Integration

Flüchtlinge beginnen Integrationsvorlehre am Zürichsee

Im Kanton Zürich bieten seit August 40 Betriebe eine spezielle Vorlehre für Flüchtlinge an. Am Zürichsee machen fünf Betriebe mit am Pilotprojekt.

Die ZSZ begleitet die beiden Flüchtlinge Hamid Sohrab (links) und Binjam Maharena auf ihrem Weg ins Schweizer Arbeitsleben.

Die ZSZ begleitet die beiden Flüchtlinge Hamid Sohrab (links) und Binjam Maharena auf ihrem Weg ins Schweizer Arbeitsleben. Bild: Sabine Rock/Moritz Hager

Im August haben 93 Flüchtlinge und vorläufig aufgenomme Personen im Kanton Zürich eine sogenannte Integrationsvorlehre begonnen. Fünf von ihnen in den Bezirken Meilen und Horgen. Das Staatssekretariat für Migration hat das vierjährige Pilotprojekt zusammen mit dem kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) lanciert. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist für Ausländer, die in der Schweiz Schutz suchen, ein hartes Pflaster. Mit dem Projekt soll nun schweizweit 1000 Personen mit Aufenthaltsbewilligung B oder F der Einstieg in die hiesige Berufswelt ermöglicht werden.

Auch wenn das Ziel von 100 Ausbildungsplätzen im Kanton Zürich knapp verfehlt wurde, sei das Projekt auf positive Resonanz gestossen, sagt Hans Jörg Höhener, stellvertretender Amtschef vom Zürcher MBA: «Viele Betriebe haben positive Erfahrungen mit Mitarbeitern mit Flüchtlingshintergrund gemacht und sind dementsprechend sehr interessiert am Projekt.»

Mehr als billige Arbeitskräfte

Im Kanton Zürich bieten derzeit 40 Firmen eine Integrationsvorlehre an. Finanziert wird die schulische Ausbildung von Bund und Kanton.

Bruno Ehrenberg vom Berufs- und Informationszentrum Meilen (BIZ) hat Flüchtlinge bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt. «Am besten stehen die Chancen in Branchen, wo ein Mangel an Lernenden herrscht», sagt er. Im Kanton Zürich werden derzeit Integrationsvorlehren in den Bereichen Automobil, Betriebsunterhalt, Detailhandel, Gartenbau, Gastronomie, Gebäudereinigung und -technik, Gleisbau sowie Logistik angeboten. Vereinzelte Ausbildungsplätze gibt es auch in Metzgereien und Schreinereien.

«Die Integrationsvorlehre soll ein erster Schritt in die Berufsbildung sein», sagt Ehrenberg. Bei der Auswahl der Betriebe sei man mit grösster Sorgfalt vorgegangen, um zu verhindern, dass die Lernenden als billige Arbeitskräfte gesehen werden. Das MBA empfiehlt einen Mindestlohn von 380 Franken pro Monat. Ehrenberg ist davon überzeugt, dass bei den meisten Betrieben nicht wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund stehen. «Das Ziel muss sein, dass die Lernenden nach der einjährigen Integrationslehre eine reguläre Berufsausbildung beginnen können.» Ob dies gelingt, wird sich noch zeigen. Die ZSZ begleitet zwei Flüchtlinge auf ihrem Weg ins Schweizer Arbeitsleben.

Der 33-jährige Hamid Sohrab muss trotz acht Jahren Berufserfahrung wieder von vorne anfangen. Foto: Sabine Rock

«Ich wollte wieder mit Autos arbeiten»

Anfang August hat Hamid Sohrab eine Integrationsvorlehre in einer Rüeschliker Garage begonnen. Er hofft, nach einem Jahr auf dem Schweizer Arbeitsmarkt Fuss fassen zu können.

Ein gewöhnlicher Lehrling ist Hamid Sohrab nicht. Acht Jahre hat der 33-Jährige bereits in der Autobranche gearbeitet. Als er vor drei Jahren aus Afghanistan in die Schweiz floh, musste er aber wieder ganz von vorne anfangen. Direkt im alten Beruf einsteigen? Unmöglich. In Europa waren seine Kenntnisse über die Reparatur alter Lastwagen auf einmal nutzlos. Der Fahrzeugbestand in Kabul ist in die Jahre gekommen. In der Schweiz erinnern die modernen Autos mit all ihrer Elektronik an fahrende Computer. Entsprechend komplex ist ihre Wartung.

Traum verwirklichen

Sohrab steht in der Werkstatt der Rüeschliker Garage Küry Park Side AG und richtet den Hochdruckreiniger auf einen Audi. Vor wenigen Tagen hat er eine einjährige Integrationsvorlehre begonnen. Statt an den Fahrzeugen herumzuschrauben, muss er sich vorerst mit Reinigungsarbeiten begnügen. «Ich habe einen Führerschein und hätte auch in der Gastronomie als Kurier einsteigen können», sagt er. «Aber ich wollte wieder mit Autos arbeiten – das ist mein Traum.»

Die Küry Park Side AG bietet Lernenden sechs verschiedene Berufslehren in der Autobranche an. Von der Integrationsvorlehre hat der kaufmännische Leiter Hans Arnold aber erst erfahren, als er Sohrab kennen lernte. «Wir haben Hamid Sohrab nicht gesucht, er hat uns gefunden», sagt Arnold schmunzelnd.

«Wir haben Hamid Sohrab nicht gesucht, er hat uns gefunden.»
Hans Arnold, kaufmännischer Leiter Küry Park Side AG

Für Sohrab war von Beginn an klar, dass er in der Schweiz beruflich Fuss fassen will. In einem Deutschkurs hat er das Fundament für seine weitere Ausbildung gelegt. Dem Gespräch kann er bereits folgen, das Antworten fällt ihm aber teilweise noch etwas schwer. Unterstützt wurde er bei der Jobsuche vom Schweizerischen Roten Kreuz. Ein freiwilliger Helfer, Heinz Müller, zugleich ein Freund des Garagisten Jürg Küry, konnte Sohrab eine zweitägige Schnupperlehre beim Rüeschliker Audi-Händler vermitteln. Schnell war klar, dass beide Parteien die Zusammenarbeit fortsetzen wollen. Auf der Website des Autogewerbeverbandes stiess Arnold auf die Integrationsvorlehre. «Wir führen das Integrationsprojekt parallel zur ordentlichen Lehrlingsausbildung», sagt er.

Positive Vorzeichen

Die Ansprechperson von Sohrab im Betrieb ist Serviceleiter Tobias Renold. Er hat für das kommende Jahr einen Lehrplan zusammengestellt. Reinigungsarbeiten, Reifenwechsel und einfachere Wartungsarbeiten wie etwa Öl-Wechsel stehen auf dem Programm. «Am Anfang wird er viel zuschauen, später wenn wir sehen, dass er sich bewährt, kann er auch selbständig Hand anlegen», sagt Renold.

Die grössten Herausforderungen für Sohrab sieht der Serviceleiter im schulischen Bereich. «Die Anforderungen sind hoch», sagt er. «Was für uns aber fast mehr zählt als die schulische Leistung, ist, dass er pünktlich und zuverlässig ist.»

Sohrab selber schaut zuversichtlich in die Zukunft: «Am Anfang wird es sicher ein bisschen schwierig sein, aber ich freue mich sehr in einer so berühmten Firma zu arbeiten», sagt er sichtlich stolz. Das Ziel sei es, da sind sich alle Beteiligten einig, dass Sohrab nach der Integrationsvorlehre eine ordentliche Berufsausbildung beginnen kann. «Die Vorzeichen stehen nicht schlecht, da er hier sehr gute Ausbildner hat», ist Hans Arnold überzeugt.


Der Eritreer Binjam Maharena war in seiner Heimat bereits Gärtner. Foto: Moritz Hager

«Ich will Gärtner werden, nicht Maler»

Der Eritreer Binjam Maharena will mit Pflanzen arbeiten. Um mit der Schweizer Gartenkultur vertraut zu werden, macht er eine Integrationsvorlehre in einer Gärtnerei in Küsnacht.

In Binjam Maharenas Heimatdorf wird das Gras mit einem Messer geschnitten. Mit einem Rasenmäher kam der 18-Jährige das erste Mal vor wenigen Tagen in Kontakt. Als er wegen der Hitze seine Schuhe ausziehen wollte, wurde er von seinem Vorarbeiter schnell zurechtgewiesen. In der Schweiz – das weiss Maharena inzwischen – wird höchster Wert auf die Arbeitssicherheit gelegt. Nackte Füsse und scharfe Klingen sind eine Kombination, die es zu meiden gilt.

Maharena hat in Eritrea bereits als Gärtner gearbeitet. Schnell musste er jedoch feststellen, dass in Küsnacht, wo er nun seit drei Jahren lebt, vieles anders ist. Anfang August hat er eine einjährige Integrationsvorlehre bei der Gärtnerei Bachmann und Riemensberger begonnen.

Freunde finden

Schweizer Arbeitsluft hat Maharena zuvor bereits drei Mal als Maler geschnuppert. Eine Ausbildungsstelle blieb dem Flüchtling aber jedes Mal verwehrt. Im Weg stand die Sprachbarriere. Obwohl er in Küsnacht das 10. Schuljahr absolviert hat, fällt es ihm teilweise noch schwer, die richtigen Worte zu finden. Dass er am Ende in einer Gärtnerei gelandet ist, freut ihn: «Ich arbeite lieber mit Pflanzen als mit Farben – erstere stinken nicht.» Auf die Integrationsvorlehre wurde Inhaber Hans Bachmann durch eine Umfrage des Küsnachter Gewerbevereins aufmerksam. Im Auftrag des Sozialamts hat dieser nach Betrieben gesucht, die Flüchtlingen den beruflichen Einstieg ermöglichen wollen. «Für die Integration junger Erwachsenen wie Binjam ist eine Ausbildung entscheidend», sagt Bachmann.

«Für die Integration ist eine Ausbildung entscheidend.»
Hans Bachmann, Inhaber Gärtnerei Bachmann und Riemensberger

Seine Gärtnerei sei seit jeher multikulturell aufgestellt und wolle auch Menschen am Rande der Gesellschaft eine Chance geben. Die Privatwirtschaft könne die Integrationsfrage zwar nicht im Alleingang lösen. «Wir wollen aber so einen Beitrag zur Entwicklungshilfe leisten.» Im kommenden Jahr wird Maharena sämtliche Arbeiten eines Gärtners im Jahresverlauf kennen lernen – von Schnee schippen im Winter bis zur Rasenpflege im Sommer. «Die Arbeiten werden auf seine Fähigkeiten abgestimmt.» Bachmann hofft, dass Maharena nicht nur Arbeitserfahrung sammelt, sondern sich auch sozial und kulturell im Team integriert. «Schön wäre es, wenn er Freunde findet und mit den anderen auch nach der Arbeit einmal etwas unternimmt.»

Lobende Worte

An zwei Tagen in der Woche wird Maharena die Berufsschule besuchen. Die grösste Herausforderung sieht Bachmann in den Fächern Deutsch und Mathematik. Das Ziel aller Beteiligten ist es, dass Maharena nach der Integrationsvorlehre eine ordentliche Ausbildung in der Gärtnerei beginnen kann. «Wann wissen wir, wie es nach diesem Jahr weitergeht?», will er von seinem Chef wissen. Bachmann muss ab so viel Eifer schmunzeln. Laufe alles nach Plan, stünde einer Lehrstelle nichts im Weg. «Ein selbstständiges Leben kann er nur führen, wenn er nicht weiter auf die Sozialhilfe angewiesen ist.» Entschieden wird aber erst im März, wenn fest steht, wie sich Binjam Maharena im Betrieb bewährt.

Für seinen Schützling findet Bachmann nur lobende Worte: «Binjam ist sehr pünktlich, hat gute Umgangsformen und ein Elternhaus, das ihn unterstützt.» Ob er nun in der Schweiz bleibe oder irgendwann zurück nach Eritrea gehe – seine Chance habe er sich verdient. (Linda Koponen) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.08.2018, 14:38 Uhr

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