Kilchberg

«Die Mädchen tragen ab jetzt Kopftücher und Röcke»

Ronie Bürgin vom Komitee «Hier zuhause» steht in Kontakt mit der ausgeschafften tschetschenischen Familie M. Seine Tochter ist die beste Freundin der zwölfjährigen Marha M. Die Familie sei erschöpft, traurig und habe Angst, weiss Bürgin.

Heute vor einer Woche schossen die beiden Töchter der Familie M., Marha (vorne links) und Linda (vorne rechts), bei einer privaten Abschiedsfeier dieses Selfie.

Heute vor einer Woche schossen die beiden Töchter der Familie M., Marha (vorne links) und Linda (vorne rechts), bei einer privaten Abschiedsfeier dieses Selfie. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Bürgin, wo befindet sich die sechsköpfige Familie M. jetzt?
Ronie Bürgin: Nach einer 35-stündigen Busfahrt ab Moskau nach Grosny ist die Familie jetzt in einer Stadt in der Nähe von Grosny angelangt. Sie befindet sich in einer Wohnung, die aber noch nicht eingerichtet ist.

Weshalb hat sich Familie M. für diesen Ort entschieden?
Sie kann nicht in das Dorf zurück, aus dem sie stammt, das Risiko wäre zu gross. Sie wohnt jetzt in der Nähe von Verwandten, den Grosseltern der Kinder.

Wie geht es der Familie?
Als wir das letzte Mal von ihnen gehört haben, ging es ihnen den Umständen entsprechend. Sie sind erschöpft, traurig und haben Angst davor, dass die Regierung den Vater verhaftet. Die Familie hätte keine Möglichkeit, irgendwohin zu reisen. Sie hat ein mehrjähriges Einreiseverbot in den ganzen Schengen-Raum. Und wenn nur der Vater flüchtet, müsste womöglich der älteste Sohn Anvar Repressionen fürchten.

Ist es nicht ein Risiko, dass die Familie so nah an ihren Herkunftsort zügelt?
Das ist für mich auch schwierig nachvollziehbar. Sie hoffen wohl auf den Rückhalt der Familie, falls der Vater wieder verhaftet wird.

Gibt es jemanden, der die Familie an ihrem neuen Wohnort unterstützt?
Wir vom Komitee haben zusammen mit der reformierten Kirche Kilchberg alles Nötige organisiert. Das Hotel in Moskau, die Busfahrt nach Grosny und die Wohnung. Ausserdem haben wir eine private Kontaktperson eta­bliert, die in Grosny lebt.

Ihre elfjährige Tochter Melanie ist die beste Freundin der zwölfjährigen Marha. Wie verkraftet sie das Ganze?
Nicht so gut. Aus meiner Sicht als Vater hat das damit zu tun, wie die Ausschaffung abgelaufen ist. Für sie ist es unbegreiflich und ungerecht, dass eine Freundin der Gesellschaft auf diese Weise entrissen wird. Mit dieser Form unseres Staates in Kontakt zu kommen, ist ein Erlebnis, das ihr zu schaffen macht. Es ist nicht einfach so, dass eine Freundin an einen anderen Ort zügelt. Sie zieht an einen Ort, von dem man viel Schlechtes hört und der es schwierig macht, in Kontakt zu bleiben.

Besonders die Mädchen werden sich in der islamisch geprägten Republik an eine andere Lebensweise gewöhnen müssen.
Ja, sie werden keine kurzen Hosen mehr tragen können. Ab jetzt tragen die Mädchen Kopftücher und Röcke, das wird in Tschetschenien behördlich kontrolliert. Sie haben deshalb auch sämtliche Hosen in Kilchberg ­gelassen und nur gerade für die Reise welche angezogen.

Die Mädchen werden vorerst nicht zur Schule gehen können, weil ihre Russischkenntnisse zu gering sind. Nehmen sie Sprachkurse?
Ja, das haben wir auch organisiert. Anvar, der 15-jährige Sohn, kann natürlich ein wenig Russisch. Aber Marha, die elfjährige Linda und der vierjährige Mansur sprechen gar kein Russisch, nur Tschetschenisch.

Die Mädchen sprachen davon, Ärztinnen zu werden ...
Sie lagen schulisch über dem Durchschnitt, und Marha wäre sicher eine Kandidatin für das Gymnasium gewesen. Jetzt hängt natürlich alles davon ab, wie sie sich in Tschetschenien eingewöhnen und wie das Schulsystem dort ist.

Anvar ist jetzt 15 Jahre alt und müsste sich in der Schweiz bald für eine Lehre entscheiden. Was geschieht mit ihm in Tschetschenien?
Um ihn machen wir uns grosse Sorgen. Es sieht so aus, wie wenn er auch nochmals in die Schule müsste. Er hatte es auch in der Schweiz schwer, was einerseits mit der Pubertät zusammenhängt, andererseits damit, dass er sich seit fast acht Jahren mit Flucht beschäftigen muss. Er hat sich sehr zurückgezogen, hatte sehr hoffnungslose Phasen und wurde schulisch eng betreut.

Werden Sie Familie M. in Tschetschenien besuchen?
Natürlich haben wir vor, die Familie in Tschetschenien zu besuchen. Was für uns aber als Allererstes im Zentrum steht, ist, ein Härtefallgesuch zu stellen. Parallel dazu halten wir den Kontakt zur Familie, damit wir wissen, wie es um sie steht. Eine Reise nach Tschetschenien ist sehr gefährlich und müsste natürlich gut organisiert sein, denn das EDA stuft Tschetschenien als Hochrisikogebiet ein. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.06.2016, 18:52 Uhr

Ronie Bürgin: «Was wir als Erstes versuchen wollen, ist, ein Härtefall­gesuch zu stellen.» (Bild: zvg)

Kilchberg

Linke Parteien kritisieren Ausschaffung tschetschenischer Familie

Familie M. lebte viereinhalb Jahre in Kilchberg und galt als gut integriert. Vergangenen Donnerstag wurde sie nach Tschetschenien ausgeschafft, denn ihr Asylgesuch war durch alle Instanzen gescheitert.

Die Kommunikation des Regierungsrats über diese Rückkehr und die Art, in der sie erfolgte, stösst den linken Parteien sauer auf. Von «freiwilliger Rückkehr», wie der Regierungsrat geschrieben habe, könne «keine Rede» sein, kritisierten die Grünen und die AL in einer Fraktionserklärung, die sie ­gestern im Kantonsrat verlasen.
Nach der Ausschaffung meldeten sich auch die SP des Kantons Zürich und des Bezirks Horgen zu Wort, kritisierten das Asylgesetz und äusserten ihre Betroffenheit. Dass der «Mahnfinger der Kirche» nötig sei, um eine einigermassen verhältnismässige Ausschaffung durch­zuführen, entspreche einer «Entmenschlichung der aus­führenden Organe», schreibt die Bezirks-SP. Von anderen SP-Exponenten wurde Kritik an SP-Sicherheitsdirektor ­Mario Fehr laut.

Die Kommunikationsabteilung der Sicherheitsdirektion äussert sich auf Anfrage jedoch nicht zur Kritik an Fehr und verweist für rechtliche Fragen ans Staatssekretariat für Migration (SEM). (rau)

Artikel zum Thema

Tschetschenische Familie ausgeschafft

Kilchberg Die tschetschenische Familie, die seit viereinhalb Jahren in Kilchberg wohnt und den Ausschaffungsentscheid erhalten hat, ist am Donnerstag nach Russland zurückgekehrt. Freiwillig, wie die kantonale Sicherheitsdirektion sagt. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!