Zürichsee

«Die Raddampfer sind Träger von Erinnerungen und Emotionen»

Die beiden über 100 Jahre alten Raddampfer sind die Aushängeschilder der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). Aber sie sind teuer im Unterhalt. Zweifel an der Zukunft der Dampfschiffe räumt ZSG-Direktor Roman Knecht aber aus.

«Für Dampfschiffe ist der Einsatz auf dem Zürichsee anstrengender als auf anderen Schweizer Seen», sagt ZSG-Direktor Roman Knecht, hier an Bord der «Stadt Rapperswil».

«Für Dampfschiffe ist der Einsatz auf dem Zürichsee anstrengender als auf anderen Schweizer Seen», sagt ZSG-Direktor Roman Knecht, hier an Bord der «Stadt Rapperswil».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 26. Juni ist die «Stadt Rapperswil» plötzlich vor Küsnacht stillgestanden. Und das, nachdem das Schiff wegen einer Unfallhavarie und Folgeschäden fast zwei Jahre ausgefallen war. Für die Fans der Dampfschiffe ist das wie ein Nadelstich ins Herz. Was empfinden Sie, wenn ein Dampfschiff ausfällt?
Roman Knecht: Ich sehe einen solchen Vorfall zunächst weniger emotional. Primär geht es mir beim Ausfall der Raddampfer «Stadt Rapperswil» und «Stadt Zürich» um die sachliche Ebene, nämlich dass wir ab diesem Moment ein Schiff weniger zur Verfügung haben. Ich bin mir aber des emotionalen Werts der beiden Schiffe bewusst. Mir liegen sie auch am Herzen, sie sind schon etwas Besonderes.

Muss man sich Sorgen über die Zukunft der beiden Raddampfer auf dem Zürichsee machen?
Nein! Grund zur Sorge sehe ich keinen. Ich vertraue meinen Leuten. Sie haben die Raddampfer bisher immer wieder in Fahrt gebracht.

Was unterscheidet einen Defekt an einem Dampfschiff gegenüber einem Problem an einem Motorschiff in der ZSG-Flotte?
Wichtig ist zu wissen, dass man sich an die Störungen oder die Probleme der beiden Dampfschiffe herantasten muss. Das geht nicht mit Computeranalyse wie bei einem modernen Auto und Ersatzteilen aus dem Regal, sondern dauert länger. Am Ende muss man vielleicht das defekte Teil aufwendig nachfertigen. Da spielen Erfahrung, Übung und manchmal Glück oder Pech mit. Das gelingt mal besser mal weniger gut, je nach Bauteil.

Wie gross ist das Knowhow in der ZSG zur Wartung der beiden Dampfschiffe?
Mir fehlt ein Vergleich. Aber ich behaupte, das Knowhow bei uns ist gross. Uns kommt zugute, dass wir viele langjährige Mitarbeiter haben und eine integrierte Unternehmung sind mit Personal, das im Winter mit den jeweiligen handwerklichen Berufsausbildungen den Unterhalt besorgt. Das ergibt einen geschlossenen Erfahrungskreis und die Mitarbeitenden sind mit Herzblut dabei.

Auf dem Vierwaldstättersee oder Brienzer-/Thunersee fahren ebenfalls Dampfschiffe: Tauschen die Betriebe technische Erfahrungen aus?
Nein, zumindest nicht im Detail. Jedes Schiff ist ein Unikat und somit nicht vergleichbar. Nicht einmal unsere beiden Dampfschiffe sind identisch gebaut.

Der Revisions- und Reparaturaufwand der Dampfschiffe seit 2010 beläuft sich auf mehrere Millionen Franken: Kann sich das die ZSG leisten?
Wir können uns diesen Luxus leisten – mit der Konsequenz eines schlechten Kostendeckungsgrads (2016: 37 Prozent; Anm.d.Red.). Andere Schifffahrtsunternehmen können den höheren Betriebsaufwand in ihren Ticketpreisen einberechnen, wir nicht. Ein Dampfschiff-Kilometer mit Betriebsstoffen, Personal und inklusive Unterhalt kostet rund dreimal so viel wie ein Motorschiff mit gleicher Passagierkapazität.

Darf man den Dampfschiffen den Dienst im normalen Kursfahrplan noch zumuten?
Das ist eine Glaubensfrage. Man kann in der Gestaltung des Fahplans durchaus Rücksicht nehmen auf die Dampfschiffe. Ihr Einsatz auf dem Zürichsee ist sicher anstrengender als auf anderen Schweizer Seen, weil wir es hier mit kurzen Stationsabständen zu tun haben. Das ergibt eine raschere Abfolge von An- und Ablegemanövern. Diese belasten die Technik.

«Ein Dampfschiff-Kilometer kostet rund dreimal so viel wie ein Motorschiff mit gleicher Passagierkapazität.»Roman Knecht

Sollte man die Dampfschiffe schonen und für weniger Kurse einteilen?
Am liebsten würden wir täglich beide Raddampfer in Betrieb setzen. Die Einteilung ist aus heutiger Sicht aber vor allem eine finanzielle Frage. Wenn ich mit einem Motorschiff die gleiche Kapazität anbieten kann wie ein Schiff mit dreifachen Kosten, dann ist das ein Entscheidungskriterium. Darum setzen wir in der Hauptsaison täglich ein Dampfschiff ein, an speziellen Tagen sind beide unterwegs.

Welche Rolle beim Betrieb der Schiffe spielt der Verein «Aktion pro Raddampfer», der im ZSG-Vorstand Einsatz hat?
Der Verein hat für grosse Revisionen und Umbauten wie 2004 bei der «Stadt Zürich» und 2006 bei der «Stadt Rapperswil» schon wesentliche Summen gespendet. Das ist an Erwartungshaltungen gebunden. Der Verein ist Interessensvertreter für die Dampffreunde und will, dass die Schiffe möglichst oft fahren.

Wie wichtig sind die Raddampfer für die ZSG?
Betrieblich sind sie ein Teil des Schiffsparks, zum anderen sind sie ein emotionaler Bestandteil jeder Flotte. Zu einer richtigen Schifffahrtsgesellschaft gehören für mich Dampfschiffe. Man darf sich fast «von» schreiben, wenn man so ein Relikt in seiner Flotte hat.

Sind die Raddampfer also auch wichtige Werbeträger der ZSG?
Ja, weil es doch faszinierend ist zu sehen, wie eine Dampfmaschine funktioniert, wie sie sich bewegt, dampft und zischt. Das erinnert viele an die Kindheit und ihre Schulreisen. Die Raddampfer sind daher Träger von Erinnerungen und Emotionen. Somit sind sie auch Werbeträger für die ZSG.

Zurück zu den Reparaturkosten: Der Ersatz der Schaufelräder für die «Stadt Rapperswil» kostete 2014 rund 100 000 Franken. Kaum ein Jahr später ging eines bei der Grundberührung vor Hurden erneut kaputt. Wie finanziert die ZSG solche Beträge?
Unsere Schiffe sind versichert. Ungeplante Reparaturkosten aufgrund von Havarien oder Unfällen sind grundsätzlich über diese Versicherung gedeckt. Planmässige Arbeiten an den Schiffen werden in Absprache mit dem Zürcher Verkehrsverbund ZVV budgetiert und finanziert. Ich glaube, es müssten Riesenprobleme vorliegen, um eines oder beide Dampfschiffe stilllegen zu müssen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.07.2017, 15:11 Uhr

Artikel zum Thema

Defekt zwingt Raddampfer erneut in die Werft

Zürichsee Unplanmässig endete am Montag eine Fahrt des Dampfschiffs «Stadt Rapperswil». In Küsnacht mussten die Passagiere auf ein anderes Schiff umsteigen. An Bord waren ausgerechnet die Aktionäre der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Mehr...

Aktionäre kritisieren ZVV für Schiffszuschlag

Zürichsee Schlechtes Wetter, weniger Fahrgäste, ein schwerer Unfall in Küsnacht, ein Dampfschiff ausgefallen: 2016 war kein gutes Jahr für die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Am Montag hat es die Generalversammlung abgehakt. Nur den Unmut über den fünffränkigen Schiffszuschlag legte sie nicht ad acta. Mehr...

Geschichte der Raddampfer

Raddampfer standen schon mehrmals vor der Versenkung

Die Dampfschiffe «Stadt Zürich» (gebaut 1909) und «Stadt Rapperswil» (1914) sind heute die Prunkstücke der ZSG-Flotte. Eine solch hohe Wertschätzung besassen sie aber nicht immer.

Die «Stadt Rapperswil» sollte anfangs 1970 ersatzlos aus dem Dienst genommen werden, weil sie in technisch schlechtem Zustand war. Zudem machte die ZSG damals geltend, dass der Personalbedarf mit acht Mann doppelt so hoch wie bei einem Dieselmotorschiff gleicher Kapazität und für den heissen Maschinenraum kaum noch qualifizierte Mitarbeiter zu finden seien. Eine Erneuerung des Raddampfers hätte rund 2 Millionen Franken gekostet.

Der Verwaltungsrat der ZSG folgte dem Antrag der Direktion, den Raddampfer ausser Dienst zu stellen. Doch das wollte ein Aktionskomitee nicht zulassen und gründete den Verein «Aktion pro Raddampfer». Dessen Zweck: Erhaltung der beiden Dampfschiffe in gutem Zustand und deren häufiger Einsatz.

Grundsatzentscheid 1983

1972 sicherten 200 000 Franken dringende Renovationen der «Stadt Zürich», 1976 ermöglichten ein Dampferfest und Spenden Verbesserungen der beiden Raddampfer. Aber erst 1983 waren sie definitiv gerettet. Damals beschloss der Verwaltungsrat die Erhaltung der Dampfschiffe, nachdem erneut ihre Ausserdiensstellung aus Kostengründen kontrovers diskutiert worden war.
Doch das Bekenntnis zum Erhalt bedeutet seither immer auch die Bereitschaft zum Unterhalt der alten und bei Reparaturen teuren Technik. Es gibt zwar noch die alten Baupläne aber nicht alle Umbauten und Reparaturen in der über hundertjährigen Geschichte der Schiffe wurden dokumentiert. Die meisten Ersatzteile müssen anhand des Originals ausgemessen und individuell neu angefertigt werden.

«Stadt Zürich»
2004: Umbau (1,7 Millionen Franken).
2010: Bruch eines Schaufelrads vor Erlenbach (Materialermüdung).
2011/2012: Revision mit 12 000 Arbeitsstunden (2 Millionen Franken).
Im Juli 2012 sollte das Schiff wieder in Betrieb genommen werden, doch technische Probleme (starkes Klopfen der Maschine) verhinderten dies. Der Raddampfer fiel die ganze Saison aus.
2013: Totalrevision; Klopfgeräusche minimiert.
2016: Antrieb justiert, Vibrationen und Klopfgeräusch komplett eliminiert.

«Stadt Rapperswil»
2006: Umbau (2,05 Millionen Franken).
2012: Bruch eines Schaufelrads vor Richterswil (Materialermüdung).
2014: Neue Schaufelräder (circa 200 000 Franken).
17. Juli 2015: Das Dampfschiff wird vor Hurden von einer Sturmbö erfasst läuft auf eine Sandbank auf – Ende der Saison wegen kaputtem Schaufelrad Backbord, Welle und Teile der Maschine (350 000 Franken).
2016: Ausfall für ganze Saison wegen Druckverlusts (Kolbenringe im Hochdruckzylinder).
2. April 2017: Wiederinbetriebsetzung.
26. Juni 2017: Fahrtabbruch in Küsnacht wegen gesprungenem Glas im Flammwächter des Brenners – drei Tage Ausfall. (di)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.