Rüschlikon

Grande Dame des Journalismus —eine vergessene Rüeschlikerin

Wenige wissen, dass eine der ersten Chefredaktorinnen eines Schweizer Frauenmagazins eine Rüeschlikerin war. Das Ortsmuseum Rüschlikon widmet Mabel Zuppinger eine Ausstellung – pünktlich zum 80-Jahr-Jubiläum der «Annabelle».

Die «Coco Chanel vom Zürichsee», Mabel Zuppinger, behauptete sich als Journalistin in einer Männerdomäne. Sie lebte 53 Jahre lang in ihrem Seehüsli in Rüschlikon, wo die passionierte Gärtnerin einen verwunschenen Garten schuf. Bild: pd

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Morgens fuhr sie mit dem Mercedes von Rüschlikon nach Zürich. Mabel Zuppinger – die Chefredaktorin des ersten klassischen Schweizer Frauenmagazins nach französischem Vorbild, Grande Dame des Schweizer Journalismus, die «Coco Chanel von Zürich». Auf dem Rücksitz der Hund, in der Hand eine Zigarette mit der charakteristischen Mundspitze, begleitet vom Geruch ihres modischen Vorbilds; Chanel 5.

Eine Respektsperson, wie sie im Buche steht, die sich in einer Männerdomäne behaupten konnte und sich mit dem Nom de Plume «Claudine» in die Herzen der Schweizer Leserinnen schrieb – erst in der «Weltwoche», später kurz vor dem Zweiten Weltkrieg als Redaktorin des neu gegründeten Frauenmagazins «Annabelle».

Eine Legende entmystifiziert

Doch nicht nur Zigarettenqualm, auch der Mantel des Geheimnisvollen umhüllte die erste bekannte Chefredaktorin der Schweiz – bis heute. Autorin Daniele Muscionico schrieb in ihrem Porträt über Zuppinger, ihr Leben sei ein Mysterium, ihr Tod einsam gewesen. Ein Mythos, der auch heute auf Wikipedia genährt wird – so seien nur wenige an der Beerdigung von Mabel Zuppinger erschienen, ist dort aktuell zu lesen. «Doch diese Wahrnehmung entspricht nicht der Wahrheit», widerspricht Ruth Affolter, Kuratorin des Ortsmuseums Rüschlikon.

Ihre dreimonatigen Recherchen zur Gestaltung der neuen Ausstellung, die Zuppinger gewidmet ist, führten sie zur Haushälterin der Medienpionierin. «Sie erzählte mir, dass Zuppinger auch nach ihrem Abgang als Chefredaktorin fast täglich in ihrem Haus am See Besuch empfing, auch sehr prominenten – nur im Dorf selbst war sie wenig bekannt», sagt Affolter. Habe sie als langjährige Rüeschlikerin doch wenig mit der Dorfbevölkerung interagiert. «Es gab offenbar einfach wenige Berührungspunkte: Eingeladen wurden Gäste von ausserhalb, eingekauft wurde via Kurier.» Ihr idyllisches Rüeschliker Heim direkt am Seeufer betrachtete Zuppinger, die passionierte Gärtnerin, offenbar als ihren Rückzugsort. Heute ist dort das Restaurant Tracht.

Gemeindepräsident Bernhard Elsener (CVP) sinniert, dass Zuppinger mit dieser Lebensweise eigentlich eine typische Rüeschlikerin war: «Im Dorf den ungestörten Frieden geniessend – während man sich auf nationaler Ebene als Persönlichkeit mit Strahlkraft auszeichnet», sagt Elsener.

«Zuppinger empfing fast täglich Besuch in ihrem Haus am See – nur im Dorf war sie wenig bekannt.»Ruth Affolter, Kuratorin des Ortsmuseums Rüschlikon

Die Erkenntnis, dass die angeblich einsam Verstorbene keineswegs einsam lebte, sei ein Novum, sagt Affolter — und die Freude über diese Entdeckung ist der Kuratorin ins Gesicht geschrieben. Ein ebenso spektakulärer Fund sind die ersten drei Jahrgänge der «Annabelle». «Die drei ersten Ausgaben sind eine Einzigartigkeit in der Schweiz und ein sensationeller Pluspunkt für die Ausstellung», unterstreicht Elsener.

Im Nachlass von Zuppinger, der im Ortsmuseum archiviert ist, befinden sich die kompletten Ausgaben des Frauenmagazins der Jahre 1938 bis 1959 – von der gesamten Zeit, während der Zuppinger als Chefredaktorin die Geschicke dieses Frauenmagazins in den Händen hielt.

Frauenbild im Wandel

Im oberen Stock der Ausstellung im Ortsmuseum stehen viele Ausgaben gebündelt in einer Vitrine. Besucher sind dazu eingeladen, in selektionierten Auszügen der «Annabelle»-Editionen zu schmökern – umgeben von einem Salon, der demjenigen Zuppingers nachempfunden ist. Eine Original-Leselampe von Zuppingers Seehüsli, eine Vase aus Zuppingers Privatbesitz wie auch ein Wandbehang schmücken den «Salon Zuppinger».

Im unteren Stock indes zieren Coverbilder, Bildstrecken und Textauszüge der «Annabelle», die heuer ihr 80-Jahr-Jubiläum feiert, die Wände des Ortsmuseums. «Die Lektüre der Magazine vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg führt einem den Wandel des Frauenbilds frappant vor Augen», resümiert die Kuratorin.

Während der Kriegsjahre emanzipierte sich das redaktionelle Selbstverständnis: Frauen in Uniformen waren modische Leuchttürme. Oder die «Annabelle»-Redaktionsfrauen gestalteten eine Ausgabe, die sie ganz dem Mann widmete. «Nach dem Krieg jedoch wurde die Frau direkt wieder zurück an den Herd spediert – wo sie redaktionell zur modernen, stets adrett gekleideten Hausfrau hochstilisiert wurde», sagt Affolter. Fotostrecken mit Stylingtipps für die jeweiligen Hausarbeiten sind keine Seltenheit. So klingt etwa die Bildunterschrift einer staubsaugenden Dame: «8.05 Uhr. Der Herr des Hauses ist ins Büro gefahren und Beatrice geht mit vollem Tatendrang an die Arbeit in einer ihren ganzen Rock bedeckenden, lustig gestreiften Hausschürze.»

Affolter stellte während ihrer Recherche zu Zuppinger fest, dass kaum noch ein Rüeschliker sich an die prominente Bewohnerin erinnern kann. Zu ihrer Zeit eine der populärsten Journalistinnen der Schweiz, ist sie heute fast gänzlich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das soll die Ausstellung ändern.

Vernissage, Ortsmuseum Rüschlikon, Nidelbadstrasse 58, 26. Mai, 11–14 Uhr. Die Ausstellung ist jeweils immer am letzten Samstag im ­Monat bis im November geöffnet. Führungen mit der Kuratorin sind auf Wunsch möglich. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.05.2018, 10:01 Uhr

Die Anfänge der «Annabelle»

Die Idee, ein Frauenmagazin nach französischem Vorbild zu schaffen, stammte von zwei Männern: den Gründern der «Weltwoche». Die Zeit für das erste Schweizer Frauenmagazin schien günstig, denn Deutschland war mit Kriegsvorbereitungen beschäftigt. Mabel Zuppinger verantwortete unter dem Pseudonym «Claudine» in der «Weltwoche» bereits die Frauenseite und übernahm 1938 mit der ersten Ausgabe de facto die journalistische Leitung der «Annabelle», 1953 dann auch offiziell.

Das neue Magazin berichtete über Mode, Künstler, Kochrezepte, Garten und Kinder. Zentral war der Austausch mit den Leserinnen – Zuppinger erfand sozusagen die Ratgeberliteratur. Sie zog sich 1959 aus der Chefredaktion zurück. 1978 starb Zuppinger ­kinderlos und verwitwet in ihrem Seehüsli in Rüschlikon, in dem sie 53 Jahre lang gewohnt hatte. (aes)

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