Wädenswil

Ein Zeitzeuge des Wädenswiler Wohnungsbaus wird abgerissen

An der Holzmoosrütistrasse sollen Anfang 2019 die Bagger auffahren. Dann wird die Hangenmoos Siedlung abgerissen, die einst ein modernes Wohnkonzept für Familien besass.

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Die Mieter sind zum grössten Teil ausgezogen, die Fenster bereits herausgebrochen. Ein Kalender hängt noch an der Wand einer Wohnung im ersten Stock. Auf den Wiesen vor den Gebäuden an der Holzmoosrütistrasse stapeln sich alte Badewannen. Ein trostloses Bild geben die von Unkraut zugewucherten Spielplätze der Siedlung Hangenmoos ab. Man kommt sich vor wie in einem Geisterquartier.

Dabei seien die Wohnungen einst sehr begehrt gewesen, berichtet Historiker Adrian Scherrer während eines Rundgangs durch die Siedlung, die im kommenden Jahr einer neuen, moderneren Siedlung weichen muss.

Preiswerte Wohnungen für Arbeiter

Die von Architekt Hans Fischli entworfenen und 1968 bis 1973 erbauten Häuser mit 235 Wohnungen sind die einzige Plattenbausiedlung in Wädenswil. «Zur damaligen Zeit war die sogenannte Elementbauweise die günstigste und schnellste Art zu bauen», sagt Scherrer. Sie habe den Architekten aber in gestalterischer Hinsicht eingeschränkt, denn es wurde bereits vorbestimmt, wo die Leitungen, Schalter und Dübel in die Betonplatten eingelegt wurden. Damit waren die Grundrisse der Wohnungen ebenfalls vorgegeben. «Die Aufgabe des Architektenkonzentrierte sich auf das Festlegen der Bauvolumen und die Anordnung der Baukörper sowie die Fassadengestaltung», sagt Scherrer.

Mit 235 Wohnungen, verteilt auf neunzehn Bauten bot die Siedlung Hangenmoos Platz für rund 1000 Personeneine und hatte eine hohe Ausnützungsziffer für die damalige Zeit. Damit konnte der Architekt nicht mehr grosszügig bezüglich Gebäudehöhe und Grünfläche planen, was aber auch nicht das Ziel war. Vielmehr sollten preiswerte Wohnungen für die Arbeiter und Angestellten der regionalen Betriebe erstellt werden.

Elemente aus Waschbeton waren typisch

Dem damals gängigen Familienmodell - Mutter zuhause und Vater arbeitet - gerecht, wurde die zusätzliche Infrastruktur mit zwei Kindergärten, einem Ladenlokal und Einstellgaragen. «Das Küchenfenster bot stets einen Blick auf den Spielplatz, so dass die Mütter immer ihre Sprösslinge im Blick hatten», bemerkt Scherrer. Auch auf die Balkonausrichtung von damals macht Scherrer aufmerksam: «Die Besonnung hatte einen viel höheren Stellenwert als die Seesicht, weshalb die meisten Balkone nach Süden ausgerichtet sind.»

Für die damalige Zeit sei die Hangenmoos-Siedlung sehr modern gewesen und für Familien daher attraktiv. Einige Bekannte des Historikers lebten einst in den Wohnungen und erinnern sich gerne zurück. Erst nach und nach wurde die Siedlung immer mehr zur Heimat von sozial schwächeren Personen.

«Die Besonnung hatte einen höheren Stellenwert als die Seesicht.»
Adrian Scherrer, Historiker, Wädenswil

Denkmalschutz wäre der falsche Weg

Das starre Bild der rechtwinklig aufgestellten Baukörper am Siedlungsrand wurde einzig durch die beiden achtgeschossigen Bauten aufgelockert, die diagonal stehen. Verbunden sind diese durch ein Treppenhaus. Um Farbe an die Fassaden zu bringen, erhielten die kleinen Häuser Klappläden, während die grossen Gebäude die gängigen Rolläden besitzen. Typisch für die damalige Zeit waren auch die Waschbetonelemente - also Betonplatten, aus dessen Oberfläche durch Abwaschen der obersten Schicht Kieselsteine hervortreten. Solche sind ebenfalls an den Fassaden zu finden. Mit der Fassadengestaltung grenzte Fischli die Hangenmoossiedlung auch von den typischen Plattenbauten der ehemaligen Deutschen Demokratioschen Republik (DDR) ab, die viel höher waren und keine solche Elemente besassen. «Zwar war die Hangenmoos-Siedlung günstig und schnell zu erstellen, doch es ist aufwändig, Gebäude in Elementbauweise zu renovieren», sagt Scherrer. Zum Beispiel könnten die Grundrisse der Wohnungen nur schwer verändert werden.

Auch wenn es sich um die einzige Plattenbausiedlung in Wädenswil handle, «diese deshalb unter Denkmalschutz zu stellen, wäre der falsche Weg», sagt Scherrer.

Erstellt: 12.11.2018, 20:25 Uhr

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