Horgen

«Eine positive Einstellung gegenüber dem Alter lohnt sich»

Heinz Rüegger ist Theologe, Ethiker und Gerontologe am Institut Neumünster. Dieses setzt sich zum Ziel, die Lebensqualität von alternden Menschen durch Schulung und Beratung zu verbessern. Der Altersfachmann spricht am Donnerstag im Baumgärtlihof.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Rüegger, im hohen Alter werden gesundheitliche Einschränkungen und eine Verengung des Lebenskreises für die meisten zur Realität. Macht Ihnen das als Theologe und Gerontologe nicht auch zu schaffen?
Natürlich ist das hohe Alter eine Herausforderung. Altern ist aber auch ein Entwicklungsprozess, der bis zuletzt Chancen beinhaltet. Diese positiven Seiten kann man umso besser leben, je mehr man zum Altern grundsätzlich ja sagt, das Potenzial dieser Lebensphase bewusst auszuschöpfen sucht und nicht dem fragwürdigen Ideal anhängt, möglichst lange jung zu bleiben.

Sie reden von Pro-Aging statt von Anti-Aging: Das Alter soll also befürwortet, statt abgelehnt werden?
Ja, diese Sicht entspricht auch der modernen Alternsforschung. Alter umfasst Chancen und Grenzen, Ressourcen und Defizite. Und es kann einem Einsichten, Einstellungen und positive Erfahrungen erschliessen, zu denen man im höheren Alter eher Zugang findet als in jüngeren Jahren. Darum lohnt sich eine positive Haltung gegenüber dem Alter.

Sehen Sie gewisse Strategien, um besser mit den Herausforderungen im Alter klarzukommen?
Grundlegend ist, den Altersprozess bewusst zu bejahen. Manche Haltungen, die dem hohen Alter besonders naheliegen, lassen sich bewusst einüben: Gelassenheit etwa; oder die Freiheit, zu sein, wer man ist, weil man niemandem mehr etwas beweisen muss; auch die Fähigkeit, konstruktiv mit den Grenzen und Herausforderungen umzugehen, die einem das Leben zuspielt; oder die Fähigkeit der Selbstbescheidung und des Loslassens.

Hohe Werte sind für Sie Selbstbestimmung und Würde: Welche Möglichkeiten gibt es, um diese Schätze nicht zu verlieren?
Viele Zeitgenossen befürchten, im hohen Alter ihre Selbstbestimmung zu verlieren und von anderen abhängig zu werden. Das verstehen sie dann als Würdeverlust. Man kann aber auch bei zunehmendem Verlust an Selbständigkeit selbstbestimmt leben und selbstverantwortlich bestimmen, welche Hilfen man akzeptieren will.

Ist diese Abhängigkeit nicht entwürdigend?
Nein. Es gehört doch zu unserem Menschsein, dass wir einander brauchen. Unabhängigkeit von fremder Hilfe mag uns ein besseres Gefühl geben, aber sie ist nur die halbe Wahrheit. Zu echter Menschlichkeit gehört die Bereitschaft, Hilfe von anderen anzunehmen.

Gibt es auch Vorstellungen, die von Seniorinnen und Senioren, allenfalls von deren Angehörigen, überbewertet werden?
Ja, Gesundheit zum Beispiel. Sie gilt weithin als höchster Wert und Voraussetzung für ein gutes Leben. Das ist Unsinn. Natürlich ist eine gute Gesundheit etwas Kostbares, dem man Sorge tragen soll. Zahlreiche Untersuchungen haben aber ergeben, dass alte Menschen auch bei sich verschlechternden Lebensbedingungen über eine höhere subjektive Lebenszufriedenheit verfügen als jüngere. Man spricht vom sogenannten Alterszufriedenheits-Paradox. Wichtiger als die faktischen Umstände des eigenen Lebens ist die Art, wie man sich darauf einstellt und damit umgeht.

Sie sind ja auch Theologe: Hilft nach Ihrer Erfahrung die Verwurzelung im Glauben, um im Alter besser leben zu können?
Nicht unbedingt, denn im Neuen Testament etwa wird dem Alter grundsätzlich keine besondere positive Bedeutung beigemessen. Christlicher Glaube ist von seinen Ursprüngen her eher alters-indifferent, reflektiert also kaum über das Phänomen des Alterns. In neutestamentlicher Zeit wurden die meisten Menschen auch gar nicht sehr alt. Dass wir heute so alt werden, ist eine späte menschliche Errungenschaft unserer Zivilisation, die wir durch Kultur der Natur abgerungen haben.

Sie setzen auch auf «zeitgemässe Formen der Spiritualität»: Was verstehen Sie darunter?
Spiritualität beinhaltet den persönlichen Bezug eines Individuums zu einem umfassenden Sinnganzen, also die existenzielle Grundeinstellung einer Person zum Leben, sei sie nun religiös oder areligiös. Sich ihrer bewusst zu werden und sie zu pflegen, kann gerade im Alter von hoher Bedeutung sein. Denn bei der Spiritualität geht es um die Quellen, aus denen wir leben, aus denen wir Kraft schöpfen und mit deren Hilfe wir Krisen bewältigen. Spiritualität kann Teil einer Lebenskunst des Alters sein, die dem Alter seine spezifische Prägung und Ausrichtung gibt.

Vortrag «Sinn finden und Sinngeben» von Heinz Rüegger: Donnerstag, 1. Februar, 14 Uhr, Senioren-Begegnungszentrum Baumgärtlihof, Baumgärtlistrasse 12, Horgen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 30.01.2018, 15:27 Uhr

«Es gehört doch zu unserem Menschsein, dass wir einander brauchen»: Heinz Rüegger, Gerontologe.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!