Wädenswil

«Die Arbeit im Kantonsrat ist mir keineswegs verleidet»

Nach zwölf Jahren verabschiedet sich der Wädenswiler EVP-Politiker Johannes Zollinger aus dem Kantonsrat. Er blickt auf eine bewegte Zeit zurück, in der er im Bereich Schule vieles in Gang setzte — und doch immer die Ruhe selbst blieb.

Zwölf Jahre lang gehörte Johannes Zollinger dem Kantonsrat an. Er sagt dazu: «Man muss Distanz wahren – sonst frisst es einen auf.»

Zwölf Jahre lang gehörte Johannes Zollinger dem Kantonsrat an. Er sagt dazu: «Man muss Distanz wahren – sonst frisst es einen auf.» Bild: Moritz Hager

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Sein Abenteuer im Kantonsrat begann vor zwölf Jahren mit einem profanen Thema: die Pferdesteuer. Und es endete mit einem «überdurchschnittlichen Applaus», wie der langjährige Ratsbeobachter und Verleger Koni Loepfe den Abschied des Wädenswiler EVP-Politikers Johannes Zollinger im «P.S.» beschrieb.

Am 9. Januar tritt der ebenfalls aus Wädenswil stammende EVP-Politiker Tobias Mani in seine Fussstapfen. Unverhofft begann Johannes Zollingers Amtszeit im kantonalen Rat, die über eine Dekade weilen sollte. Unverhofft deswegen, weil die EVP eine kleine Partei ist. Obwohl sie in Wädenswil eine gute Basis hätten, das kirchliche Leben sei hier vielfältig. Dennoch: «Nur mit dem Stimmen von EVP-Wählern allein hätte es für einen Sitz im Kantonsrat nicht gereicht», sagt Zollinger. Deshalb taxiert die EVP den Sitz im Kantonsrat nicht als stabil. «Es ist also vernünftig, dem Nachfolger vor den nächsten Wahlen 2019 Zeit zu geben, sich zu profilieren.» Parteitaktische Überlegungen hätten also zum Wechsel geführt. Aber auch persönliche. «Als bald 70-Jähriger könnte ich den Wählern nicht weismachen, dass ich derjenige mit den neuen Ideen bin», erklärt der 68-Jährige. Doch es sei keineswegs so, dass ihm die Arbeit im Kantonsrat verleidet sei – im Gegenteil: «Ich hatte nach wie vor Spass.»

Vor allem wegen den guten Kontakten und spannenden Gesprächen wird er die Ratstätigkeit missen. Das eigene Denken werde im Kantonsrat infrage gestellt. «Ich als Vertreter der EVP, einer Partei, die ethische und christliche Werte vertritt, ist das eine Herausforderung, aber eine spannende.» Wie man beispielsweise mit Fragen zur Sterbehilfe oder zum Schutz der Ehe umgehe. «Gelernt habe ich dabei, dass man Politik und den Glauben nicht vermischen kann. Man kann nicht aufgrund von persönlichen Glaubensüberzeugungen in einer säkularen Gesellschaft politisieren.»

Mehrheitsfähige Lösungen

«Erst war ich schon etwas erstaunt, mit was sich die Politiker im Kantonsrat beschäftigen müssen», erinnert sich Johannes Zollinger an das Geschäft der Pferdesteuer mit einem Schmunzeln. «Ich fragte mich zuweilen; warum reden viele so lang über ein solch marginal interessantes Thema?», wirft der Wädenswiler Stadtrat eine Frage auf, um sie gleich selbst zu beantworten: Wären die Medien nicht präsent, würden die Sitzungen höchstens halb so lang dauern. «Provokatives zieht und wird publiziert, Differenziertes hingegen fällt unter den Tisch».

Ein Fels in der Strömung

Damit meint er auch sich selbst, der von Medien, Rats- und Parteikollegen als «die Ruhe selbst» beschrieben wird, der brenzlige Situationen mit feinsinnigem Humor entschärfen könne. Ein Fels in den unterschiedlichen Strömungen seiner Partei. Die Mitte sei zwar weniger kontrovers, doch gerade darin zeichne sich das Schweizer System aus: Extreme werden ausdiskutiert, mehrheitsfähige Kompromisse entstehen. «Und das tut einem Land auf lange Sicht gut», resümiert Zollinger.

Mit Kompromissbereitschaft, Gelassenheit und einer inneren Distanz hat er sich auch im Kantonsrat hervorgetan. Vielleicht auch aus Selbstschutz. «Es gibt, gerade im Kantonsrat, einiges, das einem nerven könnte. Aber man muss versuchen, mit unterschiedlichsten Leuten zu einem Konsens zu finden.»

Eine Gemütshaltung, die er seinem Nachfolger ans Herz legt: «Man muss Distanz wahren – sonst frisst es einen auf», sagt der freischaffende Treuhänder. Er sei «gezwungenermassen» freischaffend, wie er selbst einwendet. Er, der sich aufgrund seiner politischen Engagements, unter anderem als Stadtrat und Kantonsrat, für die Selbstständigkeit entschied. «Um alles unter einen Hut zu bringen, braucht es viel Verständnis von der Familie», sagt er und windet seiner Frau ein Kränzchen, die ihm zuhause immer den Rücken freihielt und sich um das Wohl der Familie bemühte. Künftig wird er mehr Zeit haben für die Familie, die inzwischen um sechs Enkel reicher geworden ist.

Bescheidenheit trotz Erfolgen

Der Zeitaufwand ist nur die eine Seite der Medaille. Eineinhalb Seiten füllen die Vorstösse Zollingers, doch er winkt bescheiden ab. Die Liste sehe lang aus, sei aber im Vergleich zu anderen wohl nur von geringem Umfang. Dann greift er drei Vorstösse aus der Liste heraus, deren Erfolg ihn besonders gefreut hat: Ein Postulat zur Aufwertung der Klassenlehrerfunktion, ein Postulat zur Verlängerung der Auszeit von frischen Vätern sowie die erfolgreiche Bekämpfung der Minimalpensen von Lehrpersonen. Anhand dieser Meilensteine wird auch ersichtlich: Sein Steckenpferd ist die Schule – seit dem Eintritt in die Politik über die Primarschulpflege.

Die im Dezember von Wädenswil beschlossenen schulischen Sparmassnahmen liegen ihm sodann auch schwer auf dem Magen, er nennt sie «einen harten Brocken». Solche Fragen werden Zollinger auch in Zukunft noch beschäftigen, denn als Stadtrat für Schule und Jugend bleibt er Wädenswil erhalten. Zudem ist er Teil der Steuerungsgruppe der Fusion. «Es wird ein spannendes Jahr», sagt er über sein zwanzigstes als Stadtrat.

Ein letztes Geschäft steht für ihn als Kantonsrat an: Sein vergünstigtes ZVV-Abonnement läuft am 16. Januar ab. «Die Parlamentsdienste haben mich deshalb freundlich angeschrieben: Möchten Sie das Abo behalten, muss ich Ihnen für die letzten 8 Tage einen Betrag von 47.35 Franken in Rechnung stellen. Verzichten Sie auf das Abo, müssen Sie mir dieses am 10. Januar zurücksenden.» Eine Augenzwinker-Story nennt Zollinger diese wohl letzte Kantonsrats-Anekdote. Beweis dafür, dass «im Rat wirklich alles seine Ordnung hat. Also kann ich getrost zurücktreten.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.01.2017, 16:46 Uhr

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