zenger die Unternehmen in vier Kategorien.

Auf der einen Seite der Skala stehen Unternehmen, die echt nachhaltig seien, und solche, die sichtlich bemüht seien. Auf der anderen Seite stünden jene Unternehmen, «die Kleinigkeiten machen, um grün dazustehen, und wiederum solche, die sich komplett um Nachhaltigkeit foutieren.»

Zenger sagt, es reiche eben nicht aus, wenn sich eine Firma nur in einem Nischenbereich für Nachhaltigkeit engagiere. Dann finde klassisches «Greenwashing» statt. Das heisst: Mit geschickten Marketingmassnahmen machen sich Unternehmen grüner, als sie eigentlich sind.

«Wer A sagt, muss auch B sagen und konsequent handeln.» Yves Zenger, Mediensprecher Greenpeace

Der Greenpeace-Vertreter wirft dieses Verhalten etwa dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé vor. Es reiche nicht aus, dass die Konzernleitung an einem Tag helfe, das Genferseeufer zu reinigen. «Wer A sagt, muss auch B sagen und konsequent handeln.»

Nestlé selbst sieht das freilich anders und hat Anfang Jahr einen Aktionsplan für die Bekämpfung von Plastik- und Verpackungsmüll lanciert. Bis 2025 sollen die Lebensmittelverpackungen zu 100% recyclingfähig oder wiederverwendbar sein. Greenpeace reicht das nicht. Angehen müsse man Einwegverpackungen. Wenn aus Plastik einfach Papier werde, dann verschiebe sich das Problem einfach.

Kein Greenwashing mehr

Bei Economiesuisse hingegen sieht man «Greenwashing» nicht als Problem – nicht mehr. Rudolf Minsch sagt: «Ich bin überzeugt, dass die Jahre des Nachhaltigkeits-Feigenblatts vorbei sind.» Immer mehr Unternehmen würden realisieren, «dass das Thema Nachhaltigkeit nicht nur die Marketingabteilung gut finden sollte, sondern dass diese gelebt werden muss.» Firmen könnten mit einer glaubwürdigen Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen Reputationsschäden und Haftungsfälle vermeiden.

Aus Sicht von Greenpeace ist diese Botschaft noch nicht überall angekommen. Der Chemiekonzern Dow, mit Europasitz in Horgen, etwa habe ein Geschäftsmodell «das auf Artenvernichtung gründe», sagt Zenger. Zudem habe die Firma historische Hinterlassenschaften aus der Umweltkatastrophe von Bhopal. Im Dezember 1984 entwich in der indischen Stadt hochgiftiges Gas, Tausende Menschen starben dabei.

Im Jahr 2003 protestierten Greenpeace-Aktivisten vor dem Dow Europasitz in Horgen wegen dem Giftmüllskandal in Bhopal. Bild: Archiv / Keystone.

Es folgte ein Rechtsstreit, Opfer warten teils nach wie vor auf Entschädigungen. Die damalige Betreiberfirma Union Carbide, welche Pflanzenschutzmittel produzierte, wurde 17 Jahre nach der Katastrophe als eigenständiges Tochterunternehmen von Dow Chemical gekauft.

Für Greenpeace steht deshalb ausser Frage, das Dow heute noch Verantwortung trägt – immer wieder protestierten die Umweltschützer deshalb auch vor dem Horgner Sitz der Firma. Dow Chemical weist das stets zurück. Man habe die Chemiefabrik von Bhopal weder betrieben noch im Besitz gehabt. Die Verantwortung weist das Unternehmen seit Jahren unter anderem aus diesem Grund zurück. Auch Dow betont die Wichtigkeit, den Klimawandel zu bekämpfen (siehe Kasten).

Umstrittene Verantwortung

Aber welche Verantwortung sollen Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit tragen? Reicht die Selbstverantwortung oder braucht es regulatorische Massnahmen durch den Staat? «Freiwilligkeit allein hat leider noch nie gefruchtet», sagt Greenpeace-Sprecher Zenger. «Ein regulatorischer Druck ist unbedingt nötig, um den Unternehmen Leitplanken zu geben.» Nicht zuletzt deshalb unterstütze man auch die Konzernverantwortungsinitiative, die 2020 zur Abstimmung gelangt.

Economiesuisse verweist in Sachen staatliche Regeln darauf, dass Unternehmen möglichst viel Flexibilität haben sollen, wie sie etwa den CO2-Ausstoss reduzieren wollen. «Die Grenzwerte für Ölfeuerungen und die Dämmvorschriften für neue Gebäude sind scharf», sagt Rudolf Minsch. Auch die Vorschriften bei Autos oder Geräten seien stark verschärft worden. «Der regulatorische Druck ist jetzt schon hoch.»

Lobend erwähnt Minsch dafür die ins Leben gerufenen Zielvereinbarungen. Damit verpflichten sich Firmen, in energiereduzierende Massnahmen zu investieren. Halten sie die Verpflichtung ein, wird ihnen die CO2-Abgabe zurückerstattet. «Das System ist ein Schweizer Erfolgsmodell.»

Erstellt: 26.07.2019, 11:56 Uhr

Umweltschutz

Wo sich Grossunternehmen aus der Region besonders nachhaltig finden

Klimaaktivisten fordern den Verzicht auf Flugreisen. Für manch ein Unternehmen scheint das eine Utopie – auch wenn viele Schweizer Firmen die Reisen massiv zurückgefahren haben (diese Zeitung berichtete).

Trotz Einsatz von strikten Reiserichtlinien und Web-Konferenzen seien Geschäftsreisen unerlässlich, um den Betrieb erfolgreich zu führen sowie mit internen und externen Anspruchsgruppen zusammenzuarbeiten, sagt Sonova-Sprecher Patrick Lehn: «Wir sind jedoch bestrebt, unsere CO2-Emissionen durch Geschäftsflüge kontinuierlich zu reduzieren».

Emmissionen reduziert

Im vergangenen Jahr betrug die Reduktion beim Stäfner Hörgerätehersteller knapp 6 Prozent. Von den konzernweiten CO2-Emissionen aus dem Flugverkehr entfallen 29 Prozent auf die Flüge der über 1000 Sonova-Mitarbeiter in der Schweiz. Weltweit beschäftigt Sonova rund 14 000 Mitarbeitende.

Sonova publiziert seit 2013 einen Nachhaltigkeitsbericht als fixen Bestandteil des jährlichen Geschäftsberichts. Neben weiteren Umweltzielen hat sich das Unternehmen nach Angaben von Lehn vorrangig zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemission im Verhältnis zum Umsatz zwischen 2017 und 2022 um 30 Prozent zu reduzieren. Im Vergleich zum Vorjahr habe Sonova die CO2-Emissionen im Geschäftsjahr 2018/19 um 11,7 Prozent reduzieren können, «vor allem aufgrund erhöhter Energieeffizienz und einer Erhöhung des Bezugs von erneuerbarem Strom».

Unter anderem hat Sonova in seiner Produktionsstätte in Suzhou, China, im Jahr 2015 eine 5000 Quadratmeter grosse Solaranlage in Betrieb genommen, um seinen CO2-Fussabdruck zu reduzieren und klimaschädlichen Strom aus Kohle durch Solarstrom ersetzen. Bis im Jahr 2022 sollen die wichtigsten Standorte von Sonova den gesamten Strombedarf aus erneuerbarem Strom abdecken. Am Hauptsitz in Stäfa bezieht das Unternehmen seit 2013 zu 100 Prozent Grünstrom.

Gesenkter Energieverbrauch

Auch bei Lindt & Sprüngli ist Ökologie ein Thema. Etwa beim Thema Fliegen: Die äusserst dezentrale Konzernstruktur und die etablierten lokalen Management-Teams machten es dem Unternehmen möglich, nur bei Bedarf zu fliegen und den Rest ressourcenschonend über Telefon- und Videokonferenzen abzudecken, heisst es bei Lindt & Sprüngli. Zudem liefert der Schokoladehersteller «vor allem bei Warentransporten so gut wie ausschliesslich mit der Bahn oder Lastwagen».

Lindt & Sprüngli ist seit 2009 Mitglied des UN Global Compact und berichtet seither über die jährlichen Fortschritte. Das Programm stellt eine weltweite Partnerschaft zwischen Unternehmen und Vereinten Nationen dar, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

Die Industriegruppe hat den Anteil an CO2-Emissionen pro produzierte Tonne seit 2008 um 36 Prozent reduziert, wie dem Nachhaltigkeitsbericht 2018 zu entnehmen ist. Möglich machten dies vor allem die Senkung des Energieverbrauchs, eine grössere Nutzung an erneuerbaren Energien sowie die Optimierung von Transport und Logistik, sagt Sprecherin Nathalie Agosti.

Herausforderung Klima

Am Standort Horgen befindet sich der regionale Hauptsitz von Dow für Europa, Nahen Osten, Afrika und Indien. Hier arbeiten rund 450 Beschäftigte für den US-Chemieriesen. Die Kommunikationsverantwortliche Christina Nordgren bezeichnet die Bekämpfung des Klimawandels und die Versorgung mit nachhaltiger Energie als «eine der dringendsten ökologischen Herausforderungen». Dow arbeite daran, sein Know-how in Chemie und Technologie einzubringen, um Lösungen für die Herausforderungen des Energiebedarfs zu finden. Zudem trage das Unternehmen dazu bei, die Emissionen klimarelevanter Gase zu verringern.

Neben neuen Formen der Energieerzeugung spiele dabei vor allem der effizientere Energieeinsatz eine wichtige Rolle: «Wir wollen unsere Prozesse so gestalten, dass wir die Auswirkungen auf die Natur weiter reduzieren und Umwelt und Ressourcen schonen.» Dazu würden unter anderem hochentwickelte Verfahren bei der Abwasserreinigung, geschlossene Stoffkreisläufe oder Recyclingmöglichkeiten genutzt. (ths)

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