Engelskinder

Ein Grab für die Kleinsten

Würdiger Abschied von Engelskindern: Für totgeborene Kinder waren Bestattungen bisher nicht vorgesehen. In Horgen gibt es seit kurzem ein Grab für Sternenkinder.

Im Oktober wurde die erste Urne im Engelskindergrab auf dem Horgner Friedhof beigesetzt.

Im Oktober wurde die erste Urne im Engelskindergrab auf dem Horgner Friedhof beigesetzt. Bild: Manuela Matt

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Es ist ein ruhiges Fleckchen unterhalb der Gärtnerei auf dem Friedhof Horgen: Auf einer Steinplatte sind Kerzen, bunt bemalte Steine, Engelsfiguren und Blumen aufgestellt. Daneben eine Skulptur aus weissem Stein mit eingravierten Schmetterlingsflügeln. Hier finden sogenannte Engels- oder Sternenkinder— also Kinder, die vor der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche (SSW) oder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm tot auf die Welt gekommen sind— ihre letzte Ruhe.

«Schön, dass die Stelle nahe bei den individuellen Kindergräbern ist. So sind die Kinder alle zusammen», sagt Nadja Eigenmann, katholische Seelsorgerin am See-Spital in Horgen und rückt eine Kerze auf der Steinplatte zurecht. Zusammen mit Sandra Kubisch, der leitenden Hebamme am See-Spital und Laura Weber, der leitenden Ärztin Gynäkologie, hat Eigenmann sich dafür eingesetzt, dass Engelskinder in Horgen ein Grab bekommen.Im Oktober wurde die erste Urne beigesetzt. «Wir setzen ein Zeichen für die Würde der früh verstorbenen Kinder und für die der Mütter, die diese Kinder in sich getragen haben», sagt die Seelsorgerin.

«Schön, dass die Stelle nahe bei den individuellen Kindergräbern ist. So sind die Kinder alle zusammen.»
Nadja Eigenmann, katholische Seelsorgerin am See-Spital in Horgen

Kommt ein Kind nach der 22. SSW oder mit einem Gewicht von über 500 Gramm tot zur Welt, gilt es als Totgeburt. Weil ein Fötus ab diesem Zeitpunkt ausserhalb des Mutterleibs lebensfähig ist, werden Totgeburten ins Personenstandsregister eingetragen und müssen beerdigt wrden. Bei Fehlgeburten, die vor diesem Zeitpunkt oder leichter als 500 Gramm geboren werden, ist das nicht der Fall. Engelskinder bleiben formell inexistent. Ihre Körper werden in der Regel mit dem übrigen medizinischen Abfall entsorgt. «Dieser Umgang mit früh verstorbenen Kindern hat für mich nie gestimmt», sagt die Seelsorgerin.

Dokument für die Eltern

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Wandel im Umgang mit Sternenkindern ab. Auch in der Zürichseeregion gibt es verschiedene Beispiele, wie Sternenkinder verabschiedet werden. Seit dem 1. Januar 2019 stellt das Zivilstandsamt Eltern von Fehlgeborenen auf Wunsch ein Dokument aus, welches die Geburt des Kindes für siebeurkundet.

Obwohl wenig über Fehlgeburten gesprochen wird, sind sie nicht ungewöhnlich. Im See-Spital Horgen beobachtet Hebamme Sandra Kubisch in den letzten fünf Jahren einen starken Anstieg der Zahl der Sternenkinder. Exakte Zahlen nennt das Spital nicht. Den Grund für den Anstieg sehen Kubisch und Eigenmann vor allem in den Fortschritten der vorgeburtlichen Diagnostik. Meist handle es sich bei den Fehlgeburten um Abtreibungen, die nach der 12. SSW stattfinden. «Die Qualität der Ultraschallbilder ist viel besser als früher, so dass man Fehlbildungen besser entdeckt», erklärt Kubisch. Zudem sind in der Schweiz seit 2012 sogenannte pränatale Test erlaubt, mit denen das ungeborene Kind auf Erbkrankheiten und Chromosomenanomalien wie Trisomie untersucht werden kann.

Das neue Engelskindergrab auf dem Friedhof Horgen. Bild: mma.

Da diese Untersuchungen erst ab der elften SSW möglich sind, sind die Föten zum Zeitpunkt eines Schwangerschaftsabbruchs bereits in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. Meist um die 15. oder 16. SSW herum. «Es sind fertige kleine Menschlein, nur die Proportionen stimmen noch nicht ganz», sagt die Hebamme. Die gesellschaftliche Unterstützung, sich für ein behindertes Kind zu entscheiden, sei gering. So würden sich viele Eltern gegen ein behindertes Kind entscheiden. Bei Erbkrankheiten sei es zudem oft der Fall, dass die Eltern bereits ein behindertes Kind haben. Für ein Zweites fehle dann die Kraft.

Für die Eltern ist eine Fehlgeburt eine Ausnahmesituation – auch wenn es eine bewusste Entscheidung war, dass das Kind nicht am Leben bleiben soll . Deshalb sei es oft an den Hebammen, die toten Kinder in Empfang zu nehmen und zu verabschieden. Auch deshalb habe die alte Handhabung der Engelskinder ihr Hebammenteam sehr belastet, sagt Kubisch. «Es ist nicht würdig, so Abschied zu nehmen. Weder für die Eltern noch für die Hebammen.» Für letztere komme ein emotionales Hin-und Her-Springen zwischen Leben und Tod dazu, wenn sie nach einer Fehlgeburt die Geburt eines gesunden Kindes begleiten müssen.«Zoe Schuler, eine Hebamme aus meinem Team, schlug schliesslich Alarm, die Gesundheit des Hebammenteams stehe auf dem Spiel, wenn keine bessere Lösung im Umgang mit Engelskindern gefunden wird.»

«Die alte Handhabung der Engelskinder hat das Hebammenteam sehr belastet.»
Sandra Kubisch, leitende Hebamme am See-Spital

Doch sind in solchen Fällen nicht auch die Eltern in der Pflicht, sich um einen würdigen Abschied von ihrem Kind zu kümmern? Vielen Eltern sei nicht klar, dass sie nach den vorgeburtlichen Untersuchungen möglicherweise über Leben oder Tod ihres Kindes entscheiden müssen. «Sie befinden sich in einem Schockzustand. Eigentlich müsste man ihnen in dieser Situation mehr Zeit geben, aber die Abläufe in der Medizin gehen meist im Schnellschritt. Sobald die Ergebnisse der vorgeburtlichen Abklärung da sind, werden in einem Aufklärungsgespräch die nächsten Schritte besprochen», sagt Kubisch. Dann müsse gehandelt werden.

Eine gemeinsame Urne

Die Seelsorgerin weiss aus Gesprächen mit Betroffenen: «Die Eltern befinden sich in einem Gewissenskonflikt. Wenn, dann soll die Abtreibung so schnell wie möglich geschehen, damit das Kind nicht noch weiter wächst.»

Nur selten erkundigen sich Eltern nach Möglichkeiten für eine Bestattung. «Die Gedanken sind einzig bei der bevorstehenden Geburt», sagt die Hebamme. Die Möglichkeit, das Fehlgeborene zusammen mit anderen Engelskindern in Horgen zu bestatten, solle auch die Eltern entlasten. «Wir machen sie im Beratungsgespräch vor der Geburt auf diese Option aufmerksam.» Dieses Gespräch sei enorm wichtig. «Oft beginnt es so, dass die Eltern das Kind nach der Geburt weder sehen noch halten wollen.» Meistens gelingt es Kubisch und ihrem Team jedoch, die Eltern umzustimmen. «Sie werden trotz allem Eltern.»

Nach der Geburt werden die Engelskinder im See-Spital in einer eigenen Kühltruhe aufbewahrt, bis sie vor der nächsten Beisetzung zusammen kremiert werden. Als die erste Urne mit der Asche von Engelskindern in Horgen beigesetzt wurde, waren die Initiantinnen überrascht, wie viele Menschen dafür angereist waren. «Sie kamen sogar aus anderen Teilen des Kantons. Manche auch um ein Ereignis von früher zu verarbeiten», sagt Eigenmann. Als Seelsorgerin begegne sie manchmal älteren Frauen, die sich auf dem Sterbebett an eine Fehlgeburt oder eine Abtreibung erinnern. Die Hebamme pflichtet bei: «Jede Frau, die eine Fehlgeburt erleidet wird für den Rest ihres Lebens immer wieder an dieses Kindchen denken. Auch wenn sie es nur still und heimlich für sich tut.»

Die nächste interreligiöse Abschiedsfeier für Engelskinder ist am Mittwoch, 6. Mai 2020 um 14 Uhr auf dem Friedhof Horgen.





Erstellt: 11.12.2019, 17:17 Uhr

Wie viele Engelskinder gibt es?

Über die Zahl der Engelskinder wird keine Statistik geführt. Da aber die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt ab der 12. Schwangerschaftswoche (SSW) abnimmt, liefert die Zahl der Abtreibungen ab diesem Zeitpunkt einen Hinweis. In der Schweiz ist ein Schwangerschaftsabbruch nach der 12. SSW nur dann möglich, wenn der Fötus eine schwere Krankheit oder Behinderung hat, oder laut ärztlichem Urteil die Gefahr besteht, dass die Frau durch die Schwangerschaft schwerwiegende körperliche oder seelische Schäden davon trägt.

Laut dem Bundesamt für Statistik wurden 2018 528 Schwangerschaftsabbrüche nach der 12. SSW vorgenommen. Das sind 82 mehr, als 2014. Im Jahr 2007 lag die Zahl der späten Schwangerschaftsabbrüchen in der Schweiz bei 421.

Im Kanton Zürich wurden letztes Jahr 2327 Abtreibungen durchgeführt. 2048 der betroffenen Frauen wohnten zu diesem Zeitpunkt im Kanton. In 92 dieser Fälle handelt es sich um Schwangerschaftsabbrüche, die nach der 12. SSW durchgeführt wurden. Bei 81 davon handelt es sich um Engelskinder.

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