Wädenswil/Stäfa

Eine Premiere, die gleichzeitig Finale ist

Ein Theater nach eigenen Vorstellungen, das hat die Stäfner Theatertruppe Il Soggetto seit über 30 Jahren realisieren können. Nun naht der letzte Akt mit einer Art Heimatstück.

Selma Roth, Matthias Britschgi von der Theatergruppe Il Soggetto proben mit dem Jungen «Luzi» für «Hödlmoser».

Selma Roth, Matthias Britschgi von der Theatergruppe Il Soggetto proben mit dem Jungen «Luzi» für «Hödlmoser». Bild: PD/Till Löffler

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Er blickt mit etwas Wehmut, durchaus erfüllt, wohl zu Recht zufrieden auf 34 Jahre unabhängiges wie intensives Theatermachen zurück. Er, das ist Buschi Luginbühl, der die Theatertruppe Il Soggetto zusammen mit seiner Lebenspartnerin Franziska Kohlund (1949-2014) in Stäfa gegründet hat. Zum Kern der Gruppe gehörten Franziskas Eltern, die Schauspielerin Margrit Winter (1917-2001) und Erwin Kohlund (1915-1992), beide bekannte Gesichter der Schweizer Theater- und Filmszene.

«Als Franziska vor vier Jahren starb, da war die Motivation weg. Ich wollte aber nicht einfach aufgeben und unsere jahrzehntelange Theaterarbeit lautlos ausplempern lassen», sagt Buschi Luginbühl. In seinem weichen Luzerner Dialekt erzählt er, wie er Franziska kennenlernte. Er hatte die Schauspielerin und Regisseurin als Redaktor der Radiosendung «Das prominente Mikrophon» eingeladen. «Beide hatten wir schon voneinander gehört, Franziska hatte auf dem Lindenhof drei Freilichtspiele inszeniert, ich in Luzern schon einige initiert», sagt Luginbühl. Das war 1982. Beiden sei nicht mehr wohl gewesen im klassischen Theaterbetrieb. Ebenso auch Margrit Winter, die am Schauspielhaus gekündigt hatte. Das Ehepaar Kohlund/Winter hatte praktisch nichts mehr zu tun. «Das kann doch nicht sein, sagten wir uns. Der Entschluss stand fest. Wir machen freies Theater», sagt Luginbühl.

Buschi Luginbühl stand bereits 1995 mit Franziska Kohlund und Il Soggetto auf der Bühne des Theaters Ticino. Archiv: Bernhard Fuchs.

Tell erschiesst seinen Sohn

Der Start liess sich gut an. «Versteckt» von John Arden und Margaretta D’Arcy wurde von der Truppe bearbeitet und zu einer Dialektfassung umgeschrieben. «Professionelles Mundart-Theater war neu in der Schweiz. Wir bekamen grossartige Kritiken. Es wurde sogar für das Fernsehen aufgezeichnet», berichtet Luginbühl. Die Produktion Nummer zwei, «Mary Stuart» von Wolfgang Hildesheimer, war gemäss Luginbühl «eine grosse Kiste mit 14 Schauspielern.» Damit gingen sie auf Schweizer Tournee und gastierten am Theaterspektakel.

Besonders hervorzuheben sei in all den 19 Produktionen «Die traurigen Augen des Wilhelm Tell», des Spaniers Alfonso Sastre, eine deutsche Erstaufführung. Es endet anders als der klassische Schillersche Tell, den sie gut kannten, denn Luginbühl und Kohlund inszenierten dreimal die Tell-Spiele in Altdorf. In Sastres Stück erschiesst Vater Tell seinen Sohn. «Für die Eidgenossen ist so etwas eigentlich unmöglich», bemerkt Luginbühl. Für das 25-Jahr-Jubiläum trat Franziska mit ihrem vom Fernsehen bekannten Bruder Christian Kohlund auf. Sie führten in «Vivre! Vivre!» durch eine musikalische Odyssee in der Welt des Theaters.

«Wir machten alles selbst, Textbearbeitung, Regie, Bühnenbild, und traten auch als Schauspieler auf.» Eine enge Zusammenarbeit gab und gibt es mit dem Theater Ticino der Brüder Ueli und Martin Burkhardt. Il Soggeto gastierte nicht nur schweizweit, sondern wurde zu Gastspielen in Wien, Hamburg, Moskau und Riga eingeladen. «Obwohl wir im Gegensatz zu anderen freien Gruppen keine Subventionen von der Stadt Zürich bekamen, durften wir das Theaterhaus Gessnerallee eröffnen und sind dort mehrmals aufgetreten.» Glücklicherweise habe der Bankier Hans Vontobel die Produktionen aus seinem Privatvermögen unterstützt.

«Vivre! Vivre!» war die letzte gemeinsame Produktion von Franziska und ihrem Bruder Christian Kohlund. Foto: PD

Affinität für Volkstheater

Eine besondere Affinität hatten die beiden zum Volkstheater. Luginbühl hat zusammen mit Ernst Halter und Ernst Scagnet das Buch «Volkstheater in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein» herausgegeben. Er erwähnt wegweisende Inszenierungen von Franziska Kohlund für das Wädenswiler Volkstheater von 1977 bis 1983, beispielsweise Shakespeare-Stücke in Mundart. Kohlund inszenierte nicht nur für Il Soggetto, sondern auch für andere Theater.

Warum gerade «Hödlmoser» als letzte Inszenierung? «Das habe ich schon lange mit mir herumgetragen, immer kam etwas anderes dazwischen», sagt er. Der satrische Roman «Aus dem Leben Hödlimosers» von Reinhard P. Gruber ist 1974 erschienen und gilt als Anti-Heimatliteratur und Kultbuch in Österreich. Nicht nur Luginbühl war von dem skurrilen Text angetan, ebenso Regisseur Till Löffler, weshalb es nun zur Zusammenarbeit gekommen sei. Luginbühl führt diesmal nicht Regie, sondern tritt in mehreren Rollen auf. Es ist die Geschichte eines Landbewohners, dessen geordnete Welt aus den Fugen gerät, eine Tragödie, die eigentlich eine Komödie ist. Wer den «Hödlmoser» im Ticino verpasst hat, der hat 2019 noch Chancen, dann sind m März weitere Aufführungen geplant, in Stäfa, in Bern und der Innerschweiz.

Mittwoch, 3. Oktober, Donnerstag 4., Freitag 5. , Samstag 6. Oktober, jeweils 20.30 Uhr, Sonntag 7.Oktober um 17.30 Uhr, Theater Ticino, Wädenswil. Weitere Informationen: www.theater-ticino.ch

Erstellt: 01.10.2018, 16:20 Uhr

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