Wädenswil

Die Schönheit im Spiegel von Dichtung und Wissenschaft

Sie ist ewiges Menschheitsthema: Die Schönheit. Mit ihr beschäftigte sich am Freitag die Wädenswiler Lesegesellschaft.

Diskutierten zum Thema «Schönheit»: v.l. Nicole Dreyfus, Isabelle Paris und Petra Huber.

Diskutierten zum Thema «Schönheit»: v.l. Nicole Dreyfus, Isabelle Paris und Petra Huber. Bild: Moritz Hager

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie scheinen ein eigenwilliges Paar zu sein: die sinnliche Schönheit und die nüchtern-strenge Mathematik. Und doch gehen sie Hand in Hand. Ausdruck dieser Harmonie ist etwa die magische Zahl 0,7. Ergebe nämlich die Division von Bauch- zu Hüftumfang ein Resultat, kleiner als ebendiese 0,7, «dann dürfen Sie sich glücklich schätzen». Dies sagte am Freitagabend die Pharmazeutin Petra Huber an einer Veranstaltung der Lesegesellschaft Wädenswil – und meinte damit die Frauen im gut 50-köpfigen Publikum. Gelten diese doch bei einem so berechneten Verhältnis der Proportionen für die Männer gemeinhin als attraktiv. Was wiederum – wenig verwunderlich – mit einer hohen Fruchtbarkeit der Frau zu tun habe.

Die Angesprochenen, im Durchschnittsalter eher jenseits der Familienplanung, quittierten indes vor allem eine andere Aussage mit vielsagendem Schmunzeln: «Mit zunehmendem Alter gleichen sich die Fettverteilungsmuster im Körperbau der Geschlechter einander an.» Was für die Männer so viel wie der Abschied vom Sixpack bedeute. Die Schönheit zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Dichtung und Wahrheit: Darum ging es während der gut eineinhalb Stunden im reformierten Kirchgemeindehaus. Der Anlass, eine Mischung aus Lesung und Referat, bewies: Die Schönheit, oder genauer die Suche, ihr mit Begriffen, Formeln, Gleichnissen oder sonst wie beizukommen, ist so alt wie wohl die Menschheit an sich.

Thema schon in der Bibel

Davon zeugt eine der ältesten Schriften überhaupt: die Bibel. Aus heutiger Sicht fantasievoll wirken etwa die Beschreibungen im Hohelied Salomos aus dem Alten Testament: «Siehe, meine Freundin, du bist schön. Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen», las Schauspielerin Isabelle Paris unter anderem daraus vor. Sie, bekannt als Off-Stimme aus dem Schweizer Fernsehen, rezitierte aus Werken, die Germanistin und Moderatorin Nicole Dreyfus literaturgeschichtlich einordnete. Petra Huber, die Dozentin für Kosmetik und Toxikologie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ist, gab alternierend dazu einen historisch-wissenschaftlichen Überblick zum Thema.

So erklärte sie, dass die Verbindung aus Schönheit und Mathematik in einer weiteren Zahl resultiere: «Die sieben Säulen der Attraktivität», sagte Huber, «sind aus der geometrischen Morphometrie entstanden.» Dies sei eine Methode, wichtige Orientierungspunkte auf Gesicht und Körper zu vermessen. «Jugendliches Alter, Symmetrie, Zustand von Haut und Haaren, Körperbewegung und -geruch» seien einige dieser Säulen.

Auch Männer leiden

Dass hier etwas daran ist, überrascht wenig; die florierende Kosmetik- und Fitnessbranche sowie gewisse Bereiche der Medizin belegen das genug. Branchen mit indes langer Geschichte: «Schon im alten Ägypten gab es den Lidstrich», sagte Huber. Dieser habe aber nicht nur dekorative Zwecke gehabt, sondern auch pharmazeutische – als Schutz vor Augenreizungen durch die Sonne etwa. Nachgeholfen in Sachen Schönheit haben in der Antike aber nicht nur die Frauen. Bei den Römern hätten schon die Männer gemacht, was gegenwärtig wieder ein Revival erlebt: Sich durch mitunter schmerzhafte Prozeduren den Körper haarfrei halten, zur Maniküre gehen und die Augenbrauen zupfen lassen.

«Schönheit muss leiden». Manchmal ziemlich stark: Durch Bleiweiss für den Teint oder quecksilberhaltigem Zinnoberrot für die Lippen im Zeitalter der englischen Königin Elisabeth I etwa, führte Huber aus. Das pure Gegenteil, nämlich übertriebene Angst um die Gesundheit, habe dagegen unter Louis XIV geherrscht. «Wasser war tabu», erklärte Huber, «man befürchtete eine Infektion.» Mit dem Resultat, dass Parfüm die tägliche Wäsche ersetzte. Wenig später fegte die Revolution zwar den König und seine Lebensform hinweg; die Parfümbranche aber blieb ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Und was machte die Literatur? Bald darauf brachte Johann Wolfgang von Goethe seinen Faust heraus. «Das schönste Bild von einem Weibe», lässt er den Gelehrten über Gretchen schwärmen. In der Neuen Sachlichkeit zwischen den Weltkriegen träumt Doris als «kunstseidenes Mädchen» von Irmgard Keun davon, ein «Glanz» zu sein. So wie die Stars auf der Leinwand, mit ihrem Fonds de teint, Lippenstift oder den Dauerwellen. Und sie muss bitterlich erfahren: «Schönheit ist nur ein Versprechen von Glück». Das hatte Henri Stendhal bereits im 19. Jahrhundert festgestellt.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.04.2019, 16:47 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!