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Eine Herausforderung für den Verstand

Am Wochenende findet in Thalwil das Katapult-Festival statt. Dabei haben Kunststudenten die Chance, ihre Abschlussarbeiten zu präsentieren.

«Allein mit Allen»: Das Stück von Angie Müller spielt mit den Grenzen des Verstandes.
«Allein mit Allen»: Das Stück von Angie Müller spielt mit den Grenzen des Verstandes.
David Baer

Die Szene hat etwas Beklemmendes an sich: Ganz allein sitzt eine zerlumpte Gestalt auf dem abgewetzten Sofa, der einen Grossteil des Raumes in Anspruch nimmt. Die Füsse baden in einem weissen Wasserkessel, der Blick der Person ist ins Leere gerichtet. Plötzlich reisst die Gestalt den Mund auf und beginnt laut zu singen. Von dem Moment an nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.

Das Stück von Angie Müller, einer jungen Künstlerin, die erst vor Kurzem ihren Abschluss an der Dimitri-Schule im Tessin gemacht hat, hat es in sich. Mit Klangelementen und akrobatischen Einlagen gelingt es Müller, dem Wahnsinn ein Gesicht zu geben. Eindrücklich etwa die Szene, als sie an einer Metallkette von der Decke hängt, stets einen irren Ausdruck im Gesicht. Auch der Moment, als sie einen leeren Mantel anschreit, ob er sie denn nicht verstehe, hallt nach. «Mein Stück ‹Allein mit Allen› ist eine Kritik am Verstand der Menschheit und soll zugleich diejenigen Dinge abbilden, die über den Verstand hinausgehen», sagt Müller. Als Inspirationsquelle diente ihr die Romanfigur «Rodion Raskolnikow» aus Dostojewskijs Buch «Schuld und Sühne». Raskolnikow sieht sich selbst als einen aussergewöhnlichen Menschen, der im Sinne des menschlichen Fortschritts natürliche Vorrechte geniesst. So etwa das Recht, einen Mord zu begehen.

Plattform für junge Künstler

Angie Müller ist eine der Kunststudenten, die ihre Abschlussprojekte im Rahmen des Katapult-Festivals in Thalwil auf die Bühne bringen können. Das Festival, das junge Künstler auf die Realität nach dem Studium vorbereiten will, wurde von Jan von Rennenkampff, Geschäftsführer des Kulturraums Thalwil, und Simone Baumann, Programmleiterin des Kultwerks, ins Leben gerufen. Während drei Tagen werden verschiedene Projekte von Studenten der Zürcher Hochschule der Künste und der Dimitri-Schule im Tessin gezeigt.

«Die jungen Künstler sind enorm professionell», sagt Jan von Rennenkampff. So merkt man bei Angie Müllers Performance in keiner Weise, dass sie eigentlich im Bett liegen müsste. «Während dem Auftritt bin ich eben einfach nicht krank», sagt sie. Die Hauptprobe, bei der jeder Künstler nur knapp zwei Stunden zur Verfügung hat, um technische Probleme zu lösen und den Auftritt einmal durchzumachen, läuft bei ihr dann auch reibungslos. Trotzdem ist sie nervös, wenn sie an ihren Auftritt vor Publikum denkt. Immerhin ist es das erste Mal, dass sie das Stück ausserhalb der Schulumgebung aufführt.

Kunst als Gesellschaftskritik

Gabriel Obergfell, ebenfalls Absolvent der Dimitri-Schule, hatte bereits die Möglichkeit, sein Stück «Der Krieg singt nicht» an einem Festival in Leizpig aufzuführen. «Durch die Aufführungen vor Publikum bleibt mein Werk am Leben und entwickelt sich mit mir weiter», sagt er. Da er in seiner Darstellung recht frei sei, würde sich sein Theaterstück an die äusseren Gegebenheiten anpassen.

Im Zentrum von Obergfells Werk stehen die Gedichte des Österreichischen Poeten und Schriftstellers Ernst Jandl. «Jandls Gedichte über seine Erlebnisse im zweiten Weltkrieg regten mich zum Denken an», sagt Obergfell. «Ich will den Leuten ins Gedächtnis rufen, dass der Krieg noch längst nicht vorbei ist und das er auch uns betrifft. Wir können unsere Augen nicht vor dem Elend verschliessen.» Für Gabriel Obergfell muss Kunst zwingend politisch sein. «Damit meine ich jedoch nicht, dass Kunst wie die Wissenschaft die Probleme und ihre Ursachen benennen soll», sagt er. Vielmehr sei es Aufgabe der Kunst, Denkanstösse auf emotionaler Ebene zu liefern.

Inspiration findet Gabriel Obergfell überall. So etwa beim Weihnachtsmarkt, an dem er im Winter arbeitete. Oder auf der Fahrt zu seinen Eltern nach Luzern. «Das beste Material bildet das Leben selbst», sagt er. Durch die Ausbildung an der Dimitri-Schule habe er gelernt, mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen, nicht nur betreffend der Aussenwelt, sondern auch im Bezug auf seine Kunst. So will Obergfell im Herbst nochmals an die Uni, um sich in zeitgenössischem Tanz zu spezialisieren. Zuerst muss er jedoch den Zivildienst absolvieren. Und wo würde das besser passen als im Kinderzirkus Pipistrello?

Das Katapultfestival läuft bis Sonntag, 19. März, im Kulturraum und im Kultwerk, Thalwil. Weitere Infos und Programm unter: www.katapultfestival.ch.

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