Wädenswil

Die Tage der Wädenswiler Kirchenbänke sind gezählt

Die reformierte Kirchgemeinde erteilt der Entfernung von 16 Kirchenbänken aus der Grubenmann-Kirche ihren Segen. Für manche Wädenswiler hätten es weniger sein können.

Die Entfernung der Kirchenbänke in der Grubenmannkirche sorgte erneut für Diskussionen.

Die Entfernung der Kirchenbänke in der Grubenmannkirche sorgte erneut für Diskussionen. Bild: Archiv Moritz Hager

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Das Schicksal der Kirchenbänke ist besiegelt. Aus der über 250-jährigen, reformierten Grubenmann-Kirche im Zentrum von Wädenswil werden 16 Bankreihen entfernt. Das entschied am Dienstagabend die Kirchgemeindeversammlung nach einer belebten Diskussion.

Mit dem Entscheid findet jene Debatte ein Ende, die 2017 ihren Anfang nahm. Damals wurden im Rahmen des 250-Jahr-Jubiläums der Grubenmann-Kirche die Bänke seeseits links und rechts des Taufsteins für ein Jahr entfernt. Der entstandene Platz nutzten die Wädenswiler für verschiedene neue Formen von Gottesdiensten wie Family Church, meditatives Kreistanzen oder Talk-Gottesdienste. Allesamt Anlässe, die auch kirchenferne Personen angesprochen hatten.

Gegründet hatte sich daraufhin die Interessengemeinschaft Freiraum Kirche, welche die Bänke dauerhaft aus dem Gebäude entfernt haben wollte. Die Kirchenpflege erarbeitete zusammen mit der kantonalen Denkmalpflege eine Lösung: Je acht Bankreihen links und rechts des Taufsteins für zehn Jahre zu entfernen und mit einem beheizbaren Podest zu ersetzen. So entsteht ein Freiraum von bis zu 100 Quadratmetern. Die Kosten belaufen sich auf 125000 Franken. Bereits im letzten Dezember hiessen die Wädenswiler Reformierten den Antrag gut. Wegen eines Rekurses wurde die Abstimmung jedoch annulliert. Der Präsident der Kirchenpflege trat daraufhin zurück.

Am Dienstagabend bahnte sich nun erneut eine Entscheidung an. An der ausserordentlichen Versammlung in der Grubenmann-Kirche selbst begrüsste der neue Präsident Urs Hanselmann 202 Stimmberechtigte. Diese mussten nicht nur abstimmen, ob sie die Bänke aus der Kirche entfernen wollen oder nicht, sondern auch, wie viele es sein sollen. Bereits vor der Abstimmung stand dem Antrag der Kirchenpflege von 16 Bänken, ein zweiter gegenüber. Die Arbeitsgruppe «Aus Liebe zu unserer Kirche» wollte nur drei Bänke links und rechts des Taufsteins, also insgesamt sechs Gestühle entfernt haben. Kurz vor der Versammlung erreichte den Präsidenten noch ein dritter Antrag. Dieser sah ebenfalls vor, nur sechs Bänke zu entfernen, allerdings lediglich für eine Dauer von drei statt zehn Jahren.

«Wir brauchen Platz»

Nacheinander trugen die drei Antragsteller ihre Argumente vor. Für die Kirchenpflege sprach Pfarrer Ernst Hörler. «Die reformierte Kirche steht im Wandel», sagte er. Viele Kirchgemeinden würden fusionieren, was manche Kirche überflüssig mache. Die leerstehenden Gebäude könnten dann zweckfremd genutzt werden. «Was im Ausland schon der Fall ist, wird es in den nächsten zehn Jahren auch im Bezirk Horgen geben», prophezeite er. Eine belebte Kirche könne dies verhindern. «Und dafür brauchen wir Platz.»

«Was im Ausland schon der Fall ist, wird es in den nächsten zehn Jahren auch im Bezirk Horgen geben.»Pfarrer Ernst Hörler

Ernst Hörler ging auch auf diverse Kritikpunkte ein, die in den letzten Monaten moniert wurden. So bestand die Befürchtung, dass sich mit weniger Bänken die Akustik im Kirchenraum verschlechtern würde. «Wir haben dies mit einer Fachperson abgeklärt», sagte Hörler. Die Akustik werde sich nur gering verändern und sei vertretbar. Auch eine Umfrage bei Musikvereinen im Jahr 2017 habe gezeigt, dass diese mit weniger Bänken zufrieden seien.

Hörler widersprach auch der Kritik, dass die Grubenmann-Kirche zu einem Eventbetrieb würde. «Alle Veranstaltungen hatten einen gottesdienstlichen Charakter», sagte er. Das Gotteslob könne in verschiedenen Formen erfolgen. «Auch Tanzen kann eine Art von Gottesdienst sein.» Hörler versicherte zudem, dass nach wie vor klassische Gottesdienste bestehen würden. «Wir sind keine Gruppe von Leuten, die alles umkrempeln und neu machen wollen. Nichts von dem, was heute möglich ist, wird später nicht mehr möglich sein», sagt er.

Alternative Ideen

Die Gruppe «Aus Liebe zu unserer Kirche» war durch Kunsthistoriker Andreas Hauser vertreten. «Wir sind nicht gegen einen grösseren Freiraum», sagte er. «Wir wollen aber einen kleineren als die Kirchenpflege.» Die Lösung mit 16 Bänken fand Hauser nicht ideal. «Für grosse Konzerte braucht es nach wie vor eine Bühne und kleine Veranstaltungen wirken auf dem riesigen Podest verloren», argumentierte er. Die Gruppe wollte daher nur sechs Bänke entfernen, was eine Fläche von 55 Quadratmetern schaffen würde. «Hierfür bräuchten wir auch kein Podest und die Variante wäre daher günstiger.»

Den dritten Antrag reichte Manuel Epprecht ein. Auch für ihn war es zu viel, 16 Bänke für zehn Jahre zu entfernen. «Was ist das richtige Tempo, damit sich alle mit dem neuen Kirchenraum identifizieren können?», fragte er. Er schlug vor, sechs Bänke nur für drei Jahre zu entfernen. «Machen wir statt einem grossen Schritt für zehn Jahre, lieber einen ersten kleinen für die nächsten drei Jahre», sagte er. So werde niemand abgehängt und bleibe unzufrieden zurück.

Das Thema Denkmalpflege

In der anschliessenden Diskussion meldeten sich zahlreiche Wädenswilerinnen und Wädenswiler zu Wort. Eines der grossen Themen war die Denkmalpflege. Diese hielt bei der Prüfung fest, dass sich das Entfernen von 16 Bänken «beeinträchtigend auf die innenräumliche Erlebbarkeit des Kirchenraums» auswirkt. Dies könne aber «im Sinne eines Entgegenkommens wegen sich verändernder Bedürfnisse der Kirchgemeinde» hingenommen werden.

«Was ist das richtige Tempo, damit sich alle mit dem neuen Kirchenraum identifizieren können?»Manuel Epprecht

Ein Votant stellte die Frage, ob die Denkmalpflege auch eine Entfernung von sechs Bänken befürworten würde. Laut Ernst Hörler wurde auch diese Variante besprochen. Die Denkmalpflege habe aber kritisiert, dass so das Kreuz, das die beiden Gänge in der Kirche bilden, nicht mehr sichtbar sei. «Es müssten neue Verhandlungen geführt werden», sagte er.

Urnenabstimmung beantragt

Letztlich war der Ausgang der Abstimmung eine klare Sache. Die Variante der Kirchenpflege erhielt mit Abstand am meisten Stimmen. Die Wädenswiler Reformierten entschieden sich mit 174 Ja-Stimmen zu 30 Gegenstimmen bei einer Enthaltung für die Entfernung von 16 Bänken. Ein Mitglied der Kirchgemeinde wollte die Abstimmung zum Schluss noch an die Urne bringen. Der Antrag scheiterte am nötigen Mehr.

Die Tage der Kirchenbänke sind nun gezählt. Angst vor dem Holzschredder müssen sie jedoch keine haben. Die Bänke werden in der Au zwischengelagert. Schliesslich könnten sie in zehn Jahren wieder in die Grubenmann-Kirche zurückkommen.

Erstellt: 26.06.2019, 00:27 Uhr

So soll es in der Grubenmannkirche dereinst aussehen, wenn die Kirchgemeindeversammlung der Entfernung von 16 Bankreihen zustimmt. Dort wo die Bänke jetzt stehen wird ein hölzernes Podest geschaffen. (Bild: Visualisierung / pd)

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