Wochengespräch

«Früher wartete man, bis etwas passiert»

Markus Oertle hat es mit schweren Gewalttätern zu tun. Antrieb für seine Arbeit ist die Neugier und das Interesse am Leben. Er ist neuer Leitender Staatsanwalt für Gewaltdelikte im Kanton Zürich.

Markus Oertle ist neuer Leitender Staatsanwalt für Gewaltdelikte. Für ihn ist die Arbeit befriedigend, unter anderem, weil er sich für die Opfer einsetzen kann.

Markus Oertle ist neuer Leitender Staatsanwalt für Gewaltdelikte. Für ihn ist die Arbeit befriedigend, unter anderem, weil er sich für die Opfer einsetzen kann. Bild: David Baer

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Erinnern Sie sich an Ihren ersten Fall, als sie vor 25 Jahren als Staatsanwalt begonnen haben?

Markus Oertle: Ich habe etwa 40 Fälle aufs Mal erhalten. Darunter blieb mir einer besonders in Erinnerung. Ein Wirt im Bezirk Horgen hatte eine unglaubliche Sauerei in der Küche. Die Rede war unter anderem von zwei Kilo Leber, die in Zersetzung begriffen war. Das ekelte mich sehr.

Als Staatsanwalt sehen Sie in die Abgründe der Menschen hinein.

In Abgründe – das tönt so negativ. Man sieht Situationen, die man sonst nicht erleben würde. Das macht meinen Beruf unglaublich spannend. Juristisch betrachtet gibt es sicher interessantere Bereiche als Gewaltdelikte. Die juristischen Knacknüsse sind aber nicht meine Haupttriebfeder. Sondern die Neugier und das Interesse am Leben.

Sie interessieren sich für das Leben und untersuchen Tötungsdelikte?

Das Interessante sind die Geschichten, die das Leben schreibt.

Gibt es einen Fall, der Ihnen speziell Nahe gegangen ist.

Wenn Kinder Opfer sind, ist es immer belastend. Sei das bei Tötungs- oder Sexualdelikten. Nicht nur mir, auch meinen Kolleginnen und Kollegen geht es oft so. Das ist wohl der Beschützerinstinkt der Menschen. Wir wollen unseren Nachwuchs behüten.

Beim Zwillingsmord von Horgen führten sie die Anklage. Sie haben in Ihrem Büro eine Gerichtszeichnung aufgehängt, auf der Sie das Plädoyer gegen die Mutter halten.

Der Zwillingsmord hat mich schon stark beschäftigt. Man wusste nicht, wer der Täter oder die Täterin war. Solche «Schwarz-Weiss-Fälle», bei denen der Beschuldigte sagt, ich bin es gar nicht gewesen, ihr habt die falsche Person, sind eine Belastung. Und obwohl mir damals bald klar war, dass sehr wahrscheinlich eine Person allein die Tat begangen hatte, musste ich zu Beginn zwei Personen verhaften lassen. Den Vater und die Mutter.

Die Mutter hat die Tat vor Gericht gestanden. Wie haben Sie deren Aussage in Erinnerung?

Die Geständnisse kamen überraschend, waren dann allerdings eine Erleichterung, weil sie die grosse Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft wie auch die erste Verurteilung durch das Geschworenengericht beinahe vollständig bestätigten.

Kommt es oft vor, dass der Täter bis vor Gericht nicht bekannt ist?

Nur bei wenigen Tötungsdelikten. Bei der Mehrzahl der Fälle kennt man den Täter. Er versucht sich herauszureden, er habe eigentlich nicht schiessen wollen, habe daneben gezielt oder sei angegriffen worden und habe sich nur verteidigen wollen. In diesen Fällen muss man nachweisen, was genau passiert ist.

Verbrechen sind beliebte Themen in Literatur und Film. Mögen Sie Krimis?

Früher schaute ich gerne und oft Krimis, dann aber eine Zeitlang gar nicht mehr, weil sie so schlecht gemacht waren. Die Möglichkeit von DNA-Analysen wurde beispielsweise lange nicht ausgeschöpft. Zudem wurde der Staatsanwalt oft als unfähig dargestellt. In letzter Zeit finde ich die Krimis aber wieder besser und realistischer und auch der Staatsanwalt kommt nicht mehr so schlecht weg.

Wieso haben Sie sich als Staatsanwalt für Gewaltdelikte spezialisiert?

Es gab ein Schlüsselerlebnis. Als Bezirksanwalt in Horgen arbeitete ich an einem Anlagebetrugsfall. Die Geprellten waren hauptsächlich Ärzte und Zahnärzte aus Deutschland, denen eine Rendite von mehr als 15 Prozent versprochen wurde. Sie wollten dann aber eigentlich gar nicht, dass ich den Fall untersuche und ihrem Geld nachgehe.

Alle leiden unter einem Freiheitsentzug.

Weil es Schwarzgeld war?

Ich fragte mich, wieso ich überhaupt einen derart grossen Aufwand betreiben soll, um geldgierigen Menschen zu ihrem Schwarzgeld zu verhelfen, das sie gar nicht mehr wollen. Wirtschaftsdelikte müssen bestimmt auch verfolgt und bestraft werden, klar. Aber für mich ist die Arbeit ungemein befriedigender, wenn ich mich für Opfer – speziell für Kinder – einsetzen kann.

Wie viele Jahre Freiheitsentzug gehen auf Ihr Konto?

Das kann ich nicht sagen und will ich gar nicht wissen. Es heisst ja oft, in den Gefängnissen hier sei es zu schön. Aber alle leiden unter einem Freiheitsentzug. Ein Gefangener schrieb einmal in einem Brief, er habe nach dem Aufwachen gedacht, er befinde sich im Himmel. Den Tee bringe man ihm im Kännchen und er habe sogar Seesicht. Aber auch er litt stark unter dem Freiheitsentzug.

Ihnen sitzen Mörder gegenüber. Was geht in einem solchen Menschen vor?

Man sieht immer wieder, dass es dem Menschen tief im Innersten widerspricht, andere Menschen umzubringen. Es ist darum sehr wichtig, dass wir Verdächtige möglichst schnell nach der Tat befragen. Dabei geht es auch um den subjektiven Tatbestand, also die Absicht, die sie hatten. Unmittelbar nach der Tat geben sie oft nicht nur die Schussabgabe zu, sondern sagen auch, sie wollten, dass das Opfer stirbt. Nach bereits einer Nacht verwischt sich diese Aussage häufig und nach zwei Nächten sagen sie beispielsweise, sie wollten nur die Pistole reinigen, dann habe sich ein Schuss gelöst. Sie bagatellisieren die Tat immer mehr, weil es wohl der Natur des Menschen widerspricht, so brutal zu sein.

Vor ein paar Jahren haben brutale Überfälle die Bevölkerung aufgeschreckt, in denen auf bereits wehrlose Opfer eingetreten und geschlagen wurde.

Das Obergericht und das Bundesgericht haben uns klar Recht gegeben, dass es sich dabei um eine versuchte, schwere Körperverletzung handelt. Und das gibt eine empfindliche Strafe. Zu Recht. Die schwere Ausgangskriminalität war ein neues Phänomen. Unsere Amtsstelle konnte einiges erreichen, indem wir als Amtsstelle eine einheitliche Linie verfolgt haben. Darauf bin ich ein wenig stolz.

Die häusliche Gewalt fällt auch in Ihre Zuständigkeit.

In diesem Bereich haben die Strafverfolgungsbehörden ihr Vorgehen grundlegend geändert. Es wird nicht mehr – wie früher – vermittelt, sondern ermittelt. Häusliche Gewalt wird konsequent verfolgt und geahndet. Geschieht dies wiederholt oder handelt es sich um einen anderen schweren Fall, dann muss der Täter damit rechnen, in Untersuchungshaft versetzt zu werden.

Es widerspricht der Natur des Menschen, andere Menschen umzubringen.

Können Sie Gewalttaten dadurch vorbeugen?

Prävention ist ganz wichtig geworden. Das ist der grosse Unterschied zu früher, als ich als Bezirksanwalt begonnen habe. Damals wartete man, bis etwas passierte. Heute ist es auch Aufgabe der Strafverfolgung zu schauen, dass solche Delikte gar nicht passieren. Soweit das möglich ist.

Ihr Vorgänger, Ulrich Weder, sagte bei seiner Pensionierung, er sei für härtere Strafen. Auch finde er, Tötungsdelikte sollen nicht verjähren. Stimmen Sie dem bei?

Ich finde es sehr wichtig, dass strafbares Verhalten konsequent aufgedeckt und geahndet wird. Um diese Ziele erreichen zu können, sind Strafen unerlässlich. Diese müssen so ausgestaltet sein, dass sie für den Beschuldigten eine spürbare Sanktion bedeuten. Das ist auch aus Sicht der Opfer wichtig. Diese Aspekte rücken manchmal etwas zu sehr in den Hintergrund und gehen beinahe vergessen. Die Unverjährbarkeit von bestimmten Straftaten ist besonders für Opfer und deren Angehörige ein berechtigtes Anliegen. Allerdings stellt die konkrete Ausgestaltung eine Knacknuss dar. ()

Erstellt: 22.05.2016, 13:47 Uhr

Zur Person

Markus Oertle, Dr. iur., ist seit 1. Mai Leitender Staatsanwalt. Der 56-Jährige lebt in Richterswil. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er begann seine Laufbahn als Bezirksanwalt in Horgen. Seit die Strafverfolgung vor 15 Jahren reorganisiert wurde, ist er bei der Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte tätig. Er gehört der SP an, ist Schulpräsident und Gemeinderat in Richterswil.

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