Berufsbildung

Fast niemand will mehr Haare schneiden

Mitte August treten hunderte Lernende am Zürichsee ihre Lehre an. Noch sind aber nicht alle Plätze besetzt: Nachwuchsmangel macht sich bei den Coiffeuren bemerkbar, wo mehr als die Hälfte der angebotenen Lehrstellen noch unbesetzt ist.

Im ersten Lehrjahr im Friseurgewerbe erwerben Lernende ihre Fertigkeiten an Modellköpfen mit Echthaar.

Im ersten Lehrjahr im Friseurgewerbe erwerben Lernende ihre Fertigkeiten an Modellköpfen mit Echthaar. Bild: Keystone

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Je 140 Chancen haben Jugendliche in den Bezirken Horgen und Meilen noch auf einen Lehrstellenplatz ab Mitte August. So viele Ausbildungsplätze sind nämlich Stand Juli noch nicht besetzt. Im linksufrigen Bezirk waren im Juli gemäss der Bildungsstatistik des Kantons Zürich 658 Lehrstellen vorhanden, im rechtsufrigen deren 652. In beiden Bezirken sind demnach knapp ein Viertel aller Lehrstellen noch frei.

Ein besonders hoher Prozentsatz an offenen Lehrstellen ist im Bereich des Friseurgewerbes und der Schönheitspflege auszumachen. Im Bezirk Horgen sind mit 18 von 29 Plätzen satte 62 Prozent der Lehrstellen in dieser Branche noch unbesetzt. Im Bezirk Meilen fehlt es sogar bei 19 von 25 Stellen, also 76 Prozent, an Bewerbern. Weshalb ist der Coiffeurberuf bei Schulabgängern so unbeliebt?

Lohn schreckt ab

Lea Richner, Lehrlingsausbildnerin beim Coiffeur Capelli Hair Design in Wädenswil, sieht den finanziellen Aspekt als einen Grund: «3000 Franken im Monat nach der Lehre ist für die Jugendlichen heutzutage nicht mehr viel. Sie suchen nach Jobs mit höheren Löhnen», sagt sie. Beim Wädenswiler Coiffeurgeschäft ist nach wie vor eine Lehrstelle ausgeschrieben - Antritt wäre bereits Mitte August.

Zwei Lernende befinden sich bei Capelli Hair Design bereits in Ausbildung. Richner glaubt nicht mehr recht daran, dass der offene Ausbildungsplatz noch besetzt wird. «Wir haben dieses Jahr nur sechs Bewerbungen erhalten und konnten davon eine Lehrstelle besetzen», sagt sie. Seit ungefähr vier Jahren habe man mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. «Es sind geburtenarme Jahrgänge», versucht sie zu erklären. Schlussendlich habe man aber doch stets drei bis vier Auszubildende gefunden.

Das Argument des niedrigen Lohnes will Manuela Jägli, Geschäftsführerin des Coiffeurs Hair Saloon in Hombrechtikon, nicht gelten lassen. «Einige Eltern raten ihren interessierten Kindern wegen des Verdiensts vom Coiffeurberuf ab», sagt sie. Dabei sei bei einem 100-Prozent-Pensum ein durchaus guter Lohn möglich. Und auch die Berufsmaturität könne ein Coiffeurlehrling absolvieren.

Dennoch: Ihr Geschäft wird alles andere als von Bewerbenden überrannt. «Die immer noch offene Lehrstelle besetzen wir bis Mitte August kaum mehr», sagt Jägli. Seit zwei Jahren herrsche Flaute bei den Bewerbungen. Schnupperlehrlinge würden teils dadurch abgeschreckt, dass der Coiffeurberuf ein körperlicher ist: «Schulabgänger sind sich nicht gewohnt, über eine lange Zeit zu stehen», sagt Jägli. Auch bezüglich dieses Punkts gibt sie Entwarnung: Man gewöhne sich rasch daran und könne einige Arbeiten auch im Sitzen erledigen.

Prestigefaktor wichtig

Einen anderen Erklärungsversuch, weshalb eine Ausbildung zum Coiffeur auf wenig Interesse stösst, unternimmt Annette Grüter, Leiterin des Berufsinformationszentrums (biz) Horgen: «Viele Jugendliche sind nicht mehr offen für Berufe mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Sie möchten Arbeits- und Freizeit geregelt haben.»

Arbeit am Wochenende, wie sie es etwa auch im Gastgewerbe oder dem Detailhandel zu verrichten gilt, ist demnach kaum erwünscht bei den potentiellen Lehrlingen. Lehrlingsausbildnerin Richner pflichtet bei: Am Samstag arbeiten zu müssen, schrecke einige Schnupperlehrlinge ab. Dabei habe ein freier Tag während der Woche auch seinen Reiz.

«Viele Jugendliche sind nicht mehr offen für Berufe mit unregelmässigen Arbeitszeiten.»Annette Grüter, Leiterin biz Horgen

Hinzu kommt gemäss biz-Leiterin Grüter der Prestigefaktor: «Sich im Job die Hände schmutzig zu machen, hat bereits seit einiger Zeit an Popularität verloren.» So sind nebst der Friseurbranche, wo Arbeit in erster Linie Handarbeit bedeutet, etwa auch der Gross- und Einzelhandel, das Gastgewerbe, sowie das Baugewerbe nicht besonders beliebt.

In Letzterem sind gemäss der Bildungsstatistik des Kantons Zürich im Bezirk Horgen noch 26 der 66 Lehrstellen frei, im Bezirk Meilen sogar 28 der 61 Stellen. Es seien in den letzten Jahren stets dieselben Berufe gewesen, die Nachwuchsschwierigkeiten aufwiesen, sagt Grüter.

Bessere Arbeitsbedingungen

In den Coiffeurgeschäften am See sollen neue Methoden Nachwuchs anlocken. Bei Capelli Hair Design schreibt man die Lehrstellen etwa in sozialen Medien wie Instagram und Facebook aus. Und trotz des Mangels an Bewerbungen: Die Schnupperlehrlinge müssen motiviert sein und im Idealfall eine ganze Woche absolvieren - inklusive Samstag -, um als Lehrlinge im Wädenswiler Salon in Frage zu kommen. «Wir geben aber allen eine Chance», sagt Richner.

Der Hombrechtiker Hair Saloon schreibt seine Lehrstellen in der Online-Plattform «Yousty» aus. Er sucht aber auch den direkten Kontakt zu potentiellen Bewerbern. «In der Sekundarschule Obstgarten in Stäfa haben wir mit den Schülern geübt, Bewerbungsgespräche zu führen», sagt Manuela Jägli. Und wirft noch ein gewinnendes Argument für ihr Geschäft ein: Die Lernenden würden ab dem ersten Tag an Modellen selber Haare schneiden und keine Hilfstätigkeiten wie Haarewaschen für andere Mitarbeiterinnen übernehmen.



«Die ausbleibenden Lernenden sollten bei Arbeitgebern dazu führen, dass sie sich Gedanken über die Arbeitsbedingungen machen.»
Annette Grüter, Leiterin biz Horgen

Nicht nur die Coiffeurgeschäfte müssen herausfinden, wie sie Lehrlinge für sich gewinnen können. Auch andere Branchen ergreifen Massnahmen, wie biz-Leiterin Grüter erklärt: Ein Unternehmerverband aus der Hotellerie veranstalte etwa Tage der offenen Tür oder mehrtägige Schnuppercamps in Hotels und Tourismusbüros anstatt nur einzelne Schnuppertage in einem bestimmten Betrieb.

«Die ausbleibenden Lernenden sollten bei Arbeitgebern aber auch dazu führen, dass sie sich Gedanken über die Arbeitsbedingungen machen», sagt Grüter. Dies gelte auch dann, wenn die Jugendlichen einst erwachsen seien und familiäre Bedürfnisse in den Vordergrund rückten.

Erstellt: 09.08.2019, 14:43 Uhr

Lehrstellen

Für diese Berufe bewerben sich besonders viele Jugendliche

Nicht alle Branchen beklagen Nachwuchsprobleme. «Beliebt sind Lehrstellen im kaufmännischen Bereich, im Gesundheitswesen sowie in der Informatik», sagt die Leiterin des Berufsinformationszentrums (biz) Horgen, Annette Grüter. Auch die Lehre als Fachperson Betreuung im Bereich Kinderbetreuung sei beliebt.

So beliebt, dass die berufsschulische Ausbildung an zusätzlichen Standorten im Kanton Zürich stattfinden soll: Voraussichtlich ab 2021 sollen neu am Bildungszentrum Zürichsee (BZZ) in Horgen 800 auszubildende Fachleute Betreuung unterrichtet werden, weil die Infrastruktur an der derzeitigen Ausbildungsstätte in Winterthur aus allen Nähten platzt. Dennoch gibt es in der Fachrichtung Kinderbetreuung noch einige offene Lehrstellen am Zürichsee. Dies ist dem Lehrstellennachweis (Lena) des kantonalen Amts für Mittelschulen und Berufsbildung zu entnehmen.

Auf Nachfrage bei diversen Kindertagesstätten wird klar, dass diese die offenen Stellen aber teils auch kurzfristig noch füllen konnten. «Uns erreichten in diesem Jahr über 70 Bewerbungen», sagt Claudia Polisena, Geschäftsleiterin der Kindertagesstätte Doppelchnopf in Adliswil. Die meisten stammten von Mädchen, denn «Mädchen und kleine Kinder sind eine gute Kombination.» In den letzten Jahren hätten sich aber auch bis zu zehn Jungen für eine Stelle als Kinderbetreuer beworben. Aufgrund der hohen Beliebtheit schreibe sie die Lehrstellen nur noch im Lena aus, sagt Polisena.

90 Bewerber für zwei Stellen

80 bis 90 Bewerbungen sind bei der Gemeindeverwaltung Zollikon für die zwei alljährlich angebotenen kaufmännischen Lehrstellen eingegangen. So viele, dass gar das Beherrschen des Zehnfingersystems den Unterschied zwischen den Bewerbern ausmachen kann. Bereits Ende des letzten Jahres fanden die Vertragsunterzeichnungen statt, sagt Gemeindeschreiber Peter Imhof. «Wir erleben das Interesse an KV-Lehrstellen unverändert seit den letzten Jahren. Es gilt nach wie vor als beliebte Ausbildung, da es eine gute Basis für den weiteren beruflichen Werdegang ist.»

Jedoch spüre man einen Trend in Richtung akademische Ausrichtung durch den Gang ans Gymnasium und an Hochschulen, sagt Imhof. Aber dennoch: Probleme, die sechs Lehrstellen - zwei pro Lehrjahr - auf der Gemeindeverwaltung zu besetzen, scheint es keine zu geben. Dazu beitragen mag, dass eine KV-Lehrstelle je nach Ausbildungsprofil sowohl für leistungsstarke Schüler aus der Sekundarschule A als auch B attraktiv und realistisch ist.

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