Spanische Grippe

«Der Würgengel Grippe hat den Sonnenschein besiegt»

Genau 100 Jahre ist es her, dass die Schweiz von der Spanischen Grippe heimgesucht wurde. Tausende Menschen erkrankten am Zürichsee an der rätselhaften Grippe, die vor allem jungen Menschen zum Verhängnis zu werden schien. Ein Blick in die Archive.

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«Schulferien verlängert» meldete der Horgner Anzeiger im August vor 100 Jahren. In fast allen Gemeinden im Bezirk blieben die Klassenzimmer über die reguläre Ferienzeit hinaus leer. Grund war nicht etwa der Krieg oder der sich anbahnende Landesstreik, sondern eine hochansteckende Krankheit, die in der Bevölkerung Erinnerungen an die Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts wach rief: die Spanische Grippe.

Ab Mai 1918 verbreitete sich diese unheimliche Influenza auf dem gesamten Erdball und raffte innerhalb eines Jahres etwa 50 Millionen Menschen dahin. Einigen Quellen zufolge dürften es sogar noch mehr Tote gewesen sein. Gut die Hälfte der 3,75 Millionen Einwohner der Schweiz erkrankten an der mysteriösen Grippe, 24 500 starben.

Eine «gutartige» Grippe

Im Juni 1918 hatte die Krankheit von Frankreich her die Schweiz erreicht. Das Pressebureau der Armee meldete zahlreiche Erkrankungen in ihren Reihen. Dennoch schien die Grippe den Behörden vorerst kein Grund zur Beunruhigung zu sein. So heisst es im Horgner Anzeiger vom 5. Juli: «Die Krankheit hat einen sehr gutartigen Charakter, sodass jede Beunruhigung der Bevölkerung zwecklos ist.» Das eidgenössische Gesundheitsamt sei zum Schluss gekommen, dass eine Erkrankung nach vier Tagen überstanden sei. Dank der sommerlichen Wärme sei es zudem «ausgeschlossen, dass sich Komplikationen einstellen» oder die Atemwege in Mitleidenschaft gezogen würden.

Diese optimistische Prognose entpuppte sich bald als Irrtum. Nur 14 Tage später ermächtigte der Bundesrat die von der Grippe betroffenen Kantone und Gemeinden dazu, öffentliche Versammlungen zu verbieten. Eine weitere Woche verstrich, bevor der Kanton Zürich sämtliche Veranstaltungen untersagte, um so das Ansteckungsrisiko in der Bevölkerung zu verringern.

In der letzten Juliwoche 1918 erkrankten im Kanton Zürich 11 700 Menschen an der Grippe. 1299 Krankheitsfälle entfielen auf den Bezirk Horgen. Neben Veranstaltungen wurden nun in Wädenswil auch öffentliche Bestattungen mit Leichengeleit untersagt. Die Schulen blieben nach den Ferien geschlossen.

Wie fatal die Auswirkungen der Grippe sein konnten, zeigt das Schicksal der Familie Weinmann aus Wädenswil: Innert einer Woche starben drei der sechs Kinder, der Vater lag schwer erkrankt darnieder. Die Opfer waren zwischen 19 und 27.

«Der Erfolg war derart, dass ich den Glauben und das Vertrauen an meine Sektion verlor»
Hans Häberling, Präsident des Wädenswiler Samaritervereins anno 1918

Ende August schien das Schlimmste überstanden zu sein. Dennoch kam es immer wieder zu Erkrankungen, was beispielsweise die Adliswiler Gesundheitskommission dazu bewegte, die Bevölkerung dazu aufzurufen «sie bei der unter Umständen notwendig werdenden Einrichtung eines Notspitals zur Bekämpfung der hartnäckigen Grippe» zu unterstützen.

Mitte September traten eben diese Umstände ein. In einer zweiten Welle kam die Grippe über den Bezirk. Zahlreiche Schulhäuser wurden zu Notspitälern umfunktioniert. So etwa die Sekundarschule in Adliswil, oder ab Oktober das Schulhaus Eidmatt in Wädenswil und das Rotwegschulhaus in Horgen. Als Betreiber wurden die örtlichen Samariter- oder Rotkreuzsektionen bestimmt.

Das benötigte Pflegepersonal suchte man mittels Zeitungsinseraten. So schaltete auch der Präsident des Wädenswiler Samaritervereins Hans Häberling einen entsprechenden Aufruf im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» ­— mit enttäuschendem Echo. «Der Erfolg war derart, dass ich den Glauben und das Vertrauen an meine Sektion verlor», zog Häberling später Bilanz. Schliesslich konnten dennoch rund 70 Pflegepersonen, 20 Betten, zusätzliche Tragbahren und Sanitätsmaterial aufgetrieben werden. Am 15. Oktober trafen die ersten Grippepatienten im Wädenswiler Notspital ein. Zusätzlich wies das Gesundheitsamt die lokalen Behörden an, neue Grippefälle zu melden. Fast 46 000 Erkrankungen waren es im Oktober im Kanton Zürich.

Rat aus dem Elfenbeinturm

1918, einer Zeit vor TV und Internet, genossen Zeitungen als Massenmedien Monopolstatus. Die Presse hielt sich an offizielle Stellungsnahmen und Aufrufe der Behörden und informierte quasi vom sprachlichen Podest hinab über die Grippe. Vergeblich sucht man nach Reportagen aus Notspitälern oder Interviews mit Betroffenen oder Grippeexperten.

Dazwischen finden sich Inserate für vermeintliche Wundermittel wie Dr. Germann’s antiseptische Halspastillen, zu erstehen in dessen Horgner Apotheke. Um eine Ansteckung zu verhindern wurden verschiedene Seifen, wie die Carbol und Lysol Seifen der Marke Callet angepriesen.

Daneben häuften sich im Horgner Anzeiger derweil die Todesanzeigen, welche klar die Grippe als Ursache nennen. War im Juli und August zwar verdächtig oft «nach kurzem Leiden eingeschlafen» zu lesen, wird der Grund für den Tod — Grippe gefolgt von Lungenentzündung — ab Oktober klar identifiziert.

Unabhängig vom gesellschaftlichen Status traf die Grippe besonders junge Menschen in ihren 20ern und 30ern. So erlag im Oktober der Kilchberger Nationalrat Hans Conzett 32-jährig der Kombination aus Grippe und Lungenentzündung. Im Dezember verlor der Horgner Gerichtspräsident Heinrich Schärer seinen gleichnamigen Sohn durch die Grippe. Der junge Trainoffizier Schärer wurde nur 24 Jahre alt. Der Text seiner Todesanzeige zeigt die Verzweiflung der Eltern ob des Verlusts des einzigen Kindes: «Der Würgengel Grippe hat den Sonnenschein unserer alten Tage nach hartem Kampf besiegt.»

Zurück zum Alltag

Dennoch befand sich die Grippe im Dezember auf dem Rückzug. Noch rund 10 500 Erkrankungen wurden dem Kanton bis Ende Monat gemeldet. Im Januar waren es nur noch 2500. Der Alltag nahm langsam wieder Einzug im Bezirk; die Schulen waren wieder geöffnet, Konzerte, Theater, Versammlungen und Gottesdienste konnten wieder stattfinden. Das Notspital im Eidmattschulhaus in Wädenswil schloss seine Türen am 25. Januar 1919. Insgesamt wurden 102 männliche und 99 weibliche Patienten betreut. Neun von ihnen starben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.08.2018, 13:44 Uhr

Kurioses zur Grippe 1918


  • 1918 wusste niemand, wie der Spanischen Grippe Herr zu werden war. Diese Ratlosigkeit nahm zeitweilen kuriose Züge an:

  • In der Berner Bundesverwaltung wurde im Juli das Rauchverbot aufgehoben «weil es heisst, das Rauchen beuge der Spanischen Grippe vor.»


  • Um die Übertragung der Grippe zu erforschen löste ein Königsberger Bakteriologe Rachenabstriche von Grippekranken in Kochsalzlösung auf und versprüte die Flüssigkeit. Während einer halben Minute atmeten er und seine Assistentin den «Grippenebel» ein. Beide erkrankten daraufhin an der Grippe. Das Experiment musste eingestellt werden, da sich daraufhin keine neuen Freiwilligen mehr fanden.


  • Im Oktober erlaubte die Gemeinde Küsnacht den Gottesdienst nur unter Auflagen. Enges Beieinandersitzen sei ebenso zu vermeiden wie Stau beim Betreten und Verlassen der Kirche. Auf den Gemeindegesang sei zu verzichten. Personen mit Husten, an Grippe erkrankten Angehörigen waren vom Gottesdienst ausgeschlossen. Kinder sollten ebenfalls zu Hause bleiben.


  • Immun gegen die Grippe war einzig die Geldgier einiger Geschäftsleute. So warb der Sauer-Zuppiger Versicherer aus Rapperswil mit folgenden Zeilen: «Versäumen Sie nicht den Abschluss einer Lebensversicherung bevor es zu spät ist.»

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