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Ein Horgner Hausarzt sagt Adieu

Ueli Hofmann war 35 Jahre lang Hausarzt in Horgen. Jetzt muss der 70-Jährige aufhören. Über 2500 Patienten holten ihre Dossiers ab. Er lässt Höhe- und Tiefpunkte Revue passieren und beleuchtet Schwierigkeiten des Hausarztdaseins.

Ein halbes Leben: 35 Jahre lang betreute der 70-Jährige Ueli Hofmann in der Horgner Praxis an der Stockerstrasse Patienten.
Ein halbes Leben: 35 Jahre lang betreute der 70-Jährige Ueli Hofmann in der Horgner Praxis an der Stockerstrasse Patienten.
Michael Trost

Plötzlich fiel dem 70-Jährigen der Kugelschreiber aus der Hand. Eine akute Lähmung hatte seine Arme und Hände ergriffen, eine Notoperation folgte. Doch auch danach blieb seine rechte Hand kraftlos. «Schweren Herzens musste ich den Entschluss fassen, nach 35 Jahren meine Praxis aufzugeben», sagt der Hausarzt Ueli Hofmann. 1982 eröffnete der gebürtige Horgner nach Lehr- und Wanderjahren in der ganzen Schweiz eine Praxis an der Stockerstrasse. 35 Jahre und viele Tausend Patienten später erklingt auf dem Anrufbeantworter seit einigen Tagen nur noch die Meldung: «Praxis Doktor Hofmann. Guten Tag. Seit dem 15. November ist die Praxis endgültig geschlossen.»

Eigentlich wollte der 70-Jährige noch nicht aufhören. «Es ist meine Passion», sagt er und blickt ruckartig auf, um den Blick des Gegenübers aufzufangen. Und in dieser Äusserung schwingt die Schwere und Tragweite des Entscheids mit, nun doch aufzuhören. Darin drückt sich auch die schlichte Wahrheit eines Lebens im Dienste der Heilung von Hinz und Kunz aus. Von Bagatellen wie Schnupfen bis Sucht und Krebs.

Alle aktiven 2500 Patienten mussten über die Schliessung informiert werden. Portokosten von über 2000 Franken waren nötig zum Verschicken des Patientenbriefs. Danach folgte die mehrwöchige Herausgabe von Patienten-Dossiers. Familienclans, teilweise über drei Generationen, pilgerten ein letztes Mal zur Stockerstrasse 32, um Abschied zu nehmen. Grusskarten und Geschenke überhäuften schnell den ganzen Schreibtisch von Ueli Hofmann. Die Begriffe warmherzig, menschlich, kompetent und geduldig fallen in den vielen Dankesbriefen.

2500 Patienten holten ihre Dossiers ab: 1982 eröffnete der gebürtige Horgner nach Lehr- und Wanderjahren in der ganzen Schweiz eine Praxis an der Stockerstrasse. Bild: Michael Trost.
2500 Patienten holten ihre Dossiers ab: 1982 eröffnete der gebürtige Horgner nach Lehr- und Wanderjahren in der ganzen Schweiz eine Praxis an der Stockerstrasse. Bild: Michael Trost.

Über 30 Patienten pro Tag

«Mir war klar, dass er für seine Patienten eine absolute Vertrauensperson ist, aber die Reaktionen erstaunten selbst mich», sagt die langjährige Praxisassistentin Petra Hofmann (der selbe Nachname ist reiner Zufall). Ein Patient kommt am selben Nachmittag des Interviewtermins gar vorbei, um ein Porträt des Hausarzts zu zeichnen. Der Patient habe das Malen während einer schweren Krankheit erlernt, erklärt Hofmann: «Solche Reaktionen auf den Abschied berühren sehr.»

35 Jahre lang nahm Hofmann über 30 Konsultationen täglich vor. «Anfangs bereiteten mir die schwierigen Fälle Bauchgrummeln, irgendwann wurden diese aber meine liebsten, sie verlangten Sicheinfühlen und Wissen.» Wenn Hofmann erzählt, wird ein ganzes Fass von Erinnerungen angezapft: Da taucht das Kindergartenmädchen auf, das er nach einem Verkehrsunfall wiederbeleben konnte; die alleinstehende Patientin, die er wegen einer Gürtelrose behandelte und dabei die «Wilden Blattern» einfing.

Da taucht aber auch die Erinnerung an die Nacht auf, als ein Notruf eintraf: «Ich wurde zu einem Todesfall einer Patientin mit mir unbekanntem Namen gerufen, vor Ort erkannte ich eine ehemalige Schulkollegin.» Das sei ein persönlicher Tiefpunkt gewesen. Als Erfolg verbucht Hofmann die Begleitung eines heroinabhängigen Patienten bis zur bleibenden Abstinenz. «Etwas weniger spektakuläre Höhepunkte als solche durfte ich in meinem Berufsleben fast wöchentlich erleben», hält Hofmann fest. Seine Patienten, die wird er im Ruhestand am meisten vermissen. Weniger fehlen wird ihm «die unsägliche, ausufernde Bürokratie».

Mangel an Hausärzten

«Die Angst keinen Hausarzt mehr zu finden, ist omnipräsent», schildert seine Praxisassistentin Lia Scioscia die Stimmung beim Abschiednehmen. Die ärztliche Versorgung der Patienten konnte zwar sichergestellt werden — trotz «eklatantem Hausärztemangel», wie Hofmann sagt. Vier jüngere Horgner Hausärztinnen sicherten ihm zu, seine Patienten aufzunehmen.

Eine klassische Nachfolgeregelung mit Praxisübernahme, wie früher üblich, war hingegen nicht möglich. Im Gegensatz zu Kollegen rund um den See, die keinen Nachfolger finden konnten, wären zwar in Hofmanns Fall einige Interessenten bereit gestanden. Doch die attraktiven Räumlichkeiten können nicht als Praxis weitergeführt werden, sie sollen zu Wohnungen ausgebaut werden.

Mit dem Auszug aus der Praxis verbunden ist auch der Wegzug aus Horgen. «Vielleicht ist es für ihn als 150%-iger Horgner ganz gut, etwas Abstand zu gewinnen», sagt Lisbeth Burkhalter, seine Lebensgefährtin. Hofmann zieht daher mit ihr für eine Weile in die Ferienwohnung nach Braunwald.

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