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Enorme Zunahme von Sozialhilfefällen in Langnau

Um ganze 65 Prozent hat die Anzahl der Sozialhilfeklienten in Langnau innerhalb eines Jahres zugenommen. Die Ausgaben sind hingegen nicht im selben Masse gestiegen — dies ist aber nur scheinbarein Widerspruch.

Eine zusätzliche 80-Prozent-Stelle hat die Gemeinde für die Abteilung Soziales bewilligt, um die Zunahme an Sozialhilfefällen zu bewältigen.
Eine zusätzliche 80-Prozent-Stelle hat die Gemeinde für die Abteilung Soziales bewilligt, um die Zunahme an Sozialhilfefällen zu bewältigen.
Sabine Rock

Die Gemeinde Langnau verkündet Erstaunliches: Sie habe eine «enorme Zunahme an Sozialhilfeklienten» verzeichnet. Die Anzahl der Sozialhilfefälle sei innerhalb von vier Jahren um ganze 291 Prozent gestiegen. Dies geht aus den Fallzahlen hervor, welche die Gemeinde der «Zürichsee-Zeitung» zur Verfügung stellte. Waren es Ende 2014 erst 34 Fälle, zählte Langnau Ende 2017 mit 99 Fällen fast dreimal so viele. Die Anzahl Fälle lassen sich nicht eins zu eins auf die Anzahl Personen übertragen, da ein Fall mehrere Personen umfassen kann. So stecken hinter den 34 Fällen 68 Personen, respektive entsprechen die aktuell 99 Fälle 180 Personen.

Die Fallzahlen beziffern die Summe aller Sozialhilfebezüger — ohne Flüchtlinge und Asylsuchende. Rechnet man letztere mit, zeigt sich dasselbe Bild: von nur gerade sieben Fällen im Jahr 2014 (respektive 15 Personen) sind diese im Jahr 2017 auf 43 angestiegen (67 Personen) — dies entspricht einem Anstieg von fast 400 Prozent.

«Löcher stopfen»

Zu Beginn des neuen Jahres habe sich die Lage derart verschärft, schreibt die Abteilung Soziales in einer Mitteilung, dass langfristig eine sachgerechte Bearbeitung nicht sichergestellt gewesen wäre. Deshalb habe der Gemeinderat nun zusätzliche 80 Stellenprozente für die Bearbeitung der Fälle gutgeheissen.

Auch wenn die Kurve der Fallzahlen steil nach oben zeigt, sind sich die Ausgaben nicht im gleichen Masse in die Höhe geschnellt.

Sozialvorstand Lorenz Rey erklärt: «Wir mussten vor allem einspringen, um Löcher zu stopfen.» Viele der Langnauer Sozialhilfeempfänger hätten nämlich Jobs oder Einkünfte von Arbeitslosentaggeldern, der Invalidenrente, Kinderzulagen oder Alimente. Doch: «Diese Einkünfte reichen nicht aus, um über die Runden zu kommen», sagt Rey. Er erzählt von Familien, die von Einkünften von mehreren Teilzeitjobs leben sollten. «Stichwort: Working Poor. Obwohl sie Vollzeit arbeiten, kommt nicht genug Geld für die Familie zusammen», sagt Rey.

Die Anzahl Working Poor habe in Langnau stark zugenommen. Diese Situation sei eine enorme psychische Belastung, was wiederum mit Krankheitsbildern einhergehe — eine Negativspirale. Dennoch zeichnet Rey einen Silberstreifen an den Horizont: «Die Working Poor sind meistens keine langjährigen Klienten.»

Als weiteren Grund nennt Rey die Verlagerung der Kosten vom Kanton auf die Gemeinde. Indem etwa die Einkommensgrenze für einen Anspruch auf individuelle Prämienverbilligung in den letzten Jahren massiv gesenkt worden sei — obwohl die Krankenkassenprämien steigen. Spürbar sei auch, dass seit der letzten IV-Revision immer weniger Renten gesprochen werden und bereits ausgerichtete Renten wieder eingestellt würden. Dies, obwohl die Betroffenen kaum eine reelle Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten.

Quote auf städtischem Niveau

Mit dem Wohnraum hängt ein weiterer Grund für die gestiegene Sozialhilfequote zusammen. Obwohl in kleinen Gemeinden die Sozialhilfequoten tendenziell tiefer sind als in Städten, ist jene von Langnau mittlerweile auf das Niveau der Nachbarstadt Adliswil gekraxelt. Die Sozialhilfequote von Langnau stieg von 2,3 Prozent im Jahr 2016 auf 3,3 Prozent im Jahr 2017; jene von Adliswil ist innert zehn Jahren auf 3 Prozent gesunken. In grösseren Gemeinden mit einer relativ hohen Anzahl an günstigen Wohnungen leben tendenziell mehr Sozialhilfeempfänger.

Vermieter hätten Sozialhilfeempfänger sozusagen als sichere Einnahmequelle entdeckt, sagt Rey. Flugs werden kleine 3-Zimmerwohnungen an gleich drei Sozialhilfeempfänger aufs Mal vermietet, die dann Küche und Bad teilen müssen. «So erhalten Vermieter 3000 Franken für eine Wohnung, die auf dem Markt für die Hälfte zu vermieten wäre», sagt Rey. Diesen Trend habe er in Langnau beobachtet. Hier stehen die Gemeindeangestellten in engem Austausch mit Sozialhilfeklienten, so habe man rasch reagieren können. «Wir haben die Pauschalbeträge für möbliert vermietete Zimmer heruntergesetzt, wenn Küche und Bad geteilt werden müssen — oder in Extremfällen gar keine Kochgelegenheit vorhanden war.» (Andrea Schmider)

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