Richterswil

Eine verschworene Gemeinschaft

Eine für alle – alle für eine: So lässt sich der Zusammenhalt zwischen den Richterswiler Orientierungsläuferinnen Julia, Lilly und Paula Gross beschreiben.

Das Trio hat schon oft erlebt, wie es sich anfühlt, siegreich zu sein: Die drei Schwestern Lilly, Paula und Julia Gross (von links) sind erfolgreiche Orientierungsläuferinnen.

Das Trio hat schon oft erlebt, wie es sich anfühlt, siegreich zu sein: Die drei Schwestern Lilly, Paula und Julia Gross (von links) sind erfolgreiche Orientierungsläuferinnen. Bild: Michael Trost

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Auf einem Foto ist festgehalten, wie die Familie Gross einmal sogar zu fünft mit Karte und Kompass unterwegs gewesen ist. Vater Martin und Mutter Heidi liefen vor vier Jahren am OL-Klubwettkampf in Brütten bei Winterthur mit den Töchtern mit. «Wir haben das aus Spass gemacht», sagt Julia Gross an diesem sonnigen Spätnachmittag am Familientisch zu Hause in Richterswil, frei nach dem olympischen Leitmotiv «teilnehmen ist wichtiger als siegen». Wie es sich anfühlt, siegreich zu sein, hat das Trio ohnehin schon oft erlebt. Die 27-jährige Julia hat sich an der Weltspitze etabliert, die um zwei Jahre jüngere Lilly hat ebenfalls dazu beigetragen, dass die Schwestern Gross zu den erfolgreichsten Geschwistern im Schweizer Sport gehören, und die 22-jährige Paula ist auf dem Sprung, es Julia gleich zu tun.

Das Palamarès umfasst Dutzende von Medaillen und Spitzenplätze an WM, EM, im Weltcup und an nationalen Meisterschaften, Julias jüngste Erfolge mit Gold in der Staffel und Bronze in der Langdistanz an den EM im Tessin liegen nur ein paar Wochen zurück, Paula erreichte mit der zweiten Schweizer Frauen-Staffel Rang 2. Nebst dem Gefühl, der sportlichen Spitze anzugehören, ist ihnen zudem gemeinsam, dank dem Sport um die Welt gekommen zu sein.

Als Trio weltweit bekannt

«Zu dritt in derselben Sportart erfolgreich zu sein, bringt allemal Vorteile», hält Lilly Gross fest. Sie deutet damit an, dass die «Gross-Sisters» zu den dorfbekannten Grössen in Richterswil gehören. Das lokale Gewerbe zählt mit zu ihren Sponsoren. Zeichnet die Gemeinde zusammen mit der Interessensgemeinschaft Richterswiler Sportvereine jährlich ihre besten Athletinnen und Athleten aus, sind sie stets präsent— wenn nicht ein Termin mit der Nationalmannschaft sie daran hindert, den Preis persönlich abzuholen. Als kleinen Nachteil, den der Erfolg mit sich bringt, empfindet Lilly höchstens: «Manchmal werden wir untereinander verwechselt.»

So habe sie auch schon mal Gratulationen und Geschenke angeboten bekommen, die eigentlich für Julia bestimmt gewesen wären. «Ich quittiere dies jeweils mit einem Lächeln.» Julia ergänzt: «Zu dritt zu sein, hat auch zu einem Popularitätsschub ausserhalb der Region geführt.» Sie zeigt auf ein Foto mit einer Hundertschaft von Leuten in grünen Trikots und rot-weissen Schals, auf denen «Fan für Gross» geschrieben steht. Sie schwenken Schweizer Fahnen und Kuhglocken. «Das ist unser Fanklub», sagt Julia. Mitglieder aus allen Landesteilen würden dazugehören. «So haben sie uns an den EM im Tessin unterstützt.»

Die richtige Wahl getroffen

Die Geschwister konnten im Tessin auch auf elterlichen Support zählen. Vater Martin Gross ist Präsident von OL Zimmerberg, aber die Redensart «der Apfel fällt nicht weit vom Stamm», trifft im Zusammenhang mit seinen Töchtern für einmal nicht zu. «OL zu rennen, war einzig und allein mein Entscheid», sagt Julia. Auch Lilly hat von sich aus herausgefunden, dass dies für sie der richtige Sport ist. Und Paula sagt: «Ich allein habe beschlossen, es meinen Schwestern nachzumachen.»

Als Nachzüglerin sieht sie sich ohnehin nicht. Die Jüngste zu sein, hat ihr vielmehr durchaus einen Vorteil gebracht: «Ich ging in die gleiche Schule wie schon Julia und Lilly.» Sie habe einige Tipps, die Lehrerschaft betreffend, mit auf den Weg bekommen. «Ich denke, wir hinterliessen alle einen guten schulischen Eindruck, auch später am Gymi», sagt sie weiter. Beruflich verbindet Paula und Julia die Pädagogik. Paula absolviert die Ausbildung zur Sekundarlehrerin, Profisportlerin Julia unterrichtet als Primarlehrerin allerdings nur noch ab und zu. Sie beginnt im Herbst ein Studium der Heilpädagogik, Lilly arbeitet ebenfalls im Gesundheitswesen und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung als medizinische Praxiskoordinatorin.

«Harmonie ist uns wichtig»

Im Gespräch mit den jungen Frauen entsteht bald einmal der Eindruck, eine verschworene Gemeinschaft vor sich zu haben. Sie hören sich gegenseitig aufmerksam zu. Jede steuert noch eine Ergänzung zu den Worten der Vorrednerin bei, gefolgt von Hinweisen auf das sportliche Können der jeweils anderen. «Harmonie ist für uns wichtig», fasst Julia zusammen. «Wir sind offen und ehrlich zueinander.» Es sei gut, sich aufeinander verlassen zu können. Übereinander sagen sie, Paula sei locker, Lilly ein Organisationstalent und Julia wisse schlicht über alles Bescheid.

Der familiäre Zusammenhalt ist kürzlich erweitert worden: Julia hat geheiratet, auf ihrer Autogrammkarte steht nun der Name Julia Jakob. Die Hochzeit war am 19. Mai, gleichentags wie sich auch Prinz Harry und seine Meghan das Ja-Wort gegeben haben. «Wir haben das Datum vor dem Prinzen ausgewählt», sagt Julia und lacht.

Erstellt: 22.07.2018, 14:08 Uhr

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