Horgen

«Der Roman ‹Der grüne Heinrich› war für mich eine Entdeckung»

Zum 200. Geburtstag des Dichters Gottfried Keller konzipierte die Oberriedner Theaterschaffende Vera Bauer eine musikalische Lesung. Sie wird in Horgen aufgeführt.

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Was begeistert Sie am Zürcher Dichter, dass Sie gerade ihm in Ihrem neuesten Programm die Ehre erweisen?
Gottfried Keller fasziniert mich als ein ungeheuer wacher und sensibler Beobachter des menschlichen Treibens. Mit viel Scharfblick und Einfühlung formuliert er, was Menschen antreibt, sich so oder so zu verhalten. Das tut er auf eine herrlich subtile Art – nie verletzend, aber doch entlarvend.

Keller hat viele Romane und Novellen geschrieben wie die berühmten «Zürcher Novellen» oder den Zyklus «Die Leute von Seldwyla». Wo setzen Sie Ihren Fokus?
Für mich diente der stark autobiografisch inspirierte Roman «Der grüne Heinrich» als Fundus, aus dem ich für dieses Bühnenprogramm schöpfte. Dieser 900 Seiten starke Roman ist für mich eine wirkliche Entdeckung.

Warum gerade dieser Roman?
Im «Grünen Heinrich» zeigt Gottfried Keller, der nach aussen hin so wortkarg und unnahbar wirkte, was für ein Mensch er im Innern eigentlich gewesen ist. Und welche frühen Erlebnisse, Ängste und Hoffnungen ihn geprägt haben. Und dies so aufrichtig, selbstkritisch und subtil humorvoll, dass ich dieses Werk mit viel Bewunderung und Gewinn studiert habe.

Hatten Sie mit seinem Werk auch Schwierigkeiten?
Eine grosse Herausforderung ist seine üppige Ausführlichkeit. Freilich, für die Menschen vor 150 Jahren waren Bücher das konkurrenzlos einzige Medium, man hatte viel Zeit dafür. Daher musste ich alle Erlebnisse und Betrachtungen des Romans, die ich für die Bühne verwenden wollte, sprachlich sehr raffen und die Essenz herauskristallisieren.

Gottfried Keller war in jungen Jahren eher ein Querulant. Als späterer Politiker ordnete er sich aber ein und gab seine «Zufriedenheit mit den vaterländischen Zuständen» zu Protokoll. Wird dieser Zickzackweg in Ihrem Stück ebenfalls besprochen?
Gottfried Keller war in seiner Jugend weniger ein Querulant als einer, der es besonders schwer hatte, mit der sogenannt normalen Aussenwelt zurechtzukommen. Seine extrem hohe Sensibilität und Beobachtungsgabe machten ihn einerseits gehemmt und scheu, andererseits übersprudelnd und überschiessend.

Keller war begabt, aber bis zu seiner Berufung zum Ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich mausarm. Ist das mittellose Künstlertum auch ein Thema?
Ja, dieses schmerzliche Thema zieht sich von der Kindheit bis zum Alter von 41 Jahren durch. Da waren der «Grüne Heinrich», zwei Gedichtbände und berühmte Novellen bereits erschienen – aber Geld hatte er dennoch keines.

Was würde den 200-jährigen Dichter an den heutigen Menschen wohl irritieren oder freuen?
Gottfried Keller hat lebenslang intensiv über Staat und Gesellschaft nachgedacht und die Werte, die diese zu einem verantwortlichen Ganzen fügen. Mit Sicherheit würde er eine nur auf individuellen Eigennutz gerichtete Haltung ohne gesellschaftliche Verantwortung, die heute häufig als völlig legitim betrachtet wird, scharf kritisieren.

Sie haben Ihr Bühnenstück auch vertont: Sie spielen selber Violoncello, Ihr Mann David Goldzycher die Violine. Was für eine Musik passt denn zu Gottfried Keller?
Farbige, romantische Streichermusik, sehnsüchtig wie die poetische Erzählweise von Gottfried Keller. Dann wieder burschikos und kunstvoll volkstümlich. Die Geige tritt da und dort auch als Soloinstrument auf.

Freitag, 15. März, 20 Uhr, Baumgärtlihof, Horgen. Musikalische Lesung zum 200. Geburtstag von Gottfried Keller mit Vera Bauer, Wort, und David Goldzycher, Violine. Ein Angebot der Lesegesellschaft Horgen.

Erstellt: 12.03.2019, 09:16 Uhr

Vera Bauer hat Gottfried Kellers Roman «Der Grüne Heinrich» für die Bühne bearbeitet. (Bild: Viviane Schwizer)

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