Wädenswil

«Demenz ist sozusagen eine Antithese zur heutigen Gesellschaft»

Die Gemeinde wird demenzfreundlicher. Nach zwei Jahren Förderung zeigen sich erste Erkenntnisse. Die Verantwortliche Sandra Schäppi schildert, wie Gemeindeangestellte Warnzeichen erkennen lernen und sich Nachbarn von Reklamierenden zu Unterstützenden wandeln.

Sandra Schäppi von der Infostelle Betreuung und Pflege macht Wädenswil demenzfreundlicher.

Sandra Schäppi von der Infostelle Betreuung und Pflege macht Wädenswil demenzfreundlicher. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist in Wädenswil seit Beginn der Sensibilisierungskampagne ein Wandel im Umgang mit Demenz spürbar?
Sandra Schäppi: Ich bin erstaunt, wie viel etwa die Schulung von Verwaltungsangestellten schon gebracht hat. Sie erkennen heute frühe Warnzeichen. Das Betreibungsamt ist beispielsweise zurückhaltender mit Verzeigungen und Bussen geworden, wenn eine ältere Person plötzlich ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt.

Wie gehen Sie vor,um Wädens­wil «demenzfreundlicher» zu machen?
Demenz ist noch immer ein Tabu­thema. Ich arbeite mit allen denkbaren Stellen zusammen: Spitex­, Kantonspolizei, Pro Senectute, Alzheimervereinigung und Co. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, Mitgefühl zu fördern, die Bevölkerung zu sensibilisieren und die Krankheit zu enttabuisieren. Wir haben fest­gestellt, dass Angehörige und Betrof­fene sehr isoliert leben.

Wieso verschanzen sich die Angehörigen und Betroffenen zu Hause?
Menschen mit Demenz werden mit fortschreitender Krankheit verhaltensauffälliger und enthemmter. Daher meiden pfle­gende Angehörige Orte, wo sie Bekannte antreffen könnten. Ich finde es bedauerlich, dass Ehepaare vielleicht jahrzehntelang in einer Gemeinde wohnen und dann, sobald ein Partner an Demenz­ erkrankt, sich zurückziehen. Das darf nicht sein. Toleranz gegenüber Andersartigkeit ist eine solche Idealvorstellung, die wir anstreben.

Wie empfehlen Sie, peinliche Situa­tionen zu entschärfen?
Es kann helfen, nach dem Vorbild von Taub-Stummen Kärtchen dabei zu haben, auf denen steht: «Mein Partner hat Demenz», dies kann man diskret zeigen, falls der Partner sich auffällig verhält.

«Ein sensibilisiertes Umfeld kann helfen, dass ein Mensch mit Demenz länger zu Hause leben kann.»
Sandra Schäppi, Infostelle Betreuung und Pflege

Was ist speziell an der Heran­gehensweise von Wädenswil?
Das Besondere in Wädenswil ist, so scheint mir, dass konkurrenzierende Stellen zusammenarbeiten. Alle sind begeistert auf den Zug aufgesprungen. Für pflegende Angehörige ist das ein gros­ser Vorteil, weil sie so mit allen Bedürfnissen zu uns gelangen können und Antworten finden.

Haben Sie persönlich eine Affinität zur Demenz?
Ich sehe das Projekt ganz nüchtern als Teil meiner Tätigkeit. Als Krankenschwester habe ich bereits mit Dementen gearbeitet. Diese Aufgabe habe ich geliebt.

Weshalb?
Mich fasziniert, dass Demenz sozu­sagen eine Antithese zur heutigen Gesellschaft darstellt. Wir möchten gerne alles planen, sind auf Leistung und Effizienz getrimmt, die meisten Vorgänge laufen auf kognitiv-verbaler Ebene ab. Bei Demenz ist jede Planung für die Katz. Langsamkeit, Geduld und Spontaneität sind gefragt­. Anstelle der Sprache rücken­ Emotionen in den Fokus. Was in unserer Gesellschaft verloren geht, verlangt Demenz von uns zurück. Ich möchte die Krankheit nicht verharmlosen, aber kann ihr einen kleinen positiven Aspekt abgewinnen.

Sie sind zwar erst 47 Jahre alt, aber verspüren Sie dennoch Angst, irgendwann einmal an Demenz zu erkranken?
Angst empfinde ich nicht, aber ich würde es gerne so früh wie möglich wissen wollen. Damit ich die verbleibende Zeit bewusster gestalten und notwendige Vorkehrungen treffen kann. Die Lebens­erwartung ab Diagnose ist ja nicht hoch. Aber Angst hätte ich nicht – so ist das Leben, man muss nehmen, was kommt.

Wie sieht die Zukunft der Wädens­wiler Sensibilisierungskampagne aus?
Zu Beginn haben wir auf klas­sische Infoveranstaltungen gesetzt, nun wollen wir uns dem Thema auch kreativ-künst­lerischer Art annehmen, etwa mit Lesungen und einem inter­aktiven Theater. Ich habe auch gesehen, wie ein sensibilisiertes Umfeld helfen kann, dass eine demenz­erkrankte Person länger zu Hause bleiben kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Für eine Frau, die wegen einer Demenz alles verloren hat, aber körperlich noch fit war, haben wir eine Alterswohnung organisiert. Zuerst haben die Nachbarn sich daran­ gestört, dass sie ständig im Treppenhaus rumwuselte. Als wir die Nachbarschaft über ihr Krankheitsbild aufgeklärt haben, hat sich deren Haltung komplett geändert – von Reklamierenden zu Unterstützenden.

Erstellt: 07.08.2018, 15:21 Uhr

Serie zur Alterspflege

Die Gesellschaft wird älter – das ist mittlerweile Allgemeinwissen. Doch welche Konsequenzen bringt eine ältere Gesellschaft für die Gemeinden und ihre Bewohner mit sich? Nicht zuletzt die ­Alterspflege befindet sich im Umbruch. Diese Zeitung wirft mit Reportagen, Porträts und Interviews Schlaglichter auf neue Strategien der Gemeinden, spricht mit Betroffenen, pflegenden ­Angehörigen und Experten.

Demenzstrategie

2014 verabschiedete der Bund eine Demenzstrategie. Diese wird schweiz­weit kantonal umgesetzt, nur im Kanton Zürich übernehmen die Gemeinden diese Aufgabe. Der Bund legte vier Felder fest, die gefördert werden sollen: Forschung, Angebot, Qualitätssicherung und die Sensibilisierung der Bevöl­kerung. Wädenswil hat Bedarf bei der Sensibilisierung festgestellt. Um diese in der Bevölkerung zu fördern, organisiert die Gemeinde Informationsveranstaltungen und Schulungen, Treffs für Angehörige, Gedächtnistrainings wie auch kulturelle Angebote wie etwa den Drum­circle oder Lesungen. Für detaillierte Infos zum Programm und andere Fragen zum Thema Demenz steht Sandra Schäppi von der Infostelle Betreuung und Pflege gerne zur Verfügung: 044 789 74 90.

Artikel zum Thema

Alterspflege stellt Gemeinden vor grosse Herausforderungen

Alterspflege Der Anteil an Senioren in den Gemeinden rund um den See steigt. Bis zu einem Fünftel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt. Die demografische Entwicklung bringt Herausforderungen für die Alterspflege mit sich. Mehr...

Pionierarbeit mit Horgner Senioren

Horgen «Ambulant vor stationär» hat sich der Horgner Sozialvorstand auf die Fahne geschrieben. Wie aber gelingt es, dass Senioren möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben können? Ein Besuch bei der Siedlungs- und Wohnassistentin Rebekka Casillo gibt Einblick in alltägliche Herausforderungen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!