Schönenberg

«Die Bevölkerung will, dass viel mehr Touristen kommen»

Umwelt- und Wirtschaftsingenieur Marc Fessler unterstützt in den peruanischen Anden indigene Dorfgemeinschaften. Der Schönenberger verhilft den «Inkas Vivientes» dabei zu mehr Tourismus und neuen Perspektiven.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Marc Fessler in peruanischen Dörfern, wo die Bewohner noch traditionelle Inka-Bekleidungen tragen.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Marc Fessler in peruanischen Dörfern, wo die Bewohner noch traditionelle Inka-Bekleidungen tragen. Bild: pd

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Marc Fessler, Sie helfen, den sanften Tourismus in vier indigenen Dörfer zwischen Cusco und Machu Picchu aufzubauen. Wie kommen Sie mit den «Inkas Vivientes» aus?
Sehr gut. Wir fassten schnell Vertrauen und haben einen freundlichen, respektvollen Umgang miteinander. Es ist spannend, in eine so fremde Kultur einzutauchen und sich auszutauschen. Da die Interessen und Lebensansichten sehr unterschiedlich sind, können beide Parteien voneinander lernen, ich von ihnen wie auch sie von mir.

Was können Sie von den Inkas lernen?
Da sie im Einklang mit der Natur leben, haben sie grosse Kenntnisse über ökologische Landwirtschaft, Weberei und Medizinalpflanzen. Ihr Wissen ist einzigartig und sollte der Welt auch in Zukunft erhalten bleiben. Zusätzlich besitzen sie eine Weltanschauung, die sich von unserer stark unterscheidet. Zeit verläuft nicht linear, sondern zirkulär. Und die Natur ist von einer Art Naturgeistern bewohnt, die man ehren sollte.

Ihre Wohnung liegt im zwei Autostunden entfernten Cusco. Wieso?
Aus praktischen Gründen. Ich mag die Dörfer zwar sehr, übernachte auch oft dort, aber unser Büro befindet sich ausserhalb der Comunidad. Ich bin oft in Cusco, um Touristen abzuholen.

Was fällt in diesen Dörfern auf?
Die traditionelle Quechua-Kultur, die noch gelebt wird. Sie tragen die traditionelle Kleidung der Inkas und das nicht für die Touristen, sondern weil es ihre Tradition ist. Ihre Comunidad ist das Wichtigste. Alles ist darauf aufgebaut. Die meisten Bewohner sind Bauern. Sie säen zusammen, ernten zusammen und halten Zeremonien für Mutter Natur. Bevor etwas geändert wird, zum Beispiel ein Haus gebaut wird, fragt man die Comunidad um Erlaubnis. Auch haben sie ihr eigenes Rechtssystem.

Wie erlebten Sie dieses Rechtssystem?
Ein Einheimischer hat mich einmal zu der Vollversammlung, einer sogenannten «Ronda Campesina», mitgenommen. Die Comunidad trifft dort gemeinsam Entscheidungen. Es gibt in den Dörfern kaum Kriminalität oder Alkoholismus, da man sich für unangemessenes Verhalten vor dem gesamten Dorf rechtfertigen muss und allenfalls auch bestraft wird. Wir sind für diese Versammlung vier Stunden auf den Gipfel eines Berges gewandert. Vermutlich wollten sie sich damit etwas vom Rest der Welt abgrenzen.

Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit wert?
Dass ich immer mit der indigenen Bevölkerung zusammenarbeite und dass Entscheide gemeinsam getroffen werden. Momentan bin ich daran, den Einheimischen alles beizubringen, damit sie den Tourismus in eineinhalb Jahren alleine weiterführen können. Vor allem für das Administrative, wie zum Beispiel Anfragen von Touristen zu beantworten, brauchen sie etwas länger, da sie noch nie einen Computer bedient haben.

«Sie kommen nie pünktlich zu Versammlungen. Daran muss man sich als Schweizer zuerst einmal gewöhnen.»Marc Fessler

Ging auch mal etwas daneben?
Leider schon. Für die Erstellung der Website hatten wir einen Grafiker aus Cusco engagiert und liehen ihm einen privaten Laptop aus. Als wir nach einiger Zeit nachfragten, wie es läuft, hat er aufgehängt und ist uns fortan aus dem Weg gegangen. Von Freunden von ihm haben wir erfahren, dass er den Computer weiterverkauft habe. Die Website wurde nie fertiggestellt. Tja, solche Dinge passieren leider. In der traditionellen Comunidad sind die Leute sehr ehrlich und genügsam, in der Stadt leider nicht immer. Die Website habe ich am Schluss selbst erstellt. Auch die Broschüren und Plakate machen wir inzwischen selber.

Gibt es sonst Schwierigkeiten?
Sie finden alles, was ich mache, super. Das klingt vielleicht gut, aber ich wünsche mir etwas Kritik, damit ich weiss, dass ich in ihrem Interesse handle. Dieses Verhalten entspringt ihrer Kultur. Im Quechua sagt man einander selten direkt Nein oder, was falsch ist. Sondern höchstens, es sei nicht ganz richtig. Auch kommt nie jemand pünktlich zu Versammlungen. Daran muss man sich als Schweizer zuerst einmal gewöhnen.

Die über 25-Jährigen sprechen kaum Spanisch, sondern nur Quechua. Wie kommunizieren Sie?
Meistens gibt es jemanden, der mir auf Spanisch übersetzen kann. Viele Männer sprechen Spanisch, da sie in der Stadt Cusco arbeiten und es dort gelernt haben und die Jüngeren haben Spanisch in der Schule gelernt. Quechua, die indigene Sprache der Dörfer, ist sehr kompliziert. Man braucht lange, um es zu lernen.

Die jüngere Generation ist auch die Begründerin der Organisation «Inkas Vivientes».
Genau. Durch den sanften Tourismus sollen die Jungen eine Zukunftsperspektive in ihren Dörfern haben. Dass die Jungen in die Städte gehen, ist nicht das Problem. Sie sollen in die Stadt gehen, dort Erfahrungen sammeln und eventuell studieren. Wichtig ist einfach, dass sie wieder zurück in ihr Dorf kommen. Das lohnt sich für sie nur, wenn es die Möglichkeit gibt, eine Familie zu versorgen. Dafür ist dieses Projekt gedacht.

Gibt es in der Gemeinde auch negative Stimmen gegenüber dem Projekt?
Nein, bis jetzt nicht. Die «Inkas Vivientes» freuen sich sehr, ihre Kultur zeigen zu können. Lange Zeit wurden die indigenen Völker von Peru schlecht behandelt. Dass jetzt Europäer kommen, um genau ihre Welt zu besuchen und mitzuerleben, macht sie stolz. Im Moment wollen sie, dass noch viel mehr Touristen kommen.

Erstellt: 31.05.2019, 14:07 Uhr

Zur Person

Marc Fessler ist 33 Jahre alt und in Schönenberg aufgewachsen. Er hat an der ETH Umweltwissenschaften und Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Für die Organisation Comundo arbeitet er seit eineinhalb Jahren in Peru. Dort unterstützt er die Organisation «Inkas Vivientes» während drei Jahren. Die Mitglieder der «Inkas Vivientes» sind in vier indigenen Dörfern tätig, in welchen sie auch selber wohnen. Deren Ziel ist es, mit sanftem Tourismus das Einkommen der indigenen Bevölkerung zu fördern. Es sollen nicht zu viele Touristen aufs Mal kommen, um die Natur und die Dörfer zu schützen.

Im Zentrum steht die Kultur und Lebensweise der «Inkas Vivientes», den lebenden Inkas, wie sich die Bewohner nennen. So kann man als Tourist zum Beispiel traditionelles Weberhandwerk oder die Anwendung von Medizinalpflanzen erlernen. Marc Fessler unterstützt das Projekt, das in Peru einen Startup-Wettbewerb gewann, in der Aufbauphase. Er arbeitet dabei eng mit den «Inkas Vivientes» zusammen, die dank des Projekts schon jetzt zusätzliches Einkommen erwirtschaften konnten.

www.inkasvivientes.org

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