Wochengespräch

«Es sind nicht alle Leichtathleten gedopt»

Am Donnerstagabend findet das Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich statt. Die Co-Direktoren erklären unter anderem, wieso auch ehemalige Dopingsünder starten dürfen.

Christoph Joho (links) und Andreas Hediger teilen sich das Direktorium bei «Weltklasse Zürich».

Christoph Joho (links) und Andreas Hediger teilen sich das Direktorium bei «Weltklasse Zürich». Bild: Manuela Matt

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Christoph Joho und Andreas Hediger, Ihr Anlass ist Jahr für Jahr ausverkauft. Ist Weltklasse Zürich ein Selbstläufer?
Christoph Joho: Das wäre schön, war er aber nie. Im Vergleich zu früher braucht es heute sogar noch mehr Arbeit, um das Stadion voll zu kriegen. Die Eventlandschaft ist in der Schweiz und vor allem in Zürich explosionsartig gewachsen. Der Wettbewerb um den einzelnen Zuschauer ist grösser geworden. Zurücklehnen können wir uns deshalb nicht. So führten wir letztes Jahr erstmals den Stabhochsprung-Wettkampf in der Hauptbahnhofhalle durch. Dieser ist ein Beispiel dafür, wie wir die Leichtathletik näher zu den Leuten bringen und einem neuen Publikum zugänglich machen.

Mit Ihrem Anspruch, das beste Meeting der Welt zu sein, setzen Sie sich aber auch selber unter Druck.
Andreas Hediger: Wer Weltklasse im Namen hat, muss diesem Anspruch auch gerecht werden. Darum wollen wir dieses Label in allen Bereichen erfüllen.

Nun stecken Sie in der intensivsten Phase Ihrer Ganzjahresarbeit. Wie fühlen Sie sich jeweils nach dem Meeting, wenn alles wieder vorbei ist?
Joho:Dann fallen wir emotional in ein Loch. Das ist fast wie eine postnatale Depression. Man sitzt im Büro und weiss gar nicht so recht, was man da eigentlich soll. Dann ist es jeweils besser, man geht in die Badi oder in die Berge.

Dass Sie ein Jahr lang für diesen einen Abend arbeiten, ist schwer vorstellbar.
Joho:Na ja, hinter dem Namen Weltklasse Zürich steckt natürlich viel mehr als nur das Meeting. Mit unserem Team organisieren wir den UBS Kids Cup, ein Nachwuchsprojekt mit rund 950 Wettkämpfen in der ganzen Schweiz. Auch der Anlass «Jugend trainiert mit Weltklasse» gehört zu unseren Aufgaben. Und wir entwickeln rund um Weltklasse Zürich ständig neue Ideen und Konzepte.
Hediger:Ausserdem übernehmen wir Managementaufgaben für mehrere Schweizer Spitzenathleten wie Kariem Hussein oder Mujinga Kambundji.

Dank ebensolchen Athletinnen und Athleten ist die Schweizer Leichtathletik zurzeit so erfolgreich wie noch nie. Wie wichtig ist das für Weltklasse Zürich?
Hediger: Unser Event profitiert extrem von den Schweizer Topathleten. Sie sind Publikumsmagnete, man identifiziert sich mit ihnen. Dass Weltklasse Zürich Schweizer Talente fördert, ist deshalb auch nicht ganz uneigennützig.

Sind sie also fast wichtiger als die grossen Stars wie Usain Bolt?
Joho: Das kann man so nicht sagen. Das Meeting lebt von einem hochkarätigen Mix verschiedener internationaler Stars und Schweizer Topathleten. Wir setzen absichtlich nicht auf einzelne Stars wie Usain Bolt. Der Abend muss den Zuschauern gefallen, egal ob Bolt da war oder nicht.

Auch im Nachwuchsbereich erlebt die Schweizer Leichtathletik derzeit einen Boom. Wieso?
Hediger: Einerseits hat es sicher mit der Europameisterschaft zu tun, die wir vor zwei Jahren in Zürich durchführten. Athleten und Trainer aus der Schweiz waren motiviert, darauf hinzutrainieren. Die dortigen Schweizer Erfolge zeigten den Jungen, dass es möglich ist, international vorne mitzuhalten. Heute sagen sie sich: Wenn das Kariem oder Mujinga schaffen, wieso dann nicht auch ich? Dieser Groove ist zurzeit extrem spürbar. Zum anderen trägt auch der UBS Kids Cup zum grossen Interesse bei. Vor seiner Einführung 2011 war die Anzahl Lizenzen in den Nachwuchskategorien zwanzig Jahre lang rückläufig. Heute erleben wir das Gegenteil. Viele Vereine haben sogar Wartelisten.

International wird die Leichtathletik immer wieder von Dopingfällen überschattet. Ihr Meeting erfreut sich dennoch stets grosser Beliebtheit. Lässt die Dopingproblematik Ihr Publikum kalt?
Joho:Nein, bestimmt nicht. Aber es ist ja auch nicht so, dass alle Athleten gedopt sind. In Russland wurde ein flächendeckendes und vom Staat unterstütztes Doping nachgewiesen. Doch das ist die Ausnahme. Klar gibt es auch sonst einzelne schwarze Schafe. Aber ich habe den Glauben nach wie vor nicht verloren, dass die grosse Mehrheit der Athleten sauber ist.
Hediger: Das sehe ich auch so. Ich bin seit bald 30 Jahren als Coach tätig. Und ich bin sicher, dass Höchstleistungen auch ohne unerlaubte Mittel möglich sind. Grundsätzlich ist die Leichtathletik gefährdeter als andere Sportarten, weil bei ihr die Leistungen messbar und direkt vergleichbar sind. Joho:Hinzukommt, dass sie die weltweit betriebene, olympische Kernsportart ist und deshalb grosse Aufmerksamkeit erhält. Dies führt dazu, dass bei ihr mehr Dopingfälle aufgedeckt werden als in anderen Sportarten.

Den Entscheid des Weltverbands, die russischen Leichtathleten zu sperren, unterstützen Sie also.
Joho: Ja, zu hundert Prozent.
Hediger: Auf jeden Fall. Auch wenn bei einer Kollektivstrafe natürlich die Wahrscheinlichkeit besteht, dass man einzelne Unschuldige bestraft.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) liess die Athletin, die das Staatsdoping aufgedeckt hat, in Rio auch unter olympischer Flagge nicht starten. Was halten Sie davon?
Joho: Wir beide stehen diesem Entscheid sehr kritisch gegenüber. Was das IOC und insbesondere dessen Präsident Thomas Bach zurzeit macht, ist alles andere, als die Glaubwürdigkeit des Sports zu steigern.

Weltklasse Zürich setzt sich gegen Doping ein. Trotzdem dürfen einst gesperrte Athleten bei Ihnen starten. Das ist auch nicht gerade glaubwürdig.
Hediger:Unsere Haltung ist so: Wer eine zweijährige oder längere Sperre hinter sich hat, wird von uns nicht mehr eingeladen. Zweijährige Sperren bedeuten nämlich, dass der Athlet ein schweres Dopingvergehen begangen hat. Mit kürzeren Strafen werden Vergehen geahndet, die auch unabsichtlich passiert sein können. Wer eine solche hinter sich hat, darf bei uns an den Start. In diesen Fällen wollen wir uns nicht als zusätzlichen Richter aufspielen.

Das heisst, dass Sie einen mehrfachen Dopingsünder wie den US-Sprinter Justin Gatlin gar nicht einladen?
Hediger: Ja, richtig. Wenn er aber dank seinen Leistungen von anderen Meetings noch Chancen auf den Diamond-League-Gesamtsieg hat, können wir ihm einen Start bei uns am Saisonfinale nicht verwehren. Allerdings erhält er dann nicht mehr als die Mindestgage von 1000 Franken. Werbung machen wir selbstverständlich mit ihm nicht.

Zum Schluss ein Vorausblick: Was wäre Ihnen am Donnerstagabend lieber, ein Weltrekord oder ein Schweizer Sieg?
Hediger: Ein Schweizer Weltrekord. (lacht) Spass bei Seite: Ein Schweizer Sieg wäre schön zu haben, aber ein Weltrekord zählt natürlich mehr.
Joho: Ja, definitiv ein Weltrekord.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.08.2016, 17:10 Uhr

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