Richterswil

Die Hölle hinter dem Magnolienbaum

Kurt Treichler war vier Jahre alt, als er 1945 in das Richterswiler Waisenhaus kam. Erst zehn Jahre später konnte er den Ort verlassen. Der ZSZ erzählt er, was es bedeutet, als Kind Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen zu werden.

Im Richterswiler Waisenhaus an der Seestrasse wurden früher im Zuge der Schweizer Sozialpolitik 304 Mädchen und Buben versorgt.

Im Richterswiler Waisenhaus an der Seestrasse wurden früher im Zuge der Schweizer Sozialpolitik 304 Mädchen und Buben versorgt. Bild: Sabine Rock

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Ein durchzogener Apriltag: Auf dem See kräuseln sich die Wellen, die Glarner Alpen scheinen glasig, ein biesiger Wind zieht durch die Kleider der Spazierenden. Kurt Treichler geht mit forschem Schritt dem Seeweg entlang. Seinen 78 Jahren zum Trotz läuft er, durchschnittlich 100 Kilometer im Monat. Bei ihm zu Hause in Zürich, im Oberland oder wie heute dem See entlang. Doch die Strecke zwischen Wädenswil und Richterswil ist besonders. Seeaufwärts, kurz nach der Ortsgrenze erscheint auf der Höhe des Mülenen-Areals das ehemalige Richterswiler Waisenhaus.

Zehn Jahre seines Lebens verbrachte Treichler an diesem Ort. Er war eines von 304 Kindern, die hier von 1909 bis 1962 versorgt wurden.

Jeden Tag arbeiten

Über eine schmale Strasse gelangt man zum Gebäude an der Seestrasse. Heute wohnen hier jene Menschen, die Asyl beantragen. Es ist ein ansehnlicher Bau mit grossem Garten, in der Einfahrt steht ein Magnolienbaum. «An den mag ich mich gut erinnern. Jeden Tag mussten wir die Blätter fein säuberlich zusammentragen», bemerkt Kurt Treichler, «Wehe, es lag am Ende noch etwas rum, das hat der Heimleiter nicht durchgehen lassen.»

Arbeit, das ist etwas vom Ersten, das ihm in den Sinn kommt, wenn er an die Zeit im Heim zurückdenkt. Egal welcher Wochentag, welches Wetter: immer musste gearbeitet werden. Die Kinder mussten den Garten bewirtschaften, das heisst jäten, Gemüse pflanzen, die Beete umstechen. Schluss war erst, wenn es Abendessen gab. Auch die Kleinen hatten mitzuhelfen.«Im Winter war es etwas besser», sagt Treichler, «da gab es nur die Arbeiten im Haus». Wäsche waschen, putzen, das Heim in Schuss halten.

Solche Heime, wie das in Richterswil, gab es in der ganzen Schweiz. Die Fremdplatzierung von Kindern war Teil der Schweizer Sozialpolitik. Sie betraf mehrere zehntausend Personen, deren Herkunft oder Lebensstil nicht den damaligen Normen entsprach. Behörden platzierten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1981 Erwachsene und Kinder auf Bauernhöfen, in Pflegefamilien oder Heimen. Dabei waren längst nicht alle Waisen, viele von ihnen entstammten Familien, wie jener von Kurt Treichler.

Die Aussätzigen im Dorf

Treichler ist 1941 in Richterswil in schwierigen Verhältnissen zur Welt gekommen. Alkohol, Gewalt; irgendwann floh die Mutter mit den zwei Kindern zu ihrer Schwester. Doch das Geld fehlte, so entschied sie sich, die beiden fremd zu platzieren. Treichlers Schwester kam zu Pflegefamilien und der vierjährige Kurt ins Waisenhaus.

An die Zeit bei den Eltern hat er kaum Erinnerungen – denkt Kurt Treichler an seine Kindheit zurück, denkt er an das Waisenhaus.

«Wehe, es lag am Ende noch etwas rum, das hat der Heimleiter nicht durchgehen lassen.»Kurt Treichler

«Wir waren circa zwölf Buben in einem Schlafsaal, Bett an Bett wie in einer Kaserne. Die Mädchen schliefen in einem anderen Zimmer» erinnert sich Treichler. Jeden Morgen mussten sie auf Kommando aufstehen, nach dem Frühstück das Bett ordentlich herrichten.«Eine militärische Erziehung.» Treichler erlebte zwei Heimeltern: das erste Ehepaar sei ihm wohlgesonnen gewesen. Der Heimleiter, der das Haus übernahm als Kurt Treichler neu war, habe ein strenges Regime geführt. Es galt Gehorsam: Wer nicht folgte, wurde bestraft. Treichler sagt, ihn habe es nie getroffen. Dennoch musste er zuschauen, wie die anderen Mädchen und Buben schon für die kleinsten Ungeschicklichkeiten mit Gewalt gezüchtigt wurden.

Noch immer steht Treichler im Vorgarten. «Es ist speziell jetzt hier zu sein», bemerkt er, mehr sagt er dazu nicht. Zeit weiterzuziehen, der Seestrasse entlang ins Dorfzentrum. Dabei kommt die Erinnerung an den alten Schulweg zurück. Jeden Tag liefen sie ins Töss-Schulhaus. Im Winter kriegten sie den Kuhnagel und rissige Hände vor Kälte und den dürftigen Kleidern, im Sommer gingen sie barfuss. Die Kinder aus dem Waisenhaus, die mit den dreckigen Füssen. «Wir waren die Aussätzigen: Die anderen wollten nichts mit uns zu tun haben», sagt Treichler.

Auch Schikane gehörte zum Heimleben, abhängig von der Laune des Heimleiters. Kurt Treichler musste nach der Arbeit draussen sämtliche Schuhe putzen und jeden Mittag die Pfannen abwaschen. In der Schule schlief er vor Erschöpfung ein. Als das der Lehrer bemerkte, zitierte er ihn nach vorne und erteilte ihm eine derartige Ohrfeige, dass es ihn mitsamt der Tafel auf den Boden warf. Im Heim interessierte das niemanden, Kartoffeln mussten aus dem Boden gezogen werden. Liebe und Nähe, das gab es nicht.

Weitreichende Folgen

Das Ziel des Spaziergangs ist ein Café. Für die anderen Gäste wird Treichler viel jünger wirken als 78. Er sieht sportlich aus, durch das viele Laufen hat er schon im April eine gesunde Bräune. Beim Erzählen drückt er sich überlegt aus, korrigiert auch kleine Fehler sofort. Das Erinnern falle ihm zum Teil schwer, manches habe er vergessen, über anderes will er nicht reden.

Er spricht ohne Wut und wählt dennoch klare Worte, um die Zeit im Heim zu beschreiben: «Es war die Hölle.» Das gilt für ihn vor allem bezüglich der verpassten Chance auf angemessene Bildung. Für die Lehrer, die Heimleitung, die Behörden und Ausschüsse hatte die schulische Förderung der Kinder keine Priorität. «In deren Augen waren wir für nichts zu gebrauchen, ausser zur Arbeit», sagt Treichler. «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es hiess, ‹schlag ein Buch auf›, oder jemand nach den Hausaufgaben fragte.» Die Folgen davon waren schlechte schulische Leistungen und ein kaum vorhandenes Selbstbewusstsein.

«Sobald jemand das Thema Kindheit ansprach, war ich wie auf Nadeln und lenkte sofort das Gespräch um.»Kurt Treichler

Seine Rettung war, dass er mit 14 Jahren durch Einwirken der vormaligen Heimeltern in ein Engadiner Internat wechseln konnte. «Dort musste erst mal meine harte Schale geknackt werden: Ich war verschlossen, abweisend, liess niemanden an mich heran.» Bis eines Tages ein Lehrer zu ihm sagte, er sei ja gar nicht auf den Kopf gefallen, sondern ziemlich intelligent. «Das hat mich kalt erwischt, noch nie hatte jemand sowas zu mir gesagt», erinnert sich Treichler.

Bis heute könne er mit Lob nur schlecht umgehen. Mache ihm jemand ein Kompliment, gehe ihm das direkt unter die Haut. Die Aufmerksamkeit zeigte Wirkung: in Richterswil hatte er den Übertritt in die vierte Klasse nicht geschafft, im Engadin schrieb er plötzlich 5er und 6er. Auch körperlich schoss er einen halben Meter in die Höhe.

Ausradiert konnten die zehn Jahre Heim aber nicht werden. Rechtsanwalt oder Ingenieur, das wäre Treichler gerne geworden. «Ich habe mir grosse Mühe gegeben, doch aufholen konnte ich die Lücke und das Wissen, das die anderen hatten, nicht.»

Vom Bund anerkannt

Doch trotz der Widrigkeiten machte Treichler Karriere: Er schloss eine Lehre ab, war Fourier im Militär, arbeitete als kaufmännischer Angestellter für verschiedene Firmen im In-und Ausland und bestand mit 62 die Prüfung zum Zugchef der SBB. Der Kontakt zur Familie aber konnte nie wieder aufgebaut werden. Den Vater mied er, Mutter und Schwester blieben zeitlebens ferne Bekannte. Selber zu heiraten und eine Familie zu gründen kam für Treichler nie infrage. «Wenn es nicht gehalten hätte, dann wäre ich ja nicht besser gewesen als mein Vater.»

Die Zeit im Heim hat er lange für sich behalten: «Sobald jemand das Thema Kindheit ansprach, war ich wie auf Nadeln und lenkte sofort das Gespräch um.» Scham und die Angst vor Stigmatisierung hielten ihn davon ab. Geändert hat sich seine Einstellung, als das Thema in den letzten Jahren immer mehr in der Öffentlichkeit besprochen wurde. Auf diesem Weg erfuhr er auch vom Bundesgesetz zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981, welches 2017 in Kraft getreten ist. Heute ist Kurt Treichler offiziell vom Bund als Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen anerkannt.

Nach dreieinhalb Stunden ist es Zeit für den Abschied, das Café schliesst bald. Am Bahnhof steigt Treichler in die S2, die Türen schliessen sich, und der Zug entfernt sich von Richterswil.

Erstellt: 18.04.2019, 15:06 Uhr

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