Horgen

Eine Nacht unter Tag

Für die bezirksweite Museumsnacht hat das Bergwerk Käpfnach seine Stollentüren geöffnet. In Horgens unterirdischen Gängen warten dunkle Orte, Erinnerungen und ein Grab.

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Die Stollentür des Bergwerks Käpfnach in Horgen fällt hinter den Besuchern ins Schloss. Es herrscht Stille. Ein Tunnel führt in die Dunkelheit. Wassertropfen rinnen von der Decke über den rauen Fels. Ein Geruch von ­Kohle, Stein und abgestandenem Wasser hängt in den Gängen, und die Temperatur liegt wie das ­ganze Jahr über bei 13 Grad.Die Besucher, mit Lampen und Helmen ausgerüstet, tappen vorsichtig in den Stollen, bewacht von der Schutzpatronin Barbara, die in einer Nische steht. Allen voran gehen die Führer Hans Reichen­bach und Regula Gerster. Nach ein paar Metern wartet ein kleiner Zug ohne Dach und ohne Seitenwände. Hintereinander eingezwängt auf einer gepolsterten Holzstange hört man noch ein Glockenklingeln und die ernstgemeinte Warnung von Hans Reichenbach: «Helm nicht vergessen und Köpfe einziehen! Glück auf!»

Wie in alten Zeiten

Ratternd fährt der Zug tiefer und tiefer in Horgens Untergrund ­hinab. «Vor uns liegt ein Netz von 80 Kilometern Tunnel, wobei heute nur noch ein Drittel begehbar ist. Für die Öffentlichkeit sind davon 1,4 Kilometer zugänglich», erklärt Regula Gerster. Die ­Wände kommen näher, die Decke senkt sich über den Köpfen. Nach 700 Metern in gebückter Haltung und der Hoffnung, dass der Wagen nicht ungewollt stecken bleibt, bremst Hans Reichenbach den Zug. Für die Besucher beginnt nun die Schicht wie einst vor 100 Jahren.

Kräftezehrende Arbeit

Ein rund zehn Meter tiefer und nicht mal ein Meter hoher Seitentunnel kommt unter dem Licht der Taschenlampen zum Vorschein. «In diesen Aushubschlitzen haben die Bergleute zuerst eine kleine Lore gefüllt, um diese dann mit Manneskraft rauszuziehen», erklärt Reichenbach.

Mit früher meint er von 1784 bis 1947. Mit einigen Unterbrüchen haben die Bergleute in diesen Jahren unter Tage Braun­kohle abgebaut. Als das Flöz, also die zum Abbau nutzbare Schicht, erst mal vom Nebenschacht in den Hauptgang verlegt war, musste die Kohle noch gesiebt werden. «Das durchgefallene Kohlengries wurde zu Briketts verarbeitet und 1942 für rund 105 Franken pro Tonne verkauft», erklärt Regula Gerster. Die grosse Stückkohle habe 165 Franken pro Tonne eingebracht. «Heute könnte die Kohle nicht mehr verkauft werden, weil sie eine zu grosse Luftverschmutzung verursachen würde.»

Hart verdientes Geld

Die Gruppe geht weiter, vorbei an Seitenstollen und abgestellten Minenwagen. Plötzlich bleibt ­Regula Gerster stehen und sagt: «Exakt 44 Meter über uns liegt der Waidlikreisel.» Während oben Autos durchfahren, steht unter Tage ein besonderes Fahrzeug. Eine funktionstüchtige, leere Lore. Daneben liegt ein Haufen Braunkohle, in dem eine schwere Schaufel steckt.

Nun müssen die Besucher ­ihre Kraft unter Beweis stellen. Schon ein nicht ganz gefüllter Schaufelhub fordert die Muskeln. Die Vorstellung, dass die Berg­leute damals den ganzen Tag ­ohne grosse Pausen schaufelten, lässt erahnen, wie hart ihre Arbeit gewesen sein musste. Der durchschnittliche Tagessold für einen Bergarbeiter lag 1942 bei durchschnittlich 13.50 Franken. Ein Einkommen, das auf jeden Fall hart erarbeitet werden musste. Zurück auf dem kleinen Zug, geht die Führung dem Ende zu. Froh, nicht an Klaustrophobie zu leiden, fährt man durch einen noch engeren Tunnel in Richtung Oberfläche. Der Wagen donnert an einem Grabstein vorbei. Der Name darauf: Franz Keiser, 1901 bis 1946. Wie ein Dokumentarfilm im Bergwerksmuseum erklärt, war er Lokführer und kam auf tragische Weise ums Leben, als er sich zu weit aus der Loko­motive gelehnt hat und von einem hervorragenden Fels erfasst ­wurde. Er ist einer von wenigen Todesopfern, die das Bergwerk während seines Betriebs gefordert hat.

Ein helles Licht beendet die Zeitreise und holt die Besucher zurück an die Oberfläche. Der modernde Geruch weicht dem Duft nach Gerstensuppe, welche die Bergwerksführer für die Gäste bereit­halten. Die Führung ist zu Ende. Doch nicht die Museumsnacht. Gestärkt von der Suppe, ziehen die Besucher weiter in die anderen Museen im Bezirk. Wohl wissend, was unter Horgens Erde alles lauert. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.10.2017, 18:06 Uhr

Museumsnacht

Durchschnittlich 100 Besucher pro Museum

In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde der Bezirk Horgen zu einer Entdeckungsreise. Elf Museen präsentierten Führungen und Ausstellungen. Ein Angebot, das rege genutzt wurde. Mauswiesel und Hermelin im Naturmuseum in der Au, Schweizer Spielwaren im Ortsmuseum Oberrieden oder ein Quiz über die Heidi-Schöpferin im Johanna-Spyri-Museum im Hirzel. Das und vieles mehr gab es zu entdecken. Die vierte Museumsnacht im Bezirk war so gross wie noch nie. Mit Erfolg, wie Mitorganisator Christian Winkler sagt. Er führt Buch über die Eintrittszahlen und weiss: «Durchschnittlich kamen rund 100 Personen pro Museum. Die Rückmeldungen waren ausschliesslich positiv.» Die Museen hätten ihre gewünschten Besucher erreicht und seien mit dem Anlass zufrieden. Unerwünschte Zwischenfälle habe es keine gegeben.

Ausserordentlich grosser Andrang habe es im Ortsmuseum Richterswil gegeben. Dort fand eine Vernissage von Richard Wengles Buch «Industrie-Entwicklung am Beispiel von Richterswil» statt. «Der Shuttlebus, der die Besucher in die anderen Museen brachte, war nach der Lesung bis auf den letzten Platz gefüllt», sagt Christian Winkler. Auch das Wohn- und Porzellanmuseum E. S. Kern in Horgen sei sehr gut besucht und besonders stimmungsvoll gewesen. Den Rekord halte denn das Bergwerk Käpfnach in Horgen, das 171 Gäste verzeichnet habe. Besonders freut Winkler, dass die Gäste durchmischt waren. «Es kamen auch jüngere Besucher als gewöhnlich und einige aus anderen Regionen. Vielleicht haben wir dank der Museumsnacht ein neues Publikum gewonnen», sagt er. Winkler selber konnte keine Museen besuchen, weil er selber in der Historischen Gesellschaft Wädenswil ist und dort den Anlass organisierte. Auch hier sei den Betreibern nicht langweilig geworden. Er gibt sich optimistisch, dass es in zwei bis drei Jahren eine fünfte Museumsnacht geben wird. hid

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