Horgen

Die Horgner Papierfabrik ist plötzlich pleite

Nach dem Konkurs bleiben viele Fragen: Wer zahlt für die Altlastensanierung im See? Und wo ist das Geld aus dem Verkauf des ehemaligen Fabrikareals hingeflossen? Eine Spurensuche.

Die «Beach Houses» stehen auf einer kleinen Parzelle der ehemaligen Papierfabrik. Alleine für dieses damals unbebaute Grundstück flossen 2010 1,5 Millionen Franken. Foto: M. Matt

Die «Beach Houses» stehen auf einer kleinen Parzelle der ehemaligen Papierfabrik. Alleine für dieses damals unbebaute Grundstück flossen 2010 1,5 Millionen Franken. Foto: M. Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Papierfabrik Horgen Holding AG ist seit wenigen Tagen zahlungsunfähig. Der Zeitpunkt des Konkurses ist brisant: Vor wenigen Wochen hatte das Bundesgericht nämlich entschieden, dass die Firma für die Sanierung der Papierschlammablagerung im Zürichsee aufkommen muss. Das Zürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) verlangte von der «Papiiri» eine Sicherheitsleistung von 8,55 Millionen Franken. Diese Forderung scheint der Papierfabrik-Holding das Genick gebrochen zu haben.

Wie aus dem Urteil des Bundesgerichts hervorgeht, wurden von 1947 bis zum Anschluss an die Abwasserreinigungsanlage 1963 papierschlammhaltige Abwässer in den Zürichsee entsorgt. Die Firma selbst war schon länger nicht mehr operativ tätig. 2006 wurde der Betrieb der Fabrik eingestellt, 2010 wurde das Areal an die Immobiliengesellschaft Specogna veräussert. 2016 beschloss man, die Firma aufzulösen. Jetzt folgt wie aus dem Nichts der Konkurs.

Die Papierfabrik auf einer Luftaufnahme im Jahr 1974. Foto: ETH Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz

Ein Treuhänder kennt alle Antworten

Seit vielen Jahren an Bord der Papierfabrik ist ein Treuhänder aus dem Kanton Solothurn. Er wirkte nach der Schliessung der Fabrik etwa im Verwaltungsrat, dann als Liquidator. Er kann also Licht ins Dunkel bringen, warum die Firma jetzt, wo es um die Zahlung von Millionenbeträgen an den Kanton geht, plötzlich konkursit ist. Auf Anfrage dieser Zeitung gibt sich der Treuhänder äusserst wortkarg, nur einmal rutscht ihm am Telefon ein unverblümtes Wort über die Lippen: «Der Firma geht es beschissen.»

«Der Firma geht es beschissen.»Treuhänder Papierfabrik Horgen

Konkret erklärt sich der Konkurs so: Die Papierfabrik musste eine sogenannte Überschuldungsanzeige einreichen, weil die offenen Forderungen durch die vorhandenen Finanzmittel nicht mehr gedeckt werden können. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Urteil des Bundesgerichts? Der Treuhänder sagt: «Das kann sein.» Er schiebt dann aber dennoch eine Erklärung nach, auch wenn es aufgrund des laufenden Konkursverfahrens äusserst schwierig sei, Auskunft zu geben: «Unser Rechtsberater ging davon aus, dass wir den Prozess gewinnen werden.» Deshalb habe man die Forderung des Kantons auch nicht in der Bilanz der Firma aufgeführt.

Zu wenig hohe Rückstellungen gemacht

Nun, nach dem Urteil der Lausanner Richter, hat sich diese Situation geändert. Die Papierfabrik wurde so zahlungsunfähig. Die Papierfabrik hatte für die Seegrundsanierung laut der Jahresrechnung 2016 nur ungenügende Rückstellungen in der Höhe von 1,96 Millionen Franken getätigt, laut dem Bundesgericht hatte die Firma noch 2,1 Millionen Franken auf dem Konto. Also rund 6,5 Millionen Franken weniger, als der Kanton für die Sicherheitsleistung erhalten sollte.

Dass eine Firma, die längst ihren Betrieb eingestellt hat, irgendwann nicht mehr genügend Geld in der Kasse hat, ist per se nicht überraschend. Bei der Papierfabrik aber ist die Situation etwas anders. 2010 verkaufte die Holding ihre Grundstücke an privilegierter Seelage an die Immobilienfirma Specogna: ein Millionendeal mit vielen Fragezeichen.

Wo ist das Geld aus dem Landverkauf?

Wie viel der Verkauf nämlich genau einbrachte, darüber hüllten sich die Beteiligten stets in Schweigen. Recherchen dieser Zeitung zeigen aber, dass der Betrag deutlich in zweistelliger Millionenhöhe liegen dürfte. Ein Indiz dafür ist der Verkaufspreis einer kleinen Restparzelle, die heute von schicken «Beach Houses» gesäumt ist. Alleine dieses Grundstück mit rund 820 Quadratmetern Fläche wechselte im Jahr 2010 für 1,5 Millionen Franken den Besitzer, wie aus einem Handelsregisterauszug hervorgeht. Das Hauptgrundstück mit der heutigen 24 Wohnungen umfassenden «Papiiri-Siedlung» liegt nicht nur privilegierter, es ist auch mehr als zehnmal grösser – umso höher dürfte also auch der Verkaufspreis gewesen sein.

Das Grundstück für die «Beach Houses» wurde für 1,5 Millionen Franken verkauft. Foto: Manuela Matt

Wo ist heute dieses Geld? Diese Frage stellten sich schon die Gerichte. Der Solothurner Treuhänder kann oder will diese Frage nicht beantworten. Er sagt nur, es sei «sicher nichts böswillig passiert». Zugleich fügt er an, die Papierfabrik Horgen Holding AG sei selbst noch auf der Suche nach Geld. Ein ehemaliger Verwaltungsrat schulde der Firma nämlich noch Geld: 11 Millionen Franken.

Mussten frühere Schulden abbezahlt werden?

Dass die Einnahmen aus dem Immobiliendeal augenscheinlich nichts direkt mit der Forderung an die Adresse des ehemaligen Verwaltungsrates zu tun haben können, belegen diverse Unterlagen, welche dieser Zeitung vorliegen. 2007 wurde der Verwaltungsrat aus der Führungsetage der Papierfabrik «abgewählt», 2008 schlossen die beiden Seiten einen Vergleich über ausstehende Summen – erst im Dezember 2010 wurden aber die Grundstücke verkauft. Der Treuhänder sagt dazu: «Es kann sein, dass man früher Schulden gemacht hat, die man abzahlen musste.»

«Es kann sein, dass man früher Schulden gemacht hat, die man abzahlen musste.»Treuhänder Papierfabrik Horgen

Der beschuldigte Verwaltungsrat seinerseits schlägt zurück. Es handle sich bei den 11 Millionen Franken um eine reine «Schutzforderung» der Firma, das Verfahren rund um die Forderungen sei noch hängig. Er selbst sei damals aus dem Verwaltungsrat gedrängt worden und sei zum Zeitpunkt der Landverkäufe längst nicht mehr an Bord gewesen. Bei beiden Seiten wird in den Gesprächen spürbar: Auch Jahre später ist das Verhältnis angeknackst, man ist nicht gut auf sich zu sprechen.

Wer bezahlt jetzt die Sanierung des Seegrunds?

Der vom Bezirksgericht Horgen eröffnete Konkurs ist noch nicht rechtskräftig, dagegen rekurrieren werde man aber nicht, sagt der Treuhänder der Papierfabrik. Damit muss das Konkursamt in den kommenden Wochen das Konkursverfahren an die Hand nehmen. Der Konkursverwalter hat die Aufgabe, zu schauen, ob man bei der Firma noch zu Geld kommt und wie man es unter den Gläubigern verteilt.

Eher unwahrscheinlich erscheint es heute also, dass die konkursite Papierfabrik für die Altlastensanierung aufkommen kann, die sie zu 90 Prozent tragen sollte. Die Sanierung des Seegrunds ist notwendig, weil sich in der Papierschlammablagerung Schwermetalle und weitere bedenkliche Stoffe befinden. Die verschmutzte Fläche beträgt im See rund 25000 Quadratmeter, was etwa dreieinhalb Fussballfeldern entspricht. Der Kanton deutete nach dem Bundesgerichtsurteil an, dass der Steuerzahler für die Sanierung aufkommen muss, falls der Verursacher die notwendigen Mittel dafür nicht aufbringen kann. Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft konnte am Donnerstag zu den jüngsten Entwicklungen noch keine Stellung nehmen.

«Private streichen die Gewinne ein, und die Allgemeinheit bleibt auf den Kosten sitzen. Das ist stossend.»Markus Uhlmann, Gemeinderat Horgen

Bei der Gemeinde Horgen, die ebenfalls Teil des Rechtsverfahrens gegen die Papierfabrik war, reagiert der zuständige Gemeinderat und Tiefbauvorsteher Markus Uhlmann (GLP) überrascht auf den Konkurs, «auch wenn er irgendwie in der Luft lag». Uhlmann erkennt ein Muster im Fall, das in der Wirtschaftswelt immer wieder auftauche: «Private streichen die Gewinne ein, und die Allgemeinheit bleibt auf den Kosten sitzen. Das ist stossend.»

Erstellt: 01.11.2019, 07:21 Uhr

Artikel zum Thema

Millionenstreit um Schlamm im See: Bundesgericht bittet Papierfabrik zur Kasse

Zürichsee Die ehemalige Papierfabrik Horgen hat den Zürichsee verschmutzt. Nun hat auch das Bundesgericht entschieden, dass die Firma für die Behebung des Papierschlamms aufkommen muss. Mehr...

Papierfabrik blitzt schon wieder vor Gericht ab

Horgen Die ehemalige Papierfabrik Horgen hat den Zürichsee verschmutzt. Das Verwaltungsgericht hat entschieden, dass die Firma die Behebung des Papierschlamms selber bezahlen muss. Mehr...

Vor der Papierfabrik liegen grosse Mengen Altlasten im See

Horgen Der Boden des Zürichsees vor dem ehemaligen Areal der Papierfabrik ist massiv verschmutzt. Jahrelang wurde mit Erlaubnis der Behörden Papierschlamm in den See geleitet. Der Kanton fordert nun Geld von der Nachfolgefirma für die Altlastensanierung. Das Baurekursgericht stützt die Behörden. Mehr...

Einigkeit über Schadstoffsanierung am rechten Seeufer

Ohne Gerichtsverfahren geht die Altlastensanierung des Zürichsees in Uetikon über die Bühne. Der Seegrund vor der ehemaligen Chemischen Fabrik ist auf einer Fläche von rund 77500 Quadratmetern schwerst kontaminiert. Die Schadstoffe sollen zwischen 2021 und 2023 vom Grund entfernt werden. Die Kosten von rund 40 Millionen Franken teilen sich der Kanton zu zwanzig Prozent und die CPH Chemie + Papier Holding zu achtzig Prozent. Der Kanton hat sich abgesichert, dass die CPH dieser Verpflichtung auch nachkommt. Für den Kauf des Fabrikareals, wo unter anderem die neue Kantonsschule entstehen soll, überwies der Kanton der CPH erst 20 Millionen Franken. Die übrigen 32 Millionen des Kaufpreises behalten die Behörden zurück, bis der See sauber ist. (ckn)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!