Richterswil

Der Blinde mit der visuellen Begabung

Seit dem Alter von 39 Jahren ist der Richterswiler Fritz Lüthi blind. Dennoch oder gerade deshalb hat sich der Mathematiker Optischem verschrieben. Sein grosses Ziel ist es, sich und anderen Blinden Fotos erkennbar zu machen.

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Es ist ein ganz normaler Laptop, der auf dem penibel aufgeräumten Pult von Fritz ­Lüthi steht. Der Richters­wiler ist 72 Jahre alt, pensionierter Mathematiker und seit 33 Jahren blind. Deswegen liegt neben dem Laptop ein um ein Mehrfaches grösserer Tastbildschirm. Dieser überträgt die Sym­bole, Texte, Bilder des Laptops in tastbare Grafiken und in die Blindenschrift ­Braille, so dass ­Lüthi sie mit seinen Fingern erkennen kann.

Wenn er am Computer sitzt und eine E-Mail schreibt, dann bedient seine rechte Hand eine kleine Tastatur mit ganz wenigen Tasten. Unterschiedliche Kombinationen ergeben die 26 Buch­staben des Alphabets, Umlaute und Satzzeichen. Während ­Lüthi in ganz normalem Tempo «Sehr geehrte Damen und Herren» tippt, liest eine Art Radio ihm die Buchstaben vor, und ­Lüthis ­linke Hand kontrolliert auf dem Tastbildschirm, dass sich keine Fehler einschleichen.

Tüftelnder Programmierer

In der Regel verbringt Fritz ­Lüthi seine Zeit am Computer aber nicht mit so profanen Dingen wie E-Mails schreiben. Der Mathematiker, der lange Jahre bei der UBS als Systemanalytiker gearbeitet hat, tüftelt vielmehr an neuen Möglichkeiten, Bilder in tast­bare Grafiken zu übersetzen. Erste Erfolge­ hat er bereits erzielt.

Als technikaffiner Mensch inter­essiert er sich für sämt­liche Verkehrsmittel, die fahren, fliegen oder schwimmen. Beispielsweise wollte er sich ein genaueres Bild eines bestimmten Kleinflugzeugs von Cessna machen. Eine seiner zwei Töchter fliegt nämlich ein solches. Dank eines digitalen 3-D-Modells des entsprechenden Flugzeugs konnte er es, nach der Erstellung eines geeigneten Programms in Hunderten von Stunden Programmierarbeit, in eine tastbare Grafik umrechnen und mit seinem Brailledrucker zu Papier bringen. Das Resultat erinnert an gestanzte Braille-Schrift – bloss ist kein Text zu lesen, sondern es sind die Umrisse eines Flugzeugs zu erkennen oder eben zu ertasten. «Dadurch habe ich gelernt, dass die Flügel des Modells durch Verstrebungen gestützt werden», sagt ­Lüthi, «solche Details beschreibt mir niemand.»

Noch ist es ihm aber nicht ­möglich, beliebige Fotos in tast­bare Grafiken umzuwandeln. «Dazu fehlt noch etwas künst­liche Intelligenz», sagt ­Lüthi ­verschmitzt. «Da warten noch einmal ein paar hundert Stunden Arbeit. Aber wenn ich noch zehn Jahre lebe, schaffe ich es vielleicht­.»

«Tschutten ging nicht»

Schuld an Fritz ­Lüthis Blindheit ist eine Erbkrankheit. «Als meine zwei Jahre ältere Schwester fünf war, stellten unsere Eltern fest, dass mit ihren Augen etwas nicht stimmen konnte», erzählt ­Lüthi. Retinitis pigmentosa lautete der Befund – für beide Kinder, wie bald klar war. Das bedeutet: Die Gift­stoffe im Auge werden nicht abgebaut. Dadurch werden die Fotorezeptoren nach und nach zerstört. Der Verlauf der Krankheit ist schleichend. Drei Hauptsymptome treten auf: Nachtblindheit, extreme Lichtempfindlichkeit, Tunnelblick.

«Vieles wäre ohne die Hilfe meiner Frau nicht möglich.»Fritz Lüthi

Bei Fritz ­Lüthis Schwester schritt die Krankheit schnell fort. Mit 15 war sie blind. Bei ihm selbst war der Verlauf langsamer. Er konnte die normale Schule besu­chen. «Wenn ich in der vordersten Reihe sass, ging es ganz gut», erinnert er sich, «einfach Tschutten in der Pause, das ging nicht.» Dank einer Schreib­maschine konnte er sowohl das Gymi als auch ein Mathematik-Studium an der ETH absolvieren.

Ausser Haus bewegt er sich seit dem Alter von 27 Jahren nur noch mit dem weissen Blindenstock. «Lesen am Computer ging noch ein paar Jahre», erinnert sich ­Lüthi. Seit er 39 Jahre alt ist, sieht er gar nichts mehr. Nicht einmal mehr schwarz.

«Bin ein visueller Mensch»

Selbstmitleid ist Fritz ­Lüthi jedoch fremd. Er sagt: «Blinde sollten sich nicht damit begnügen, zu sagen, sie hätten ein schweres Schicksal. Sie sollten dieses vielmehr in die Hand nehmen, es gibt heutzutage nämlich viele Hilfsmittel.» Ihm selbst kam zugute, dass die UBS, damals noch die Schweizerische Bankgesellschaft, ihn im Jahr 1981 – damals noch als Sehbehinderten – einstellte, und es ihm ermög­lichte, von zu Hause aus zu arbeiten. Dank der Bank und den von der IV vor 30 Jahren finanzierten Geräten hat er das nötige Equipment zu Hause – das bis heute funktioniert. «Das ist mein Glück», sagt ­Lüthi, «denn ein neues grafikfähiges Blindenschriftdisplay kostet schnell 50 000 Franken.»

Aber auch privat lässt Fritz ­Lüthi sich durch seine Blind­heit nicht einschränken. Er ist ver­heiratet, hat zwei Töchter, einen Enkel, sein Hobby ist nebst dem Kochen seine Modelleisenbahn. Er lässt es sich dabei nicht nehmen, selbst an ihr herumzu­basteln, wenn nötig lötet er auch selbst. «Manchmal sind halt sechs, sieben Versuche nötig», meint er stoisch und fügt an: «Vieles wäre ohne die regel­mässige Hilfe meiner Frau nicht möglich.»

Dass er früher gesehen hat, erach­tet Fritz ­Lüthi als Vorteil. Er bezeichnet sich trotz seiner Blindheit als visuellen Menschen. «Ich stelle mir alles ganz exakt vor.» Frustrierend ist für ihn, dass er mit seinem Streben, blinden Menschen Visuelles zugänglich zu machen, gerade bei Blindeninstitutionen nicht nur gut ankommt. Beispielsweise hat ­Lüthi einer Blindenorganisation vorgeschlagen, einen tastbaren Plan des Hauptbahnhofs Zürich mit seinen verschiedenen Stockwerken zu produzieren und zu verteilen. «Doch die winkten ab», sagt der passionierte Mathema­tiker, «der Umgang mit Visuellem ist für viele Blinde wohl schlicht zu schmerzhaft.»

Einschüchtern lässt er sich ­dadurch aber nicht. Er arbeitet trotz allem mit Hochdruck dar­an, Bilder in tastbare Grafiken umzurechnen – für sich und für andere. Das würde ihm dann zum Beispiel auch erlauben, das Gesicht seines 14 Monate alten Enkels besser zu erkennen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.08.2017, 15:39 Uhr

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