Langnau

«Das Weihnachtskonzert spiele ich für meine Schlummermutter»

Nie zufrieden mit seinem Spiel ist der junge Violinspieler Sebastian Bohren, obwohl er seit Jahren erfolgreich auf Weltbühnen auftritt. Am Freitag gibt er ein intimes Weihnachtskonzert.

Sebastian Bohren hatte in Langnau noch nie ein schlechtes Konzert.

Sebastian Bohren hatte in Langnau noch nie ein schlechtes Konzert. Bild: Michael Trost

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Wie sieht der Tagesablauf eines Geigers aus, der auf Weltbühnen spielt?
Sebastian Bohren: Ich schwimme jeden Tag meinen Kilometer, wenn möglich. Ich kaufe Brot ein, wasche meine Wäsche und putze meine Wohnung – wie jeder andere auch.

Muss ein Musiker nicht täglich stundenlang üben?
Vor allem wenn ich auf Reisen bin, kann ich nicht jeden Tag üben. Auch nach einem Konzert brauche ich eine Pause. Vier- bis fünfmal im Monat übe ich aber intensiv auf der Musikinsel Rhein­au, bis zu sieben Stunden täglich. Das liebe ich.

Wie lässt sich ein gesunder Rhythmus halten, wenn man in einem Jahr 100 Konzerte spielt?
Mit Disziplin und geschickter Planung. Für 2019 versuche ich mir mehr Freiräume zum Üben einzuplanen – und Ferien.

Können Sie denn abschalten?
Ich bin getrieben, sehr selbstkritisch, permanent unzufrieden mit meinem Spiel – wenn die Töne nicht perfekt sind, wenn ich zu kontrolliert spiele, Ängste habe.

Was für Ängste sind das?
Ich habe zum Beispiel Albträume, ich müsse auf die Bühne und wisse nicht, was spielen. Ich habe Angst, dass ich mich der Musik nicht hingeben kann. Angst, meine Energie reiche nicht aus für die Vielfalt von Dingen, die ich bewältigen muss – obwohl ich mit 31 Jahren mehr Energie habe als früher.

Wenn Sie nie zufrieden sind, wie messen Sie dann Erfolg?
Wichtig ist mir die Anerkennung von Musikern, die ich schätze. Dass sie meine Arbeit hochkarätig finden. International möchte ich mich noch entwickeln, nicht nur als Mitglied des Stradivari- Quartetts. In der Schweiz spiele ich als Solist mit grossen Orchestern.

Sie haben eine neue CD mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra eingespielt.
Genau. Die Mendelssohn-Aufnahmen vor genau einem Jahr. Mit siebzig Profimusikern jeden Tag sechs Stunden zu spielen, war eine wertvolle Erfahrung, aber auch anstrengend; man fühlt sich ständig beobachtet.

«Ich bin getrieben, sehr selbstkritisch und permanent unzufrieden mit meinem Spiel.»Sebastian Bohren

Mit welchen Orchestern planen Sie im kommenden Jahr zuspielen?
Ich freue mich auf mein Debüt beim Sinfonieorchester Basel und auf die Aufführung eines neuen Arrangements von Pro­kof­jews Violinsonate mit dem Georgischen Kammerorchester.

Was waren Ihre persönlichen Highlights 2018?
Ich bin noch dabei, das schöne Konzert zu verdauen, das ich kürzlich in dem schmucken Konzertsaal der Tonhalle St. Gallen gespielt habe. Das geniesse ich mehr als ein Konzert am Lucerne Festival, welches mit Druck verbunden ist.

Was macht denn ein gutes Konzert aus?
Jedes Konzert ist ein komplexes Zusammenspiel von Spieler, Violine und Saal; die Geige klingt nie gleich. Wenn die Mischung stimmt, dann ist es ein wunderbares Erlebnis.

Also muss das Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie ein besonderes Erlebnis gewesen sein?
Es war unspektakulär. Die Akustik ist zu klinisch, hat zu wenig Bodensatz. Man hört jedes Instrument gestochen klar, aber der Klang mischt sich nicht.

Stimmt die Mischung in Langnau? Oder wieso zieht es Sie immer wieder dorthin?
Während meines Studiums an der Musikhochschule durfte ich dort bei einer Schlummermutter wohnen. Sie ist sozusagen meine dritte Grossmutter, ich besuche sie oft. Für sie spiele ich jedes Jahr das Weihnachtskonzert.

In Langnau finden Sie also Geborgenheit?
Ja, es ist wie ein Heimkommen. Zufrieden bin ich, wenn ich mit meinem Spiel im Frieden bin. Das passiert selten an Konzerten – aber immer in Langnau. Dort kann ich auftanken.

Freitag, 14. Dezember, um 19 Uhr in der reformierten Kirche Langnau. Werke von Händel, Biber, Pärt, Ysaye, Bach. Kollekte.

Erstellt: 13.12.2018, 10:49 Uhr

Zur Person

Eine Geige von 1767

Sebastian Bohren ist 1987 in Winterthur geboren, lebte in Langnau und ist seit sieben Jahren in Zürich daheim. Nach dem Kunst-und Sportgymnasium Rämibühl studierte er an der Musikhochschule. Früher spielte er auf einer Stradivari, seit 2017 auf einer Geige des Instrumentenbauers Giovanni Battista Guadagnini von 1767. Bohren tritt weltweit auf als Solist und Mitglied des Stradivari- Quartetts. (mct)

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