Horgen/Wädenswil

Ein Kongress für Medikamente aus Pflanzen

270 Fachleute aus über 40 Ländern reden nächste Woche in Horgen über Heilpflanzen. Den Phytopharm-Kongress organisiert Evelyn Wolfram.

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Was trägt die «Apotheke aus der Natur» zur Gesundheit bei?
Evelyn Wolfram: Die Phytotherapie ist Teil der Komplementärmedizin. Wir sehen die Phyto­therapie als ergänzende Massnahme zur Schulmedizin aus ­einzelnen Wirkstoffen, damit Apotheker und Ärzte auf die bewährten Mittel aus der Natur zurückgreifen können.

Die Naturheilkunde ist Tausende Jahre älter als die pharmazeutische Industrie: Haben wir das natürliche Heilen verlernt?
Viele Medikamente der Schulmedizin stammen ursprünglich aus der Natur wie etwa Aspirin aus einer Substanz der Weidenrinde. In der Schulmedizin setzt man auf definierte Reinstoffe, da Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit dann einfacher gewährleistet werden. Bei der traditionellen Pflanzenmedizin, die mehrere Stoffe zur Therapie enthält, ist das viel schwieriger, denn die Wirkstoffe unterliegen natürlichen Schwankungen.

Was heisst «ergänzen» in diesem Zusammenhang?
Heute weiss man, dass oft mehrere Wirkstoffe zusammenspielen, um den Körper bei der Selbstheilung zu unterstützen. Deshalb haben Phytotherapeutika ihren Platz bei chronischen Krankheiten, leichten Beschwerden und in der Prävention. Die moderne Schulmedizin, die zur akuten Behandlung essenziell ist, kann damit optimal ergänzt werden.

Worin unterscheiden sich Phytotherapie und Homöopathie?
Die Wurzel der beiden Medikamente ist ähnlich. Man holt mittels Extraktion die Wirkstoffe aus den Pflanzen. Bei der Phytotherapie werden die Stoffe danach meist konzentriert, bei der Homöopathie verdünnt. Die beiden Therapieformen sind nicht zu verwechseln und haben andere Ansätze zur Heilung.

Warum findet dieses Treffen in Horgen und Wädenswil statt?
Der Kongress findet seit 22 Jahren auf Initiative des Instituts für Pharmazie St. Petersburg statt. Das Institut sucht sich alle zwei Jahre einen regionalen Organisator. Jetzt wird derKongress erstmals in der Schweiz ausgetragen. Zu uns, der Abteilung Life Science der ZHAW Wädenswil, kam der Kongress, weil ich das Phytonetzwerk Schweiz koordiniere. Das ist eine lose Vereinigung, in der alle Beteiligten der Phyto­therapie aus Industrie, Behörden, Verbänden und Forschung sich im universitären Rahmen austauschen. Mit dem Bockengut Horgen steht uns ein Ort mit der optimalen Infrastruktur für einen Kongress zur Verfügung.

Welchen Stellenwert hat die ZHAW Wädenswil auf diesem Forschungsgebiet?
Die Abteilung für Life Science an der ZHAW Wädenswil liefert die neuesten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Phytotherapie. Unsere Stärke ist die Qualitätskontrolle der pflanzlichen Heilmittel. Dadurch sind wir gefragter Partner für Industrie und Behörden. Die wichtigste Aufgabe ist die Ausbildung von Fachkräften auf Bachelor und Masterlevel im Bereich pharmazeutische Biotechnologie.

Wer nimmt am Kongress teil?
Hauptsächlich sind es Forscher, Phytotherapeuten sowie Her­steller von Heilmittelprodukten, Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln.

Was wird besprochen?
In den Fachreferaten geht es um Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit pflanzlicher Arzneistoffe und Medikamente. Dazu bietet der Kongress eine Plattform für junge Wissenschaftler, die ihre Arbeit vorstellen können. Auch die Ethnopharmakologie, die traditionelle Volksheilkunde, ist Teil des Kongresses. Ausserdem beinhaltet er eine Industrieausstellung und natürlich bleibt Zeit zum Austausch.

Wie organisiert man einen solchen Kongress?
Mir steht ein Organisationsteam von fünf Personen und zehn Studenten als Helfern zur Seite. Die grösste Herausforderung ist die Kommunikation mit 270 Teilnehmern, wie sie anreisen, wo sie untergebracht werden. Das beschäftigt mich und mein Team seit eineinhalb Jahren.

Wann greifen Sie zu Medikamenten der Schulmedizin, wann zu Heilpflanzen?
Komplementärmedizin ist die ­ergänzende Heilkunde zur Akutmedizin. Wie die Ergänzung am besten funktioniert, sollten Ärzte, spezialisierte Therapeuten und Apotheker beurteilen. Die Kranken dürfen nicht der Gefahr der Selbstmedikation verfallen, wenn das im Akutzustand nicht angezeigt ist. Das gilt auch für mich.

Also sollte man sich besser nicht allein mit Pflanzen heilen?
Es gibt gute Hausmittel, aber die Gefahr ist gross, dass diese nicht zu gewissen Krankheitsbildern passen. Darum braucht es Fachleute, die das beurteilen können. Das ist mit ein Grund, warum wir mit der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) eng zusammenarbeiten. Gemeinsam bieten wir in Wädenswil Kurse für Ärzte und Apotheker an. Die Aufklärung der Konsumenten und die Ausbildung von Experten und Fachkräften bringt aus meiner Sicht die Phytotherapie voran. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.06.2018, 10:04 Uhr

Infobox

Dr. Evelyn Wolfram ist Dozentin für Phytopharmazie und Naturstoffe an der ZHAW Wädenswil. Die 46-jährige Stäfnerin ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. In der Freizeit spielt sie Querflöte, betreibt Sport und wandert gerne.

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