Rüschlikon

Eine ungleiche Partnerschaft verfilmt

«Ly-Ling und Herr Urgesi» ist der erste Kinofilm des gebürtigen Rüeschlikers Giancarlo Moos. Dafür hat er eineinhalb Jahre lang in einem Schneideratelier gefilmt.

Der gebürtige Rüeschliker Giancarlo Moos steht neben dem Plakat seines Dokumentarfilms «Ly-Ling und Herr Urgesi».

Der gebürtige Rüeschliker Giancarlo Moos steht neben dem Plakat seines Dokumentarfilms «Ly-Ling und Herr Urgesi». Bild: André Springer

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In seinem Atelier auf dem Gerold-Areal bei der Zürcher Hardbrücke lässt Giancarlo Moos die Sonnenstore per Knopfdruck herunter. «Das ist der einzige Raum im ganzen Gebäude, in dem das möglich ist», erklärt der 47-Jährige. Sein Atelier ist im ehemaligen Gebäude des Gaswerks Zürich untergebracht, im Büro des damaligen Direktors. Moos verbringt Monate in diesem Raum, um seine Filme zu schneiden. So auch seinen ersten Kinofilm «Ly-Ling und Herr Urgesi». Um den Dokumentarfilm in Form zu bringen, hat der gebürtige Rüeschliker während eines Jahres an seinen drei Computerbildschirmen gesessen.

In den eineinhalb Jahren zuvor hat er viel Zeit im Atelier der Modedesignerin Ly-Ling Vilaysane in St. Gallen verbracht. Vilaysane hatte sich damals auf ein Experiment eingelassen: Sie wollte das Handwerk des 71-jährigen Feinmassschneiders Cosimo Urgesi erlernen und hatte ihn dafür in ihr Atelier eingeladen (siehe Infobox). Regisseur Moos hatte einige Jahre zuvor ein Fotoporträt über Ly-Ling Vilaysanes Modelabel «Aéthérée» gemacht und war mit ihr in Kontakt geblieben. Als sie ihm von der Zusammenarbeit mit Cosimo Urgesi erzählte, war ihm sofort klar, dass er die Geschichte für seinen ersten Kinofilm gefunden hatte. Für die nächsten eineinhalb Jahre begleitete Moos die ungleiche Partnerschaft mit seiner Kamera. Einen Tag pro Woche beobachtete er die beiden, die Kamera und zwei Mikrofone auf den Schultern.

Der Trailer zum Film. Quelle: youtube.com.

Immer im Hintergrund

Er habe Glück gehabt, dass er von Anfang an dabei gewesen sei, findet Moos. «So wurde der Film Teil ihrer Kollaboration.» In den engen Verhältnissen im Atelier war er den beiden immer sehr nahe. Doch mit der Zeit vergassen sie praktisch seine Anwesenheit. Das ist auch Moos’ Arbeitsweise geschuldet. Er führte keine Interviews mit seinen Protagonisten und gab ihnen keine Regieanweisungen. Nie mussten sie etwas wiederholen oder mit besserer Belichtung eine Grimasse ziehen.

Der Filmemacher wollte, dass die Geschichte der beiden ganz natürlich erzählt wird. Dennoch hat es interviewähnliche Einspieler im Film. Wenn er die beiden separat filmte, wollten sie bei ihm auch mal ihre Gefühle über die andere Person deponieren. «Ich wurde quasi zum Mediator.» Er habe sich aber immer Mühe gegeben, neutral zu bleiben. Durch die Kombination aus Alltagsszenen und Beichten erinnert der Film von der Form her an Realityfernsehformate. Doch das Ethos ist ein ganz anderes.

Süchtig nach Austausch

Moos hat offensichtlich seinen Protagonisten gegenüber eine grosse Zuneigung entwickelt und möchte Ly-Ling Vilaysane und Cosimo Urgesi auf keinen Fall «in die Pfanne hauen», wie er sagt. Er hatte den beiden schon vor dem Filmdreh ein Vetorecht zugestanden. Wären sie mit einer Szene nicht einverstanden gewesen, so hätte Giancarlo Moos sie wieder aus dem Film entfernt. Er ist überzeugt, dass dieses Versprechen den beiden ermöglichte, Vertrauen zu ihm aufzubauen. So sind auch die Auseinandersetzungen der beiden im Film zu sehen, als es in der Partnerschaft nicht so rund läuft wie gehofft.

Neben der gemeinsamen Leidenschaft für Kleidung verbindet Ly-Ling Vilaysane und Cosimo Urgesi ihre Migrationserfahrung. Cosimo Urgesi kam 1967 aus Apulien in die Schweiz. Ly-Lying Vilaysanes Eltern waren sogenannte Boat People, die in den 70er-Jahren aus einem vietnamesischen Flüchtlingslager in den Kanton Appenzell zogen.

«Die Schweiz ist im positiven Sinne ein Land der Migration.»Giancarlo Moos, Regisseur des Kinofilms «Ly-Ling und Herr Urgesi»

Moos selbst ist aufgrund seiner eigenen Erfahrungen auf Migrationsgeschichten sensibilisiert. Sein Vater ist Professor für italienische Geschichte, und so hat Moos seine ersten fünf Lebensjahre in Mailand verbracht. Dann zog die Familie zurück nach Rüschlikon. Er kam gleichzeitig mit einigen italienischen Kindern in die Schule, die dort als «stinkende Tschinggli» beschimpft worden seien. Das sei für ihn absurd gewesen. Trotz dieser Erfahrungen betont Moos: «Die Schweiz ist im positiven Sinne ein Land der Migration.»

«Die Geschichte entsteht auf dem Schnitt»

In seinem eigenen Atelier verbrachte Moos nach Drehende zuerst einmal drei Monate damit, die Aufnahmen zu sortieren. Dafür klebte er Zettel an die Wand, die er hin- und herschieben konnte, um die Geschichte zu entwickeln. «Im Gegensatz zu einem Spielfilm entsteht bei einem Dokumentarfilm die Geschichte vor allem im Schnitt.»

Im Oktober des letzten Jahres war dann der Film inklusive Vertonung fertig, gerade rechtzeitig für die Anmeldung bei den Solothurner Filmtagen, wo er dann auch Premiere feierte und für den Prix du Public nominiert wurde. Seither zeigt Moos seinen Film zum Auftakt der regulären Spielzeit in Kinos in der ganzen Schweiz.

Auf der Suche nach neuen Themen

Moos möchte nun weitere eigene Kinofilme realisieren. Bevor er seine eigenen Kurzfilme realisiert hat, hat er an den Projekten anderer Leute mitgearbeitet, zum Beispiel als Aufnahmeleiter bei Filmen wie «Grounding». Das habe er immer gerne gemacht, aber es sei doch einfach ein Job gewesen. «Bei eigenen Projekten wird der Film Teil des Lebens.» Gerade wenn man wie er alles selber mache, sei es grossartig, wenn man den ganzen Bogen von Anfang bis Ende mitmachen könne.

Im Moment schreibt er in seinem Atelier im ehemaligen Gaswerk an einem Drehbuch für einen Spielfilm. Die meiste Zeit jedoch ist er unterwegs auf der Suche nach einem Thema für einen neuen Dokumentarfilm.

Erstellt: 12.10.2019, 09:39 Uhr

«Ly-Ling und Herr Urgesi»

Der Dokumentarfilm «Ly-Ling und Herr Urgesi» zeigt, wie die beiden Protagonisten eine Kollaboration eingehen: Der erfahrene Herrenschneider Cosimo Urgesi soll der jungen Designerin Ly-Ling Vilaysane das Schneiderhandwerk beibringen. Dazu zieht er bei ihr ins Atelier am Bahnhof St. Gallen.

Die Zusammenarbeit gestaltet sich nicht so einfach wie erwartet, da die beiden komplett unterschiedliche Arbeitsweisen haben. Der Film zeigt, wie sich die Beziehung der zwei innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre entwickelt. Gleichzeitig weitet er den Fokus auf die Migrationshintergründe der beiden aus.

«Ly-Ling und Herr Urgesi» hat an den Solothurner Filmtagen im Januar Premiere gefeiert und war dort für den Prix du Public nominiert. Kinostart war am 3. Oktober. Der Film läuft in Zürich regulär im Kino Houdini und wird am 16. Oktober in Anwesenheit des Regisseurs im Schlosskino Rapperswil gezeigt. (otm)

Mehr Informationen sowie weitere Spielorte des Films stehen unter www.lylingurgesi.ch.

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