Thalwil

«Es geht darum, dem Menschen eine Stimme zu geben»

Fernsehen Die gebürtige Thalwilerin Barbara Lüthi, Südostasien-Korrespondentin des Schweizer Fernsehens, ist für eine «DOK»-Serie von ­China über Burma nach ­Indien gereist. Dass sie der ­rote Faden ist, stört sie nicht.

Barbara Lüthi versteht es als Teil ihrer Arbeit, engagierte Diskussionen zu führen. Bild: zvg

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Barbara Lüthi, für das ­Schweizer Fernsehen sind Sie die in der Schweiz eher ­unbekannte Old Burma Road abgefahren. War­um nicht die Seiden­strasse?

Barbara Lüthi: Über die Seidenstrasse gab es schon eine «DOK»-Serie im SRF mit Peter Gysling. Die Idee mit der Old Burma Road hat das SRF an mich herangetragen. China, Burma und Indien sind asiatische Länder, die die Leute nicht kalt lassen. Und die Old Burma Road, die den Briten und Chinesen im Zweiten Weltkrieg als Versorgungsstrasse diente, spielt heute wieder eine wichtige geopolitische Rolle. Heute erzählt die Strasse die Geschichte der Globalisierung. Gerade in Burma passiert seit der Öffnung des Landes 2011 sehr viel.

Sie waren für SRF fast acht Jahre lang China-Korrespondentin.Wie gut kennen Sie Burma und Indien?

Weniger gut als China. Aber ich habe mit zwei Produzentinnen zusammengearbeitet. Elvira Stadelmann hat Burma recherchiert und vorbereitet; Andrea Pfalzgraf Indien. Wir waren im Team unterwegs und haben im Vorfeld viel über die Themen diskutiert, die wir in den 18 Tagen in jedem Land beleuchten wollen. Wir waren uns einig, wo wir Schwerpunkte setzten.

Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis auf diesen Reisen?

Da gab es viele. Beeindruckend fand ich die Begegnung mit den Journalisten der Democratic ­Voice of Burma. Während der Safran-Revolution 2007 haben sie unter Todesgefahr gearbeitet, um zu informieren, was unter der Militärdiktatur geschah. Seit deren Ende 2011 arbeiten die Journalisten zwar in normalen Büros. Aber diese Reporter zu treffen, hat mir wieder vor Augen geführt, wie wichtig mutiger Journalismus ist und was er verändern kann. Diese Menschen standen mit ihrem Leben für nicht zensierte Information ein.

Und das strubste Erlebnis?

Als wir über die grüne Grenze von China aus in ein Flüchtlingslager der Kachin in Burma fuhren. Die Kachin-Minderheit kämpft seit Jahrzehnten für mehr Unabhängigkeit und wird genau so lange von der burmesischen Regierung verfolgt. Die 3000 Kachin-Angehörigen, die wir im Lager treffen, sind Leidtragende dieses jahrzehntelang schwelenden Konflikts. Das Leben im Lager ist hart, es fehlt an allem. Fast alle Hilfsorganisationen sind wieder weg. Viele der Frauen haben Schreckliches erlebt, sie wurden von burmesischen Soldaten vergewaltigt und mit ihren Familien aus ihren Häusern vertrieben.

Man kennt Sie eher als News-Journalistin, allenfalls von «DOK»-Filmen. Ab Freitag werden Sie in einer «DOK»-Serie über die Schweizer Mattscheiben flimmern. Man sieht Sie beispielsweise in Kunming Thai-Chi ausüben. Haben Sie damit keine Probleme?

Es stimmt, ich bin der rote Faden. Mir wäre es auch recht gewesen, weniger vorzukommen. Es ist das Konzept dieser «DOK»-Serie, dass ich als Südostasien-Korrespondentin durch die Länder führe. Aber es sind ja nicht einfach meine Reiseerlebnisse, die wir ­erzählen. Wir vermitteln viel Hintergründiges auf dieser Reise.

Sind Sie eine Narzisstin?

Das würde ich nicht sagen. Ich bin selbstbewusst, aber nicht selbstverliebt. Ich weiss, wo meine Schwächen liegen und sage das auch. Ohne das echte Interesse an anderen Menschen wäre unsere Arbeit nicht möglich. Es geht darum, den Menschen eine Stimme zu geben. Für die «DOK»-Serie habe ich nichts gemacht, was ich nicht sonst auch tue. Seit zehn Jahren reise ich in Asien, rede mit Menschen, stelle Fragen, höre zu und versuche den Dingen auf den Grund zu gehen. Bloss sah man das bisher nie, sondern nur das Ergebnis.

Es sind insgesamt auch sechs Stunden Sendezeit.

Das war das Schöne: Wir hatten Zeit, es hatten nicht nur harte Fakten Platz, sondern noch ganz viele andere Facetten. Einmal haben wir beispielsweise im Zug eine Familie getroffen, die zur Uni-Abschlussfeier ihrer Tochter unterwegs war. Wir konnten uns die Zeit nehmen, mit dieser Familie mitzugehen.

Auch nach zehn Jahren in Asien haben Sie noch nicht genug. Was fasziniert Sie an diesem Erdteil?

Der Pragmatismus, den die Menschen an den Tag legen. Bewusst wurde mir das einmal mehr in der indischen Metropole Kalkutta. Der Rikschafahrer macht diesen Beruf, weil er seine Familie ernähren muss. Und der indische Unternehmer bildet in Kursen seine Leute selber aus, weil er nicht genügend qualifizierte Arbeitskräfte findet. Jeder macht in seinem Umfeld, was er tun muss.

In Sachen Wohnsitz sind Sie aber doch eine Konzession ­eingegangen. Mit Ihrer Familie leben Sie in Hongkong.

Seit fünf Jahren, ja. Die Lebensqualität ist dort einfach besser, die Luft sauberer. In Festlandchina wurden die Kinder zum Teil krank. Und jetzt als Südostasien-Korrespondentin ist Hongkong ein guter Hub. Man ist sofort überall.

«Old Burma Road – unterwegs mit Barbara Lüthi»: Ab Freitag, 28. August, 21 Uhr, SRF 1. ()

Erstellt: 27.08.2015, 08:45 Uhr

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