Wädenswil

«Die Sparer zahlen die Zeche der Politik»

Über 100 Vertreter von Unternehmen aus der Region nahmen am Montag am jährlichen Treffpunkt Zürich Park Side statt. Referent Anastassios Frangulidis, Chefökonom der Zürcher Kantonalbank, überraschte mit pointierten Aussagen – nicht nur zur Eurokrise.

«Der Sparer zahlt jetzt die Zeche der Politik», sagt
Anastassios Frangulidis, Chefökonom Zürcher Kantonalbank

«Der Sparer zahlt jetzt die Zeche der Politik», sagt Anastassios Frangulidis, Chefökonom Zürcher Kantonalbank

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Sie hat sich in den letzten Monaten entschärft, die Eurokrise. Die strukturellen Probleme aber bleiben, und sie könnten Auswirkungen auf die hiesige Wirtschaft haben. Davon ist Anastassios Frangulidis überzeugt. Er ist Leiter Multi Asset Research der Zürcher Kantonalbank und deren Chefökonom und Chefstratege. Gleichzeitig ist Frangulidis Mitglied im Chefökonomenverband europäischer Staatsbanken und damit im ständigen Austausch mit anderen Vertretern seiner Gilde. Dies spürte man in seinem Referat zur Eurokrise, das er am Montag am 5. Treffpunkt Zürich Park Side hielt. Über 100 Vertreter von Unternehmen aus der Region hatten sich auf Einladung des Arbeitgebervereins Zürichsee-Zimmerberg (AZZ), der Unternehmer-Vereinigung Bezirk Horgen und der Standortförderung Zimmerberg-Sihltal eingefunden. Zu Gast war man in den Räumen der Zurich International School in Wädenswil.

Verbesserte Lage seit Januar

Grundsätzlich sei das globale Wachstum intakt, konstatierte Frangulidis. Das treffe auch auf die Eurozone zu. «Die strukturellen Probleme aber bleiben», sagte Frangulidis. Er kam auf die nun schon zweite Rezession in sieben Jahren zu sprechen, «das zeigt, wie schwierig die strukturelle Situation in Europa ist». Von einem Staatsbankrott geht er dennoch nicht aus – der tiefen Zinsen wegen. So sind die Staaten in der Lage, die Schulden zu refinanzieren, das Schuldenmachen wird gar noch attraktiv. Aber: «Der Sparer zahlt jetzt die Zeche der Politik.» Frangulidis rechnet noch bis 2017 mit Negativzinsen.

Die Lage der Schweiz sieht der Ökonom durchaus positiv. Die Schulden seien kaum gestiegen, die letzten beiden Finanzminister haben aus seiner Sicht «einen guten Job gemacht». Frangulidis kam auch auf die Aufhebung des Euromindestkurses zu sprechen. Dieser habe zwar viel Wachstum gekostet, auch Arbeitsplätze. Umgekehrt habe sich das Risiko verringert. Die Lage in der Schweiz habe sich seit Januar verbessert, «das ist eine Realität. Die Schweiz ist trotz starkem Franken im europäischen Vergleich überdurchschnittlich gewachsen.» Zum einen sei Glück im Spiel gewesen, so hätten zum Beispiel die tieferen Ölpreise geholfen. Zum anderen sei das liberale Arbeitsmarktsystem in der Schweiz gut ausgestaltet: «Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist gut. Man hat zusammen nach flexiblen Lösungen gesucht. Das ist aus europäischer Sicht einzigartig und hat der Schweiz geholfen.»

Die Entwicklung der Schweiz sei indes weiter abhängig von der EU. Zwar sei vieles besser geworden: Deutschland, Italien, seit neustem auch Griechenland produzieren Überschüsse. Als «Gefahr für Europa in ökonomischer Sicht» sieht Frangulidis vor allem Frankreich. Dort sei das Verhältnis Lohnkosten zu Arbeitsproduktivität am schlechtesten in Europa.

US-Zinserhöhung würde begrüsst

Die Ausführungen zur Faktenlage waren interessant, richtig spannend wurde es in der kurzen Fragerunde. Den Eurokurs sieht Frangulidis auch langfristig rund um 1.10 Franken, also weiterhin überbewertet. Eine gemächlich erfolgende Zinserhöhung in den USA würde er für Europa und die Schweiz eine gute Nachricht finden: «Damit wird der Druck auf unseren Zinsen kleiner.» Zwar würde es kurzfristig eine Korrektur an den Aktienmärkten geben, diese sei aber nach zwei bis drei Monaten wieder vorbei, glaubt der Chefökonom.

Frangulidis scheute sich nicht, auch zu aktuellen Themen Stellung zu beziehen, so zum Beispiel die Terrorakte in Paris und deren möglichen ökonomischen Auswirkungen. In der Vergangenheit hätten sich die Menschen nach Anschlägen nicht einschüchtern lassen, etwa in Madrid. Die Lage habe sich trotzdem stabilisiert, das sei eine Stärke von Europa. Frangulidis glaubt, dass auch Frankreich diese Phase überstehen werde – sofern es keinen zweiten Anschlag gebe.

Die Flüchtlingskrise beurteilt Frangulidis aus ökonomischer Sicht dagegen als schwierig. Sie berge mehr Risiken als die Eurokrise. Eine erste Studie zeige, dass viele der Flüchtlinge junge Menschen seien, die schlecht ausgebildet sind – schlechter als die einheimische Bevölkerung. Es sei wichtig, in deren Bildung zu investieren: «Aus ökonomischer Sicht ist das notwendig.» Voraussetzung sei die Bereitschaft der Menschen sowie mehr Flexibilität der europäischen Arbeitsmarktsysteme. «Wenn das nicht gelingt, haben wir Probleme in Europa», schloss Frangulidis. Pointierte Aussagen, die auch beim Apéro rege diskutiert wurden.

Erstellt: 17.11.2015, 16:11 Uhr

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