Horgen

Eine Horgner Geschichtsstunde, die keine sein will

Das Theater Jetzt kommt nach Horgen. Im Zentrum des Stücks steht die Taverne Schwan. Dort feiert es am Donnerstag die Premiere von «Cosmos Schwan», einer Zeitreise von den Pfahlbauern bis in die Gegenwart.

Das Theater «Jetzt» im Horgner Schwanenbrunnen: Andi Bissig, Oliver Kühn, Valentin Baumgartner und Theresa Strack (von links).

Das Theater «Jetzt» im Horgner Schwanenbrunnen: Andi Bissig, Oliver Kühn, Valentin Baumgartner und Theresa Strack (von links). Bild: Manuela Matt

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Ehe man sich versieht, hat sich Oliver Kühn seiner Hose entledigt. Da steht er im Brunnen vor der Horgner Taverne Schwan,als sei dies das Selbstverständlichste an einem Oktobernachmittag. Und spätestens als der Leiter des Theaters Jetzt und seine drei Ensemblemitglieder «Das Lied vom Schwan» anstimmen, halten die Gäste der Taverne ringsum in ihren Gesprächen inne.

Halb verwundert, halb amüsiert verfolgen sie die Darbietung. Genauso wie die Passanten, die ihren Gang verlangsamen, und die Touristen, die ihre Smartphones für einen Schnappschuss zücken.Die Szene ist exemplarisch: für sein Verständnis von Theater und dafür, wie sich dieses bald erfahren lässt. Und nicht zuletzt für die Rolle, die in alldem der Brunnen, die Taverne und Horgen spielen. Dies im Theaterstück «Cosmos Schwan», das am Donnerstag seine Premiere hat.

Drittes Stück in Horgen

Die Bühne des Theaters wird das erwähnte Gasthaus im historischen Kern von Horgen sein. Dies, weil Kühn das Stück unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverein Horgen verfasst hat. Dieser hatte das Thema «Der Horgner Schwan» dem Ostschweizer Künstler vorgegeben, nachdem Letzterer mit seinem Theater Jetzt schon zwei andere Projekte für Horgen realisiert hatte: 2010 «Grand Hotel Patina» und 2011 «Horgen Transit». «In der Ausarbeitung waren wir aber frei», sagt Kühn, nun wieder mit Hose, bei einem Gespräch über seinen neusten Wurf. Kühns Verständnis von Theater ist denn auch, ein Stück zu einem bestimmten Ort zu schreiben und dieses ebendort aufzuführen.

«Der Schwan ist voller Historie», sagt er über das Haus aus dem 15. Jahrhundert. Mitten in Horgen gelegen, sei es untrennbar mit Geschichte und Identität der Gemeinde verzahnt. Darum geht es in Kühns Stück: um eine Zeitreise zu verschiedenen Ereignissen, deren Dreh- und Angelpunkt im Schwan ist. «Eine Geschichtsstunde», sagt er und imitiert kurz eine jahreszahlenlastige Schulstunde, um klarzustellen: «Soll es aber nicht geben.»

Auf diese Idee käme man sowieso kaum. Wenn der Theatermann über «Cosmos Schwan» spricht, scheinen sich seine Gedanken zu überschlagen, die von Inspiration, Experimentierfreude und detektivischer Recherche erzählen. Letztere habe damit begonnen, dass er mit seinen Mitspielern – Valentin Baumgartner, Andi Bissig und Theresa Strack – an gleicher Stelle beim Brunnen gesessen habe, den Blick zur Schwanenfigur. «Wir haben uns überlegt, wieso der Schwan auf einem Pfeil sitzt», sagt er. Niemand, den sie gefragt hätten, habe es gewusst.

Grenzen neu definiert

Offenbar war er mit der Frage an eine Grenze des heutigen Wissens über die Lokalgeschichte gestossen. Grenzen neu festzulegen, gehört aber in vielerlei Hinsicht zu Kühns Ambitionen. Zwei Jahre habe er recherchiert: in Paul Kläuis «Geschichte der Gemeinde Horgen» und bei Ortsarchivar Hans Erdin, im Staats­archiv und bei der Reformierten Kirchgemeinde: Wegen der Sache mit dem Pfeil – die erst am Ende des Stücks aufgelöst werde – und um die Antwort auf diese Grundfrage in die Historie des Hauses einzubetten.

Dies geschieht denn durch eigene Gesetzmässigkeiten: statt nach chronologischer Linearität durch ein Sichverschränken der Epochen. Wenn in einer Szene ein Pfahlbauer (Bissig) an einem Neuzuzügerapéro auftauche, solle die unsichtbare Verbindung zwischen den Horgnern von einst und heute spürbar werden, erklärt Kühn den weiten Zeithorizont. Auch eine hypothetische Zukunft (Strack) trete auf, historische Fakten und Fiktion würden sich vermischen.

Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen den Kunstgattungen, indem sich unter anderem Filmsequenzen, Musik und Soundeffekte ins Schauspiel einflechten. Nicht zuletzt seien auch die Darsteller nicht nur ihrer Figur verpflichtet: «Wir treten auch aus unseren Rollen heraus», sagt Kühn. Selbstredend würden hierbei auch die Grenzen zum Publikum verwischt. «Theater stammt ja aus der Gauklerszene», erklärt er. Wie wichtig ihm dieser Ursprung ist, hat denn auch seine Einlage am Brunnen verdeutlicht.

Premiere: Donnerstag, 1. November, 19 Uhr. Zur Vorstellung wird ein Mehrgangmenü serviert. Karten, Reservationen und Informationen unter www.theaterjetzt.ch. Weitere Spieldaten bis Montag, 4. März 2019, zum Teil auch ohne Essen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.10.2018, 17:00 Uhr

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