Gesundheitswesen

«Für 2020 wird ein falsches Signal gesetzt»

Die Krankenkasse Wädenswil (KKW) verzichtet auf Telefonwerbung. Für nächstes Jahr erhöht die einzige am Zürichsee beheimatete Kasse ihre Prämien leicht. KKW-Chef Felix Waldmeier sagt, warum.

KKW-Leiter Felix Waldmeier: «Für uns als kleine Krankenkasse ist ein hohes Wachstum kein Vorteil».

KKW-Leiter Felix Waldmeier: «Für uns als kleine Krankenkasse ist ein hohes Wachstum kein Vorteil». Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Felix Waldmeier, die Krankenkasse Wädenswil (KKW) ist vor kurzem vom Internet-Vergleichsdienst Comparis als eine von zehn Kassen für den Verzicht auf jegliche Telefonwerbung ausgezeichnet worden: Kann sich eine so kleine Krankenkasse diesen Luxus überhaupt leisten?
Es gibt bei uns ein grosses Risiko, und das ist ein überdurchschnittliches Wachstum auf der Mitgliederseite, das heisst, mehr als 10 Prozent. Wenn wir mit neuen Mitgliedern überschwemmt würden, müssten wir für diese erst Reserven und Rückstellungen bilden. Von daher ist für uns als kleiner Krankenversicherer ein hohes Wachstum kein Vorteil. Wir verhalten uns am Markt bewusst ruhig. Von uns liest und hört man nicht viel.

Wieso ist es dann für grosse Kassen so wichtig, zu wachsen?
Eine Grosskasse ist einem viel volatileren Markt ausgesetzt. Ich kenne einige Zahlen von zentralisierten Kassen, welche jeweils jedes Jahr eine fünf- bis sechsstellige Zahl an Mitgliedern werben müssen, um nur ihre natürlichen Abgänge durch Tod, Wegzug und Wechsel zu anderen Anbietern zu kompensieren. Würden sie das nicht aktiv betreiben, würden sie jährlich spürbar an Mitgliedern verlieren.

Ist das mit ein Grund, weshalb die Mehrheit der Krankenkassen auch Telefonwerbung einsetzt?
Es geht um sehr viel Geld in einem hart umkämpften Markt, insbesondere im Zusatzversicherungsbereich. Oft handelt es sich bei den Anrufern um Call-Center aus dem Ausland, bei denen kein Rückruf möglich ist und Dinge erzählt und versprochen werden, die zum Teil schlicht nicht stimmen. Dabei sind die Leistungen in der Grundversicherung bei jeder Kasse in der Schweiz dieselben, lediglich der Preis dafür ist nicht der gleiche. Wir lehnen diese Methoden generell ab.

«Es geht um sehr viel Geld in einem hart umkämpften Markt.»
Felix Waldmeier

Der Bundesrat hat letzte Woche bekanntgegeben, dass 2020 die Prämien für die obligatorische Grundversicherung im Schnitt für Erwachsene nur um 0,2 Prozent steigen, respektive im Kanton Zürich sogar sinken. Bei der KKW ziehen die Prämien aber an: wieso?
Wir haben unsere Prämien auf das Jahr 2020 hin nicht gesenkt, sondern mit einem leichten Aufschlag berechnet und beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) zur Genehmigung eingereicht. Die KKW hat bereits eine günstige Prämie, und wenn ich von hier aus 0,8 Prozent draufrechne, dann ist das immer noch billiger als die meisten Anbieter in der Region, die mit ihrer Preisstruktur immer weiter oben angesiedelt sein werden.

Stellt der gesamtschweizerisch lediglich moderate Anstieg bei den Krankenkassenprämien die lang ersehnte Trendwende bei den Gesundheitskosten dar?
Nein, das tut es nicht. Es handelt sich um ein falsches Signal, das für 2020 gesetzt wird. Im Gesundheitswesen gibt es ständig neue Technologien, die zum Einsatz kommen, neue Behandlungsmethoden, teure Medikamente und so weiter. Die Mengenausweitung hat noch immer alles weggefressen, was die Politik einzudämmen versuchte. Wir als Krankenkasse Wädenswil müssen auch für das laufende Jahr eine Kostensteigerung hinnehmen, die höher ausfällt, als das, was wir an Prämienerhöhung weitergeben.

Dass einige Kassen die Prämien für die Grundversicherung 2020 trotz weiter steigender Gesundheitskosten senken, ist nach Ansicht von Experten nur möglich, weil diese Kassen über ein genügend grosses Reservepolster verfügen, oder sie es sich zu einem strategischen Ziel gemacht haben: Heisst das, dass die KKW über kein solches Polster verfügt?
Wir verfügen über ein genügend grosses Polster. Wir befinden uns aber mit unseren Prämien auf einem Niveau, von dem aus wir nicht gezwungen sind, zu senken. Im Gegenteil. Sonst sind wir bald noch billiger als der billigste auf dem Markt, und das schafft neue Probleme. Wenn ein Versicherer zu viele Reserven hat, dann kann der Bund verlangen, dass dieser seine Prämien senkt, weil keine Prämien auf Vorrat erhoben werden dürfen. Unsere Prämien, so wie wir sie beim BAG eingegeben haben, sind reell und zwischenzeitlich auch genehmigt worden.

«In Zukunft wird eine Arztrechnung maschinell kontrolliert, anstatt dies bei uns manuell zu tun»: Felix Waldmeier.

Diverse Krankenkassen haben schon vor der Bekanntgabe der Prämien für 2020 durchblicken lassen, dass für viele Versicherte die Prämien in der Grundversicherung im kommenden Jahr sinken oder nicht ansteigen werden: Was halten Sie von solchen Praktiken?
Das geht gar nicht. Es handelt sich um eine Wettbewerbsverzerrung. Das BAG hat diesbezüglich klare Richtlinien und Spielregeln ausgegeben, die Sanktionen beinhalten, wenn jemand vor der Genehmigung der Krankenkassenprämien durch den Bund seine eingereichten Prämien veröffentlicht.

Trotzdem wird es gemacht.
Das ist das gleiche Problem wie bei der Telefonwerbung. Es gibt ein sogenanntes Gentleman Agreement, vor allem unter den grossen Kassen, aber es ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde.

Auch bei den Krankenkassen passiert immer mehr über elektronische Kanäle: Verschläft die KKW gerade den Sprung ins digitale Zeitalter?
Nein, wir sind diesbezüglich wahrscheinlich weiter als viele andere. Wir haben einige vielversprechende Projekte in der Pipeline. Wir sind daran, das Krankenversicherungsgesetz in der Grundversicherung bei uns vollständig zu digitalisieren und zu automatisieren. Ein Beispiel: In Zukunft wird eine Arztrechnung maschinell kontrolliert, anstatt dies bei uns manuell zu tun, um die einzelnen Posten zu kontrollieren. Sie kann dann natürlich auch elektronisch an den Ersteller zurückgewiesen werden, sofern die Rechnung nicht stimmt. Das ist die Zukunft.

Erstellt: 04.10.2019, 12:57 Uhr

Label für KKW

Den Krankenkassen, die sich bei der Kundenwerbung vorbildlich verhalten, vergibt Comparis seit 2015 das Label «Saubere Kundenwerbung». Zehn Krankenkassen - von insgesamt rund 50 - gehen sogar so weit, gar keine telefonische Akquise zu betreiben. Sie erhalten dafür das Label «Keine Telefonwerbung»: Agrisano,EGK Gesundheitskasse, Krankenkasse Birchmeier, Krankenkasse Luzerner Hinterland, Krankenkasse Steffisburg, Krankenkasse Wädenswil, Rhenusana, SLKK, Sodalis, Sumiswalder.

Die genannten Kassen verpflichten sich, ihre Mitarbeiter und die der beauftragten Makler und Dienstleister entsprechend zu schulen und zu garantieren, dass niemand unrechtmässig kontaktiert wird. (red)

Krankenkasse Wädenswil

Die Krankenkasse Wädenswil (KKW) wurde 1931 als Krankenkasse des Landwirtschaftlichen Vereins Wädenswil gegründet und diente anfänglich in erster Linie der bäuerlichen Bevölkerung. 1990 wurde das Unternehmen in Krankenkasse Wädenswil umbenannt. 2004 wurde die Rechtsform in eine Stiftung geändert. Mit 11000 Mitgliedern gehört die einzige regionale Krankenkasse am Zürichsee zu den kleinsten Krankenkassen der Schweiz.
95 Prozent ihrer Versicherungsnehmer sind im Kanton Zürich zu Hause. Seit 31 Jahren wird die KKW von Felix Waldmeier als Geschäftsführer geleitet. Die Kasse hat in dieser Zeit ausnahmslos schwarze Zahlen geschrieben. (red)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!