Adliswil

Politik fasziniert ihn seit seiner Kindheit

Er sei nicht «kuschelmässig orientiert», sagt Mario Senn (FDP). Der neue Präsident des Grossen Gemeinderats und Sohn von Stadträtin Susy Senn liebt die Debatte – und die Politik. Auch in seinem Job als Wirtschaftslobbyist.

Anzug und Krawatte begleiten Mario Senn. Ob auf FDP-Wahlplakaten oder an der Arbeit bei der Zürcher Handelskammer.

Anzug und Krawatte begleiten Mario Senn. Ob auf FDP-Wahlplakaten oder an der Arbeit bei der Zürcher Handelskammer. Bild: Michael Trost.

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Man konnte ihn nicht übersehen. Mario Senn stand überall, im ganzen Bezirk. Verhalten lächelnd blickte er von dutzenden FDP-Wahlplakaten herab. In Anzug und blauer Krawatte präsentierte er sich, wie so oft. Doch für die Wahl in den Kantonsrat gereicht hat es dem Adliswiler am vergangenen 24. März nicht. Um 140 Stimmen verpasste er den anvisierten nächsten Schritt in seiner Politkarriere – und die FDP ihr Ziel, einen vierten Sitz zu erobern.

Ein neues politisches Amt hat der 35-Jährige nun trotzdem erhalten, wenn auch auf kommunaler Ebene: Für ein Jahr lang ist Senn Präsident des Grossen Gemeinderats und leitet als solcher die monatlichen Parlamentssitzungen. Damit ist er formell höchster Adliswiler. Eine Ehre sei das für ihn, sagt Senn, der in Adliswil aufgewachsen ist und in St. Gallen und Montréal Wirtschaft studiert hat.

140 Stimmen fehlten am 24. März: Den Sprung in den Kantonsrat blieb dem 35-Jährigen verwehrt.

Der Turbo-Politiker

2010 wurde das frühere Vorstandsmitglied der Zürcher Jungfreisinnigen in den Gemeinderat gewählt. Und kaum war Mario Senn dort dabei, übernahm er das Präsidium der FDP/EVP-Fraktion. Gibt es zu einem Thema etwas zu sagen, ergreift Senn seither für seine Fraktion das Wort. Also eigentlich fast immer. Dann schreitet er zügig ans Rednerpult, hält dieses mit beiden Händen fest und setzt zur Rede an: Wortgewandt, energiegeladen und nicht selten mit einem Seitenhieb an seine politischen Gegner.

«Es geht mir nicht darum, andere herunterzumachen», stellt Mario Senn klar, «ich habe einfach Freude an der Debatte.» So gefalle es ihm auch, wenn jemand seine Argumente kontert. «Dann fühle ich mich herausgefordert.» Er sei schliesslich nicht «kuschelmässig orientiert».

Seine Voten im Rat sind zwar seltener geworden. Denn das Fraktionspräsidium hat er im Hinblick auf sein jetziges Amt schon letztes Jahr abgegeben. Doch Mario Senn wird unter Ratskollegen weiterhin als Turbo-Politiker beschrieben. Fleissig und gut organisiert, sei er, heisst es. Fordernd, aber auch fair. Und: Die Freude an der Politik habe er wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen.

«Es geht mir nicht darum, andere herunterzumachen. Ich habe einfach Freude an der Debatte.»Mario Senn

Das ist gut möglich. Seine Mutter Susy Senn ist in Adliswil Stadträtin (FDP). Er, der «überzeugte» Parlamentarier, sie, die umtriebige Sport- und Sicherheitsvorsteherin. Tatsächlich war sie es, die ihn – schon früh – politisiert hatte, erzählt der Sohn: «Als ich sie 1993 auf den Plakaten für die Wahl in die Schulpflege sah, begann ich, mich für Politik zu interessieren.»

Kontakt in die Chefetagen

Lokalpolitische Diskussionen gebe es am Familientisch aber nur selten. Auch auf Rücksicht auf Vater und Schwester, die sich weniger dafür interessierten. Ohnehin würden sie Politik und Privates ziemlich strikt trennen. «Wir geben schon genug Zeit dafür her.»

Nicht getrennt sind bei Mario Senn Politik und Beruf. Ja, sie ist sein Beruf. Denn der Ökonom arbeitet bei der Zürcher Handelskammer. Seine Funktion: Leiter Wirtschaftspolitik. Die Handelskammer ist ein Wirtschaftsverband und vertritt gegenüber Politik und Verwaltung die Stimme von über 1000 Unternehmen. Kommt beispielsweise ein wirtschaftsrelevantes Gesetz in die Vernehmlassung, holt Mario Senn bei Bedarf in den Chefetagen betroffener Unternehmen die Meinungen dazu ein. Danach schreibt er Stellungnahmen und versucht, in politischen Gremien im direkten Gespräch Einfluss zu nehmen. «Ich bin Lobbyist und sage das, ohne rot zu werden.» Der Beruf werde in der Öffentlichkeit ohnehin negativer dargestellt, als er es sei.

«Ich bin Lobbyist und sage das, ohne rot zu werden.»Mario Senn

Für ihn sei sein Job ein Privileg, die Politik seine Leidenschaft. Schade nur, dass es mit der Kantonsratswahl nicht geklappt hat. «Das hätte gewisse Dinge erleichtert», sagt Mario Senn, «denn als Kantonsrat würde ich bei entscheidenden Verhandlungen direkt am Tisch sitzen.» Die Nichtwahl habe er dennoch rasch verdaut.

«Das fasziniert mich grausam»

Der 35-Jährige ist auch noch Präsident der FDP Bezirk Horgen und im Militär Major eines Aufklärungsbataillons. Als Ausgleich zu seinen vielen Verpflichtungen mache er regelmässig Sport: Joggingrunden frühmorgens an der Sihl, Schwimmen im Hallenbad und Kräftigungstraining im Fitnesscenter. Auch im Geschichtsverein Adliswil ist er engagiert. Eine besondere Leidenschaft aber habe er für den Bahnverkehr. Der Taktfahrplan und wie ein öffentliches Verkehrsnetz aufgebaut ist, «das fasziniert mich grausam». Er habe da eine ferrosexuelle Veranlagung, wie man unter Bahnfreaks sagt.

Doch für dieses Hobby bleibt in diesem Jahr womöglich etwas weniger Zeit. Neben dem Amt als Ratspräsident steht im Herbst auch noch seine eigene Hochzeitsfeier auf dem Programm. Standesamtlich haben er und Martina, eine Ingenieurin aus Italien, bereits letzten Freitag geheiratet.

Und was hat er im Grossen Gemeinderat vor? «Ich will für lebendige Ratssitzungen sorgen.» Die Parlamentarier sollten, wie er es gern tut, ihre Haltungen klar zum Ausdruck bringen. Denn: «Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man in der Politik nicht mehr streitet».

Erstellt: 08.05.2019, 15:06 Uhr

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