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«Die Schweizer Nähe zu Tibet wird vertuscht»

Die Tibeterin Migmar Dhakyel fährt am Sonntag nach Bern, um gegen den Staatsbesuch von Xi Jinping zu demonstrieren.

Kurz vor der Kundgebung: Migmar Dhakyel engagiert sich für die Autonomie Tibets. Ihre Eltern sind als Flüchtlinge nach Wädenswil gekommen.
Kurz vor der Kundgebung: Migmar Dhakyel engagiert sich für die Autonomie Tibets. Ihre Eltern sind als Flüchtlinge nach Wädenswil gekommen.
Moritz Hager

Wie sehen Sie als Tibet-Aktivistin dem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping entgegen?Migmar Dhakyel: Für mich als Tibeterin, aber auch als Schweizer Bürgerin ist der Staatsbesuch ein Zeichen, dass die Schweizer Politik unsere demokratischen Werte für wirtschaftliche Interessen verkauft.

Sie vergleichen Xi Jinpings Politik mit Mao Zedongs, inwiefern? Seit Mao Zedong hat es kein Staatsoberhaupt gegeben, das derart versucht, Macht an sich zu reissen. Diese diktatorischen Tendenzen sollten meines Erachtens nicht von der Schweiz unterstützt werden.

Am Sonntag findet in Bern eine Kundgebung von Exil-Tibetern statt – allerdings ist sie nur bis am Mittag bewilligt, bevor der Staatspräsident in Bern eintrifft. Wie beurteilen Sie dies? Der Bundesrat sollte Schweizer Werte wie die Demokratie und Meinungsfreiheit vertreten. Würde Xi Jinping die Demonstranten hören und sehen, würde er miterleben, was es bedeutet, in einem freien Land zu leben. Bleibt dies aus, wird sich China sagen: Die Schweiz haben wir in der Tasche.

Beim letzten Staatsbesuch ­Chinas 1999 kam es zu einem diplomatischen Debakel, weil es Aktivisten gelang, auf dem Dach des Bundeshauses zu ­demonstrieren. Soll sich das wiederholen? Damals hat der Bundesrat tapfer und selbstbewusst reagiert. Heute sehe ich die Tendenz, dass die Schweiz befürchtet, nicht mit der Welt Schritt halten zu können. Die Schweizer Nähe zu Tibet wird vertuscht, indem etwa die Kundgebung dezentral stattfindet. Dabei hat die Schweiz in den Sechzigerjahren als erster Staat Europas Tibeter aufgenommen.

Weshalb werden Sie am Sonntag in Bern demonstrieren? Xi Jinping ist verantwortlich für die Kolonialpolitik Chinas, dass Tibeter ungerechtfertigt inhaftiert und gefoltert werden. Deshalb ist es für uns wichtig, zu demonstrieren. Damit Tibet nicht vergessen geht und die Problematik auch hierzulande nicht einfach ausgeblendet werden kann. Die Kundgebung ist aber auch an den Bundesrat, insbesondere Johann Schneider-Ammann, adressiert.

Weshalb nennen Sie ihn? Er war federführend beim Freihandelsabkommen, dem ersten kontinentaleuropäischen Handelsabkommen mit China.

Inwiefern könnte die Schweiz denn etwas für Tibet tun? Heute werden viele Flüchtlinge nicht anerkannt. Es leben schon 1000 tibetische Sans-Papiers in der Schweiz. In den Pässen steht nicht mehr Tibet, sondern China. Eine Rückbesinnung auf die tibetische Diaspora wäre nötig. Zudem könnte sich der Bundesrat für die Freilassung tibetischer politischer Häftlinge einsetzen.

Inwiefern hat sich die Situation von Tibetern seit Xi Jinpings Amtsantritt verändert? Sie hat sich extrem verschlechtert. Die Bewegungsfreiheit von Tibetern wird eingeschränkt. Tibeter aus dem Osten können nicht in die Hauptstadt. Will ein Tibeter in der Hauptstadt von A nach B, muss er zahlreiche Polizeichecks passieren; Chinesen aber werden nicht kontrolliert. Flüchtlingsströme nach Indien, wo sie ihre Kultur freier leben können, wurden unterbunden. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.

Sie waren im Zentrum des tibetischen Exils, in Dharamsala, aber nicht in Tibet selbst. Weshalb? Ich kenne nur ganz wenige Exil-Tibeter, die in ihr Heimatland reisen durften. Es bestehen restriktive Einreisebewilligungen. Die chinesische Regierung befürchtet, dass kompromittierendes Bildmaterial ins Ausland gelangen könnte.

Dennoch scheint es, als sei die «Free Tibet»-Bewegung weniger aktiv als früher. Weshalb? Ich denke, dass die Medien und Regierungen weniger darauf anspringen. China nimmt eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft ein. Zudem ist es China gelungen, sein Image aufzuwerten. Der ideologische Einfluss Chinas ist in der Schweiz nicht zu unterschätzen. Das habe ich beispielsweise am Konfuzius-Institut an der Genfer Universität gesehen. Ein unkritisches Bild wird mit Kalligrafiekursen und Gratis-Studienaufenthalten gefördert.

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