Sucht

Eine kurze Kindheit

Nur selten hat Maureen ihren Vater nüchtern gesehen. Seine Alkoholsucht zwang die junge Frau, schnell erwachsen zu werden.

Gerne hätte Maureen in ihrer Kindheit mehr mit ihrem Vater gebastelt oder gemalt. Doch dieser kämpfte zeitlebens mit einer Alkoholabhängigkeit, welche die ganze Familie dominierte.

Gerne hätte Maureen in ihrer Kindheit mehr mit ihrem Vater gebastelt oder gemalt. Doch dieser kämpfte zeitlebens mit einer Alkoholabhängigkeit, welche die ganze Familie dominierte. Bild: Symbolbild/Archiv ZSZ

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An der Liebe ihres Vaters habe sie nie gezweifelt, sagt Maureen K. Sie sei ein «Papikind» gewesen, erzählt die heute 27-Jährige. Von einer typischen Vater-Tochter-Beziehung kann aber nicht die Rede sein, denn Maureens Vater war schwerer Alkoholiker. «In meiner Kindheit gab es zwei Phasen, während deren er trocken war.» Die junge Frau mit den bunt gefärbten Locken spricht sachlich über die Sucht des Vaters, darüber, wie sie sich streckenweise fühlte, als seien die Rollen von Elternteil und Kind vertauscht. Inzwischen hat Maureen mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen. Spuren hat das Erlebte dennoch hinterlassen. Da sie mittlerweile im Gesundheitswesen tätig ist, möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Zusammen mit ihrem älteren Bruder wuchs Maureen auf einem ehemaligen Bauernhof im Bezirk Horgen auf. Ihre Eltern – die Mutter Schweizerin, der Vater Deutscher – hatten sich in den Ferien kennen gelernt und bis zur Hochzeit eine Fernbeziehung geführt. In welchem Ausmass ihr Zukünftiger trank, merkte die Mutter erst nach der Heirat.

«Ich konnte ihn nicht alleine lassen.»

Ihre Mutter sei offen mit der Problematik umgegangen. Die Kinder wussten, woran es lag, wenn ihr Vater torkelnd heimkam. Seine trockenen Phasen dauerten insgesamt gut zwei Jahre. «Ich war damals noch ziemlich klein», sagt Maureen. Sie habe die Zeit jedoch als sehr schön in Erinnerung. «Er hat viel mit mir gebastelt und gemalt.» Sogar in die Ferien sei die Familie gefahren.

Doch es blieben Ausnahmen. Bald griff Maureens Vater wieder zur Flasche. «Er beharrte darauf, kein Problem mit Alkohol zu haben», erzählt Maureen und zuckt resigniert mit den Schultern. Sie weiss, dass er die beiden Entzüge nur machte, weil ihm keine andere Wahl blieb: Wegen Trunkenheit am Steuer hatte der Lastwagenfahrer den Führerschein verloren. Durch die Ausbildung zur psychiatrischen Pflegefachfrau weiss Maureen heute, dass der erste Schritt zur Heilung heisst, sich sein Problem einzugestehen. «Diesen Punkt erreichte mein Vater erst, als es zu spät war.»

Sucht wird Normalität

Unermüdlich versuchte Maureens Mutter, ihren Mann vom Alkohol wegzubekommen. «Sie hoffte, dass mein Vater die Kurve noch kriegen würde und wir eine normale Familie sein könnten.» Mehrfach regte die Mutter eine Familientherapie an, der sich ihr Ehemann jedoch verweigerte. «So ging sie mit uns Kindern in die Therapie.» Dadurch sei die Alkoholabhängigkeit des Vaters noch stärker in den Mittelpunkt des Familienlebens gerückt. Alles habe sich um ihn gedreht, wobei er selbst mit Abwesenheit glänzte – entweder weil er beruflich unterwegs oder irgendwo am Trinken war.

Maureen und ihr Bruder zogen sich in ihre eigene Welt zurück. «Unsere Mutter war vom Alkoholmissbrauch unseres Vaters absorbiert.» Für die Sorgen der Kinder blieb kaum Platz. Als Maureen zwölf Jahre alt war, erlitt ihre Mutter schliesslich einen Nervenzusammenbruch. Mehrere Wochen verbrachte sie in einer Klinik. Danach trennte sie sich vom Vater ihrer Kinder. «Davon hat er sich nicht mehr erholt», sagt seine Tochter. Alsbald verlor er erneut den Führerschein und damit auch seine Stelle. Letztlich wurde er ausgesteuert.

«Für einen weiteren Entzug fehlte ihm die Kraft.»

Von da an sei es mit dem Vater endgültig bergab gegangen. «Für einen weiteren Entzug fehlte ihm die Kraft.» Während ihr Bruder den Kontakt zum Vater fast komplett abbrach, besuchte Maureen ihn regelmässig und feierte jeweils Weihnachten mit ihm. «Ich konnte ihn nicht alleine lassen», sagt die junge Frau ohne Dramatik. Sie wirkt reifer als manch Gleichaltrige, wenn sie erzählt, wie sie den körperlichen Zerfall ihres Vaters mit ansehen musste, als einseitige Ernährung, jahrelanger Alkoholmissbrauch und Nikotinsucht ihren Tribut forderten: Wegen der geschädigten Leber sei seine Haut gelblich geworden, der chronische Vitaminmangel liess die Nerven seiner Finger verkümmern. Die soziale Isolation stürzte ihn immer weiter in die Depression. Seine Tochter rutschte indes in eine Art Mutterrolle und kämpfte gegen die eigene Überforderung.

Der Wendepunkt

Mit 19 sucht Maureen erstmals seit der Trennung ihrer Eltern Hilfe bei der Jugendberatungs- und Suchtpräventionsstelle Samowar in Thalwil. Alles sei zu diesem Zeitpunkt zusammengekommen: die Trennung von ihrem langjährigen Freund, Probleme in der Ausbildung und natürlich der Zustand des Vaters. Es sei ein Scheidepunkt in ihrem Leben gewesen. «Ich weiss nicht, wo ich heute wäre ohne den Samowar.» Wieder diese Nüchternheit, mit der sie eine der schwierigsten Phasen ihres Lebens beschreibt. Nüchternheit im wahrsten Sinne des Wortes, denn Maureen trinkt keinen Tropfen Alkohol. «Ich ertrage den Geruch nicht.» Dass sie in ihrem Freundeskreis die Einzige ist, die nicht trinkt, stört sie aber nicht.

«Ich weiss nicht, wo ich heute wäre ohne den Samowar.»

Als sie Anfang 20 ist, erreicht Maureen der Anruf, mit dem sie längst rechnete. «Ein Sozialarbeiter rief an und sagte, mein Vater gehe nicht ans Telefon. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt.» Sie habe sich geweigert, selbst nach dem Rechten zu sehen. Zu gross war die Angst davor, was sie zu finden erwartete. Die alarmierte Polizei fand ihren Vater tot in seiner Wohnung auf.

Bis heute besucht Maureen regelmässig eine Therapeutin. In der Arbeit als Pflegefachfrau in der Psychiatrie hat sie ihren Traumberuf gefunden. «Durch meine Erfahrungen mit meinem Vater kann ich mich gut in die Patienten hineinversetzen und beobachte sehr genau.» Nur auf der Station mit Drogen- und Alkoholabhängigen könne sie nicht arbeiten. «Das geht mir dann doch zu nahe.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.03.2019, 15:07 Uhr

Wenn Eltern trinken, leiden ihre Kinder

Laut Sucht Schweiz wachsen hierzulande gut 100000 Kinder bei alkoholabhängigen Eltern auf. «Allein im Kanton Zürich sind es zwischen 15000 und 20000 betroffene Kinder», sagt Präventionsfachfrau Renate Büchi von der Jugendberatungs- und Suchtpräventionsstelle Samowar im Bezirk Horgen. Hinzu kommen die Kinder, deren Eltern andere Drogen nehmen, von Medikamenten abhängig sind oder an einer stoffgebundenen Sucht wie beispielsweise an Spiel- oder Internetsucht leiden. Die Dunkelziffer der betroffenen Kinder dürfte folglich weit über die Schätzung hinausgehen. «Früher gingen diese Kinder oft vergessen», sagt Büchi. «Meist wurden sie erst bemerkt, wenn ein Elternteil in der Klinik landete und man sich mit der Frage konfrontiert sah, wer denn nun die Betreuung der Kinder gewährleisten sollte.»

Dies habe sich inzwischen zwar verbessert. Dennoch seien suchtbelastete Familien «ein grosses Tabu in unserer Gesellschaft». Besonders dann, wenn es um Alkoholsucht gehe. «Alkohol ist legal und gesellschaftlich akzeptiert. Eine Abhängigkeit lässt sich leichter verbergen als etwa eine Heroinsucht», sagt Büchi. Gerade wenn kleine Kinder involviert seien, müsse jedoch rechtzeitig gehandelt werden. «Kleine Kinder sind abhängiger von ihren Eltern als Teenager.» Zudem gehe Alkoholismus oft mit Gewalt einher, was die Gefahr für kleine Kinder erhöhe.

Lokale Hilfsangebote nutzen

Doch zu selten werde eingegriffen, sagt Büchi. Dafür gebe es verschiedene Gründe. «Die Zuständigkeit ist ein Problem», sagt Büchi. «Kaum jemand will sich in familieninterne Angelegenheiten einmischen.» Hinzu komme auch die Unsicherheit darüber, ob man sich in einer solchen Situation überhaupt einmischen dürfe. Auch die Angst, dass man sich irren und der Familie unnötig Probleme bereiten könnte, spiele eine Rolle. Deshalb sei es wichtig, Lehrer, Kinderbetreuer und Sozialarbeiter zu sensibilisieren und ihnen aufzuzeigen, wie im Falle eines Verdachts vorzugehen sei. Beispielsweise, wenn sich ein Kind verändere und beginne, sich auffällig zu verhalten. «Wir empfehlen Betreuenden, sich als Erstes mit Arbeitskollegen auszutauschen, um herauszufinden, ob diese die gleichen Beobachtungen gemacht haben», erklärt Büchi. Als Nächstes werde das Gespräch mit den Eltern gesucht. Es sei auch möglich, sich ratsuchend mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Verbindung zu setzen. «Ein Anruf bei der Kesb bedeutet nicht, dass man eine Meldung machen muss», stellt Büchi klar. Ausserdem befindet sich in Horgen das Kinder- und Jugendhilfezentrum (KJZ), welches eine Erziehungs- und Elternberatung anbiete.

Das Beratungsangebot im Bezirk Horgen sei gut, sagt Renate Büchi. Für die Vernetzung der Fachpersonen organisiert der Horgner Samowar regelmässig Veranstaltungen.

Für die betroffenen Kinder sei besonders wichtig, zumindest eine verlässliche Person im Umfeld zu haben. «Es kann ein guter Freund, eine Lehrperson, ein Familienmitglied oder eine aussenstehende Vertrauensperson sein. Entscheidend ist, dass sich das Kind auf diese Person verlassen kann», erklärt Büchi.

Traurige Clowns

Wie sich die Sucht der Eltern auf ihr Kind auswirkt, kann nicht einheitlich definiert werden. «Ein typisches Verhalten gibt es nicht», sagt Büchi. Manche ziehen sich zurück, andere werden zu Klassenclowns. Je nachdem könne es zu einer Verschiebung der Rollen innerhalb der Familie kommen. «Die Situation zwingt die Kinder, Verantwortung zu übernehmen, die nicht ihrem Alter entspricht. Sie werden zu kleinen Erwachsenen.» Dann spreche man von einer sogenannten Parentifizierung. Gemeinsam haben die Kinder jedoch, dass sie ihre Eltern lieben und sie schützen wollen. «Menschen mit Suchtmittelproblemen versuchen diese zu verbergen», erklärt Büchi. Die Kinder würden unbewusst mithelfen, den Schein von der heilen Familie zu wahren.

Kinder aus suchtbelasteten Familien gelten als grosse Suchtrisikogruppe. Ebenfalls erhöht ist das Risiko, dass sie psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, wie Aufmerksamkeitsstörungen oder Hyperaktivität, entwickeln. «Gut ein Drittel der Kinder entwickelt im Erwachsenenleben selber eine Abhängigkeit. Das zweite Drittel lebt quasi auf Messers Schneide», erklärt Renate Büchi. Nur ein Drittel könne problemlos mit der Vorbelastung umgehen.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!