50 Jahre A3

Die geheimnisvollen Löcher von Adliswil

Mit dem Bau der Autobahn wurden in Adlis­wil vor über fünfzig Jahren zwei Personenunterführungen errichtet, die bis heute auf ihre Eröffnung warten.

Unscheinbar und ungebraucht:?Die Unterführung Stocken im Adliswiler Gebiet Dietlimoos ist seit jeher verschlossen. Und bleibt es wohl auch.

Unscheinbar und ungebraucht:?Die Unterführung Stocken im Adliswiler Gebiet Dietlimoos ist seit jeher verschlossen. Und bleibt es wohl auch. Bild: Manuela Matt

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Immer und immer wieder steht das Adliswiler Gebiet Dietlimoos in den Schlagzeilen. In der jüngeren Vergangenheit wurden dort grosse Überbauungen aus dem Boden gestampft. Auf dem noch brachliegenden Stück Land ­zwischen BMW-Center und ­Zurich International School entlang der Autobahn soll Weiteres entstehen: ein Schulhaus, eine Turnhalle und noch mehr Wohnhäuser. Alles Grossprojekte mit Ausstrahlung.

Dass das unbebaute Land so viel Zuwendung erhält, ist eigentlich unfair. Zumindest für jene beiden Bauwerke, die in eben ­diesem Gebiet schon seit fünfzig Jahren ihre Dienste tun. Treu, still und fernab der öffent­lichen Aufmerksamkeit. Ihren ursprünglichen Zweck durften sie bislang jedoch nicht erfüllen. Darum tun sie seit ihrer Ent­stehung nur eines: warten auf ­ihre Eröffnung. Die Rede ist ­von zwei verschlossenen Fussgängerunterführungen unter der Autobahn A3.

Finster und unheimlich

Die südlichere der beiden Unterführungen liegt unter dem Rastplatz Asp­holz nahe des See-Spitals Kilchberg. Ihr westlicher Eingang ist auf der Seite des Dietli­moos, unscheinbar und ­versteckt zwischen haushohen Bäumen und Sträuchern. Wie das Portal zu einem geheimnisvollen Armeebunker wirkt er. Doch verbarrikadiert ist die Unterführung nicht etwa mit einer dicken Stahlwand, sondern nur mit ein paar Span­platten. Unbekannte ­haben auf diesen – wohl schon vor längerer Zeit – ihre Spraydosen entleert. Von Schmierereien ist die Unterführung auch in ihrem ­In­ne­ren nicht verschont geblieben. Denn durch ein heraus­geschla­genes Loch in der Wand haben sich die ungebetenen Gäste ­Zugang ins Dunkle verschafft.

Dort machen die zahl­reichen Fussspuren auf dem lehmigen Boden schnell deutlich, dass schon manch einer den verborgenen Gang zu entdecken ­wagte. Mit jedem Schritt in Richtung des anderen Tunnel­endes wird es finsterer und unheimlicher. Und unter den Füssen wird aus anfänglich trockenem Lehm weiter hinten knöcheltiefer Schlamm. Nach knapp zwanzig Metern steht man plötzlich vor einer Wand aus ­Erde und stellt mit Erstau­nen fest: Dieser Tunnel führt ja gar nirgends hin. Wozu wurde er dann gebaut?

Inbetriebnahme ausser Sicht

Die Antwort kennen die Spezialisten in der Infrastrukturfiliale Winterthur des Bundesamts für Strassen (Astra). Mit dem Bau der Autobahn sei die Perso­nenunterführung Stocken «auf Reserve» erstellt worden, um ­die beiden Seiten der Autobahn ­einmal verbinden zu können, erklärt Astra-Mediensprecherin Vanessa Lages Alves: «In Betrieb genommen wurde sie aber nie, sondern war schon immer zur Ostseite hin zugeschüttet und auf der anderen Seite verbarri­kadiert.»

Doch vor nicht allzu langer Zeit schien das Loch unter der Autobahn endlich seine vorgesehene Bestimmung als offene Unterführung erfüllen zu dürfen. Denn bevor 2007 das Dietlimoos-Gebiet durch die Moosstrasse erschlossen wurde, liess man die Öffnung der halb fertigen Unterführung überprüfen. «Eine Mach­bar­keitsstudie zeigte aber, dass der Bauaufwand und die Kosten sich nicht rechnen würden», sagt Lages Alves. Auf der steil ansteigenden Seite des See-Spitals wäre nämlich ein kostenintensiver Bau in Form einer Rampe oder Treppe nötig gewesen. Eine Inbetriebnahme sei inzwischen in weite Ferne gerückt.

Die Unterirdische

Nicht besser ergeht es der zweiten Unterführung. Diese befindet sich etwa 450 Meter weiter nördlich, unweit der Bushaltestelle Moos. Die Personenunterführung Lätten tritt noch weniger in Erscheinung als ihre Schwester Stocken. «Sie ist unterirdisch und heute nicht mehr ersichtlich», sagt die Astra-Mediensprecherin. Auch dieser Tunnel wurde von den Ingenieuren einst zur Verbindung der beiden Gebiete Dietlimoos und Lätten, westlich und östlich der A3, eingeplant.

Ihr Zustand wird sich kaum ­ändern. «Die Erschliessung des Gebiets Lätten oberhalb der Auto­bahn ist kein Thema», sagt der Adliswiler Werkvorsteher ­Patrick Stutz (SVP). Die Reservezone Lätten müsste für eine Überbauung erst noch umge­zont werden, was aktu­ell weder vor­gesehen noch – wegen der hän­gi­gen Kulturlandinitiative – machbar sei.

Adliswils beide unfertigen Auto­bahn­unterführungen werden also auch künftig nicht mehr als schwarze Löcher bleiben. Nur eine einzige Veränderung gibt es: Das Astra lässt das von Vandalen eingeschlagene Loch in den Span­platten wieder verschliessen und erstattet Anzeige gegen unbekannt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.08.2016, 09:10 Uhr

Sommerserie

Im Mai 1966 wurde der Autobahnabschnitt zwischen Zürich-Wollishofen und Richterswil eröffnet. Die ZSZ beleuchtet in einer mehrteiligen Serie ­verschiedene Aspekte rund um die Autobahn. Bisher erschienen: «Die N3 – ein wohlgelungenes Werk» (29.7.), «Einer rollte auf der Autobahn seinen Gebetsteppich aus» (3.8.). (zsz)

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