Horgen

«Durchhaltewillen kann man lernen» 

Evelyne Binsack ist Bergführerin, Helikopterpilotin, Abenteurerin und Autorin verschiedener Bücher. Sie wird in Horgen über ihre Expeditionen und die damit verbundenen Erfahrungen erzählen.

Ein Bürojob wäre nichts für sie: Evelyn Binsack hat als erste Schweizerin den Mount Everest erklommen, sie war am Nordpol und in der Antarktis. Foto: PD 

Ein Bürojob wäre nichts für sie: Evelyn Binsack hat als erste Schweizerin den Mount Everest erklommen, sie war am Nordpol und in der Antarktis. Foto: PD 

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Evelyne Binsack, Sie standen im Jahr 2001 als erste Schweizerin auf dem höchsten Punkt unseres Planeten, auf dem Mount Everest. Bestimmt erinnern Sie sich noch an diesen Moment?
Es war ein kurzer, herausragender Moment des absoluten Glücks. Es geht aber immer um die gesamte Expedition mit wochenlanger Vorbereitung, mit Training und Abklärungen aller Art. Am Mount Everest war ich zusammen mit einem Kletterkollegen unter der Expeditionsleitung von Russell Brice, einem Neuseeländer. Den Gipfel erkletterte ich am letzten Tag jedoch im Alleingang. Dort ist aber jeweils erst die halbe Strecke geschafft. Nur Amateure meinen, die Herausforderung sei hier zu Ende. Der Weg zurück ist lang und muss auch gemeistert werden.

Ist am Mount Everest alles planmässig gelaufen?
Für mich war die Everest-Besteigung auf der ursprünglichen Nordseite eine grandiose Erfahrung. Die Erleichterung, es als erste Schweizer Frau auf den Gipfel geschafft zu haben, trat aber erst ein, als ich mit einem 20-köpfigen Rettungsteam zwei Bergsteiger rettete, die sonst den Abstieg nicht mehr geschafft hätten.

Sie sehen am Berg immer wieder Schwerverletzte und Tote. Macht Ihnen das keine Angst?
Diffuse und unbegründete Angst vor ‹irgendetwas› kenne ich nicht, sie würde den Alltag nur erschweren und bringt nichts. Im Gebirge geht es um anderes: Um maximale Konzentration, das eigene Können, Motivation und Durchhaltevermögen.

Kann man Durchhaltewillen lernen?
Ja. Die Willensforschung belegt dies klar. Geübt werden kann beispielsweise der Belohnungsaufschub. Eltern sollen Kinder lehren, auf eine ‹instant gratification› — die sofortige Erfüllung ihrer Bedürfnisse — immer wieder zu verzichten. Das macht nicht nur in den Bergen leistungsstark.

Erlebten sie dies bereits in Ihrem Elternhaus?
Im Kanton Nidwalden, wo ich aufgewachsen bin, war ich mit den Eltern oft in der Natur unterwegs. Es ging aber nicht um Leistung. Meine sportliche Laufbahn begann in der Teenagerzeit als Leichtathletin. Später wechselte ich in den Alpinismus, weil das Bergsteigen mehr geistige und körperliche Fähigkeiten erfordert. Das gefiel mir und wurde zu meiner Leidenschaft.

Ihre Expeditionen am Mount Everest und die späteren an den Nord- und Südpol waren äusserst strapaziös und mit grossen Entbehrungen verbunden. Warum taten Sie sich das an?
Ich stelle Ihnen eine berechtigte Gegenfrage: «Wie kann man sich einen Bürojob antun?»

Sie sind jetzt 51-jährig, wie geht es mit Ihrer Sportkarriere weiter?
Ich arbeite in ganz Europa als ausgebildete Bergführerin und kann weiterhin jeden Berg erklimmen. Und wenn dies nun eine halbe Stunde länger dauert als noch vor 30 Jahren, kümmert mich das absolut nicht.

Sie sind oft an Lesungen mit ihren drei Büchern unterwegs, demnächst im Horgner Baumgärtlihof. Was ist Ihr Ziel an Lesungen — ausser dem Brötchen verdienen?
Ich schlage nicht in die Kerbe: ‹Noch höher, noch schneller, noch besser›. Ich will zeigen, wie man eine Idee zur Verwirklichung führt und sei sie noch so hoch wie der Mount Everest oder so weit entfernt wie der Süd- und der Nordpol. Ich präsentiere die schönsten Bilder meiner Expeditionen, erzähle aber auch, was es am meisten braucht: Die grundehrliche, innere Einstellung zu dem, wofür man sich entscheidet.

Sport ist für Sie (fast) alles. Ist noch anderes für Sie unentbehrlich?
Ich würde sagen: Freiheit und Gesundheit. Mit diesen Voraussetzungen kann ich einer Tätigkeit nachgehen, die mich erfüllt, die mich aber auch lehrt, Hindernisse zu überwinden, erfolgreich zu scheitern und zu einem unabhängig denkenden, mitfühlenden und kämpferischen Menschen zu werden.

Begegnung mit Evelyne Binsack — Grenzgängerin, Donnerstag, 7. Februar, 14 Uhr, Baumgärtlihof Horgen

Erstellt: 01.02.2019, 15:03 Uhr

Die Grenzgängerin

Evelyne Binsack, 1967 in Stans geboren, absolvierte zuerst eine Verkaufslehre in einem Sportgeschäft. Nebenbei jobbte sie als Malerin, Hüttenwartin und Dachdeckerin. Später liess sie sich zur Bergführerin ausbilden. International bekannt geworden ist die Extremsportlerin durch die Gipfelbesteigung des Mount Everest (2001), der «Expedition Antarctica» an den Südpol (September 2006 - Dezember 2007) und der Expedition an den Nordpol (2017). Über diese drei geographischen Pole hat sie je ein Buch geschrieben. An Vorträgen gibt sie ihre Erfahrungen an andere weiter. (vs)

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