Horgen

Fit und (möglichst) selbständig alt werden

Er gilt als der Experte der Altersforschung. Der Soziologe François Höpflinger* spricht über gesundes Altern und funktionierende Nachbarschaftshilfe.

François Höpflinger: «In der Schweiz fehlt eine Bildungspolitik für die Generation 50plus.»

François Höpflinger: «In der Schweiz fehlt eine Bildungspolitik für die Generation 50plus.» Bild: David Baer

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Heute ist der Tag des älteren Menschen, braucht es diesen Gedenktag?
François Höpflinger: Diesen Tag hat die Uno 1990 eingeführt. Die Wirkung solcher Gedenktage ist eigentlich relativ bescheiden. Dieser ist etwa so allgemein, wie wenn man einen Tag des Menschen propagieren würde. Denn das Alter ist ja nicht einheitlich, sondern umfasst vieles. Alt fühlt man sich heute nicht mit 65, sondern erst mit 80. Der Welt-Alzheimer-Tag am 21. September macht da mehr Sinn.

Bleiben wir bei den jungen Alten, Sie befürworten «Rentenalter 67».
Langfristig ja. Dazu braucht es natürlich verschiedene Begleitmassnahmen. Weiterbildung ist Voraussetzung. In der Schweiz fehlt eine Bildungspolitik für die Generation 50plus. Der Staat sollte die älteren Arbeitnehmer mit Stipendien oder zinslosen Darlehen unterstützen, wenn sie sich weiterbilden oder umschulen wollen. Möglich wäre auch, dass ältere Arbeitnehmer neue Aufgaben übernehmen und sich von ihrem bisherigen Beruf verabschieden. Oder dass Leute zwischen 60 und 64 eine Ruhephase einlegen können, um dann wieder weiterzuarbeiten.

Sie sind 68, haben Sie selbst zwischen 60 und 64 eine Pause eingelegt?
Bis jetzt hatte ich dazu keine Zeit. Ich bin weiterhin im Rahmen meiner Forschung und beratend tätig. Das Zeitpensum entspricht etwa einer 80-Prozent-Stelle.

Zu einem gesunden Alter gehört auch, das betonen Sie, dass sich Menschen mehr bewegen. Einerseits für das persönliche Wohlbefinden, dahinter steht auch der Gedanke, die hohen Pflegekosten zu minimieren.
Gesundheitsförderung besteht aus verschiedenen Elementen. Dazu gehört ausgewogene Ernährung, Bewegung und Gedächtnistraining, auch soziale Kontakte.

Kann man Bewegung verordnen?
Die Frage stellt sich, ob es Sinn macht, dass sich Menschen zwangsweise bewegen. Da muss man aufpassen, dass nicht übertrieben wird. Es gibt beispielsweise Vorstellungen, die Krankenkassenprämie zu erhöhen, wenn sich jemand zu wenig bewegt.

Wissen Sie einen Tipp, wie man sanft zu Bewegung motivieren könnte.
Das Tandem-System, das bewährt sich. Wenn zwei Leute gemeinsam ins Fitness gehen oder Outdoor-Sport betreiben, dann motivieren sie sich gegenseitig.

Gemeinsam etwas nutzen, das will Share Economy, also das Teilen von Gütern, wie Kleider oder gemeinsamer Mittagstisch. Bringt das wirklich etwas an finanzieller Einsparung?
Wenn drei ein Auto haben und es gemeinsam nutzen, dann sicherlich. Auch wenn sie Grosspackungen einkaufen. Und beim gemeinsamen Mittagstisch essen die Senioren gesünder und mehr, als wenn sie alleine essen würden.

Gärtnern kann auch zur Lebensqualität im Alter beitragen….
Das bestätigt auch das Forschungsprojekt «Grünräume für die zweite Lebenshälfte» der Hochschule Wädenswil, das ich mitbegleitet habe. Da wurden unterschiedliche Wohnsituationen untersucht, bei denen der Garten für das Zusammenleben der Menschen eine Rolle spielt und wie ein Garten gestaltet werden kann, damit er für ein gutes Wohlbefinden bis ins hohe Alter beitragen kann.

Zum Projekt Wohnen für Jung und Alt der Gemeinde Horgen im Strickler- und Tödi-Areal gehört auch Nachbarschaftshilfe — auch um Kosten im Altersbereich einzusparen. Verpflichtung zur Nachbarschaftshilfe, funktioniert das?
Ja, wenn es gute nachbarschaftliche Beziehungen hat, dann auch, wenn Gemeinschaftsräume so gestaltet sind, dass sich Leute begegnen können. Man hat gemerkt, dass solche Wohnprojekte gut begleitet werden müssen. Wenn man gemeinsam Wohnen im Fokus hat, dann denkt man immer übers Wohnen nach, dabei geht es ums gemeinsam leben. Man muss zuerst die Freizeit gestalten. Sonst funktioniert es nicht. Denjenigen, die sich interessieren, gemeinschaftlich zu wohnen, empfehle ich für ein Wochenende ein Ferienhaus zu mieten und dann zu testen, ob sie sich überhaupt vertragen. Oder zusammen eine Wanderung zu machen.

Jeder will so lange wie möglich zu Hause leben und erst wenn es nicht mehr anders geht, ins Pflegeheim. Allerdings bewegt sich der Trend weg von der stationären Pflege, also weg vom Pflegeheim.
Heute versucht man nur noch diejenigen mit einer hohen Pflegestufe im Pflegeheim zu betreuen und leicht Pflegebedürftige in hindernisfreien Wohnungen oder betreuten Wohnformen unterzubringen. Pflegebetten hat es momentan in vielen Regionen genug. Es wird auch zukünftig weniger Pflegeheimplätze brauchen, als früher prognostiziert.

Warum?
Die Leute werden später pflegebedürftig. Es gibt vermehrt Hinweise, dass das Risiko an Demenz zu erkranken, am Sinken ist. In den nächsten Jahren wird es vor allem mehr Spitex-Angebote für Menschen brauchen, die hilfsbedürftig und leicht pflegebedürftig sind.

Sind die Gemeinden und Institutionen da gewappnet ?
Es gibt zu wenig betreute Wohnformen, ebenso fehlt bezahlbarer Wohnraum für Jung und Alt. Alterswohnungen unter 2000 Franken sind ein Mangel. Die Schweiz gehört zu den europäischen Ländern, die kaum in den sozialen Wohnungsbau investieren.

Es gibt doch auch die Wohnbaugenossenschaften.
Die meisten Wohnbaugenossenschaften entstanden vor dem Zweiten Weltkrieg und sie haben heute Mühe, Land zu finden. Es gibt umgekehrt auch Firmen, die mit betreutem Wohnen und Pflege durchaus auch Geld verdienen und zwar dadurch, dass sie durchaus innovative Wohn- und Pflegekonzepte anbieten. Beispielsweise die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site, die die Tertianum-Residenzen aufgekauft hat.

Das können sich nur Gutbetuchte leisten.
Stimmt, aber es gibt zunehmend Angebote von betreuten Alterswohnungen für den Mittelstand. Übrigens zum Thema sich Betreuung leisten können: Die Hälfte der Pensionäre in Pflegeheimen ist auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Das Hauptproblem, das alle Alterseinrichtungen haben und haben werden. Es fehlt an Fachpersonal. Und dies europaweit.

Wie kann man das lösen?
Mit einer guten Personalpolitik, beispielsweise entlasten von Bürokratie. Pflegeheime, die eine Kinderkrippe für die Angestellten integriert haben, finden eher Mitarbeitende.

*François Höpflinger (68) ist Alters- und Generationenforscher. Von 1994 bis 2013 war er Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. Er lebt seit 2005 in Horgen. Webseite zu Gärtnern im Alter: www.alter-gruen-raum.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 30.09.2016, 16:04 Uhr

Regionale Alters-Plattform für die Region Zimmerberg geplant

Altersforscher Francois Höpflinger ist Mitglied der Expertengruppe des schweizweit lancierten Programms «Socius – wenn Älterwerden Hilfe braucht», das von der Age-Stiftung von 2015 bis 2018 finanziell unterstützt wird. Das Programm soll so dazu beitragen, einzelne Unterstützungsangebote in den Gemeinden effektiver aufeinander abzustimmen, den Zugang dazu zu erleichtern und Lücken im Dienstleistungsangebot zu schliessen, «auch Doppelspurigkeiten zu vermeiden», wie Höpflinger erklärt.

50 Projekte aus der Deutschschweiz haben sich beworben, zehn wurden ausgewählt, darunter eines aus dem Bezirk Horgen, betitelt «Region Zimmerberg , Altersarbeit vom Wohnen bis zur ärztlichen Versorgung». Die Führung dieses Projekts obliegt gemeinsam Karl Conte,dem Leiter der Horgner Abteilung Alter und Gesundheit, und Michael Jäger, Leiter der Akutgeriatrie des See-Spitals. Das Projekt soll dem strategischen Ziel «ambulant vor stationär» Nachdruck verleihen und will die medizinisch-pflegerische Versorgung mit der sozialen verbinden. In der Region Zimmerberg soll zudem eine Plattform errichtet werden, die alle Akteure im Altersbereich zusammenbringt und Planungsgrundlagen schafft. Ausserdem ist beabsichtigt, ein ambulantes altersmedizinisches Angebot für die Region aufzubauen. (gs)

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