Integration

Die Schweiz muss gelernt sein

Während eines Jahres begleitet die ZSZ zwei Flüchtlinge bei ihrer Integrationsvorlehre. Der dritte Teil der Serie gibt Einblick in ihren Schulalltag.

Nur noch wenige Wochen und dann haben sie es geschafft: Der Afghane Hamid Sohrab und der Eritreer Biniam Maharena schliessen ihre einjährige Integrationsvorlehre ab. Seit letztem August arbeitet Hamid Sohrab in einer Garage in Rüschlikon, Biniam Maharena in einer Gärtnerei in Küsnacht. Die «Zürichsee-Zeitung» begleitet die beiden während ihrer Integrationsvorlehre und berichtet in einer vierteiligen Serie. Heute: Teil drei.


Biniam Maharena (links) lernt mit seinem Klassenkameraden für die bevorstehende Prüfung. Foto: Moritz Hager

«Deutsch ist so kompliziert wie die Schweizer Kultur»

«Hier wächst Zukunft», steht auf einem kleinen grünen Schild. Es hängt an der Tür des Schulzimmers 207. An den Wänden des kleinen Unterrichtsraums sind Fotos bekannter Schweizer gepinnt, von Roger Federer über Albert Einstein bis zu Ursula Andress. Daneben hängt ein Bild mit Pflanzen und deren Namen. All dies gehört zum Wissen, das den acht Schülern während ihrer Integrationsvorlehre vermittelt werden soll.

Die Flüchtlinge arbeiten alle in einer Gärtnerei. Sie hacken und jäten vier Tage die Woche. Am Montag müssen sie jeweils die Schulbank drücken. Einer von ihnen ist Biniam Maharena aus Eritrea. Er arbeitet im Gartenbauunternehmen Bachmann & Rimensberger AG in Küsnacht. Der 19-Jährige ist der Jüngste in seiner Klasse. Sein ältester Mitschüler hat die dreissig bereits überschritten.

«Bald darf ich mit dem Bagger fahren.»Biniam Maharena, Integrationsvorlehrling aus Eritrea

An diesem Morgen wirken Biniam und seine Kollegen entspannt. Sie nehmen einander hoch, lachen viel. Nach einiger Zeit macht sich aber eine leichte Nervosität bemerkbar. In wenigen Tagen ist Prüfungszeit. Der Test wird im Fach «Normen und Werte» aus Fragen über die Schweizer Geschichte, Politik und Kultur bestehen. Für Biniam Maharena und seine Kameraden ist Büffeln angesagt. «Ich muss schon noch etwas lernen», sagt er.

Der Unterricht beginnt mit einem Quiz. Die Schüler müssen via Handy Fragen zur Schweiz beantworten. Wer war Wilhelm Tell? Wann wurde die Schweiz gegründet? Was bedeutet die Abkürzung SVP? Biniam liegt nach den ersten Fragen vorne. Die meisten Schüler kennen die Antworten. Einzig bei der Frage, welcher der höchste Berg der Schweiz ist, tippen alle auf das Matterhorn anstatt auf die Dufourspitze.

Die Fragen sind Teil der Prüfung. Im Anschluss an das Quiz erhalten die Schüler die gleichen Fragen nochmals auf Karteikarten. Sie müssen die Karte mit der passenden Antwort finden. Dann beginnt das gegenseitige Abfragen. Die Klassenlehrerin Letizia Craparo Devenn wiederholt das Frage-Antwort-Spiel absichtlich. «Ich möchte ihnen damit auch verschiedene Lerntechniken aufzeigen», sagt sie. Das Niveau der Schüler sei zu Beginn der Vorlehre unterschiedlich. «Während einige Analphabeten sind, beherrschen andere die deutsche Sprache schon besser.» Die hiesige Weltansicht könne nur lernen, wer auch die Sprache beherrscht.

Anschlusslösung gefunden

Die Sprache ist es denn auch, die Biniam Maharena zu schaffen macht. Er kann sich zwar lange auf Deutsch unterhalten. Oft stoppt er aber, sucht nach einem Wort, findet es nicht immer. «Die deutsche Sprache ist so kompliziert wie die Schweizer Kultur», sagt er. Daher sei sein Lieblingsfach auch die Mathematik.

Im Juli endet die Integrationsvorlehre. Sieben der acht Schüler haben eine Anschlusslösung gefunden. Auch Biniam Maharena soll einen Lehrvertrag in Küsnacht erhalten. «Dann kann ich endlich auch mit den grossen Maschinen wie dem Bagger fahren», sagt er. (Daniel Hitz)


Hamid Sohrab (links) übt am Computer, Briefe zu schreiben. Foto: Patrick Gutenberg

«Ohne gutes Deutsch geht hier nichts»

Ausser emsiges Tippen ist im Klassenzimmer nichts zu hören. Die acht Schüler schreiben mit ihren Computern gerade einen Brief ab, der von einem Beamer an die Wand projiziert wird.

Die Männer stammen vor allem aus Afghanistan und Eritrea. Während eines Jahres absolvieren sie eine Integrationsvorlehre als Automechaniker, Reifenfachmann oder Gebäudereiniger. Unter ihnen ist auch Hamid Sohrab. Der 34-jährige Afghane ist vor dreieinhalb Jahren in die Schweiz geflohen. Er arbeitet in der Garage Park Side in Rüschlikon. «Mein Lieblingsfach ist eigentlich Mathematik», sagt er, tippt die Sätze seines Briefs trotzdem konzentriert weiter in den Computer.

Der projizierte Text ist in gehobenem Deutsch verfasst. Lehrer Xavier Molina will seinen Schülern mit dem Abschreiben des Briefes neue Formulierungen beibringen und aufzeigen, wie man ein Schreiben aufbaut.

«Ich träume davon, eines Tages selbstständig zu sein.»Hamid Sohrab, Integrationsvorlehrling aus Afghanistan

Das Schreiben und Lesen ist für Hamid Sohrab das kleinere Problem. «Sprechen ist am schwierigsten», sagt er. Nicht nur eine fremde Sprache muss Hamid Sohrab in der Schweiz lernen, auch das Arbeiten mit dem Computer ist für ihn neu. Das spüre er auch in der Garage. Er war zwar in seiner alten Heimat ebenfalls Automechaniker, die Arbeit sei jedoch unterschiedlich. «In Afghanistan reparierten wir nur alte Fahrzeuge aus Japan und Russland», sagt er. In Rüschlikon müsse er nun auch Autos reparieren, die mit modernster Elektrik ausgestattet sind.

Für Lehrer Xavier Molina ist klar: Die Sprache ist nicht die einzige Herausforderung. «Viele der Schüler haben auch Mühe mit der Mathematik.» Anders als bei der Sprache zeige sich dies aber weniger offensichtlich.

Zudem gebe es unterschiedliche Niveaus in der Klasse. Während einige der Schüler schon Schweizerdeutsch sprechen, haben andere noch Mühe, dem Unterricht zu folgen. «Das fordert uns Lehrer zwar etwas, den Unterricht für alle angemessen zu gestalten, es ist für die Schüler aber sicher auch ein guter Erfahrungsaustausch», sagt Molina. Wie viel sich ein Schüler während des Unterrichts zu Wort meldet, sei jedoch auch von der Kultur abhängig. «Während Afghanen in der Regel viel reden, sind Eritreer eher verschlossen.»

Grosse Pläne geschmiedet

Vor einigen Wochen hat Hamid Sohrab das erhalten, wovon anfangs alle Integrationsvorlehrlinge träumen: einen Lehrvertrag. Wer mit Hamid Sohrab über seine Zukunft in der Schweiz spricht, merk schnell, wie viel ihm diese Chance bedeutet. «Ich bin sehr erleichtert, weiss aber auch, dass es nicht einfach wird.» Die dreijährige Lehre als Automobilfachmann wird er in seiner bisherigen Lehrstätte in Rüschlikon absolvieren.

Auch wenn Hamid Sohrab eines nach dem anderen angehen will, hat er bereits ein grosses Ziel vor Augen.«Ich träume davon, eines Tages selbstständig zu sein.» (Daniel Hitz)


Teil 2: Es geht mit kleinen Schritten voran

Teil 1: Flüchtlinge beginnen Integrationsvorlehre am Zürichsee

Erstellt: 18.06.2019, 10:57 Uhr

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