Adliswil

«Das Recherchieren liegt mir im Blut»

Toni Schranz recherchiert leidenschaftlich gern. Nach einer Klassenzusammenkunft legte er kurzerhand eine Dokumentation über seine Sekundarstufe an.

Nach 60 Jahren ist die Erinnerung an die Namen einiger Klassenkameraden verschwommen. Schranz schaffte Abhilfe.

Nach 60 Jahren ist die Erinnerung an die Namen einiger Klassenkameraden verschwommen. Schranz schaffte Abhilfe. Bild: Michael Trost

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Auf dem kleinen Esstisch seiner Wohnung in Adliswil hat Toni Schranz vier dicke Ordner ausgebreitet, alle schön säuberlich mit Jahrgang beschriftet. Dort ist seine Arbeit der letzten sieben Jahre gestapelt: eine Sammlung von Klassenfotos und Namenslisten der ehemaligen Adliswiler Sekundarschüler mit Jahrgang 1945 bis 1947.

Die Idee zu dieser Arbeit kam Toni Schranz bei einer Klassenzusammenkunft im Jahr 2012. Schranz und einige seiner ehemaligen Mitschüler nahmen ein paar alte Klassenfotos der Sekundarstufe von 1960 bis 1962 mit. Damit fing das grosse Rätseln an: «Wer ist das? Und kennst du die?»

Schranz fasste die Gelegenheit am Schopf und beschloss, die Namen der vergessenen Mitschüler herauszufinden. «Ich recherchiere unheimlich gern, es liegt mir im Blut», sagt der Adliswiler. Was das Projekt für einen Aufwand bedeuten würde, habe er anfangs allerdings unterschätzt.

Wiedersehen nach 60 Jahren

Nach der Klassenzusammenkunft hatte er sechs Fotos beisammen. Doch das war nur der Anfang. Er fragte alle ehemaligen Mitschüler, mit denen er noch irgendwie in Kontakt stand, ihm Fotos zu schicken. Diese scannte er bei sich zu Hause ein und retournierte sie wieder an ihre Besitzer. Das Ziel: die Namen aller Schüler und Lehrer ausfindig zu machen. Bei der eigenen Klasse sei es einfach gegangen, aber bei den Parallelklassen sei es schwierig geworden. «Vor allem die Mädchen, die interessierten uns Buben doch damals nicht», sagt Schranz.

«Es gab Begegnungen mit Menschen, die ich vor 60 Jahren das letzte Mal gesehen hatte»Toni Schranz

Nachdem er einige Fotos zusammen hatte, ging es an die Identifizierung der Personen. Schranz druckte die Fotos aus und nummerierte die einzelnen Gesichter mit Kreisen. Die Bilder schickte er dann an einige Ehemalige zur Identifizierung. Es dauerte nicht lange, und Schranz bekam sehr viele Bilder zugeschickt.

Mit einigen seiner Helfer traf er sich persönlich, um die Namenslisten durchzugehen. Viele der ehemaligen Klassenkollegen wohnen noch in Adliswil, einige hat es jedoch auch an weiter entfernte Orte verschlagen. «Es gab Begegnungen mit Menschen, die ich vor 60 Jahren das letzte Mal gesehen hatte», sagt Schranz.

Alternative Quellen

Ein Grossteil der Klassenkameraden konnte rasch identifiziert werden. Doch irgendwann kam auch Toni Schranz an seine Grenzen. An einige Gesichter schien sich niemand erinnern zu können. Daher musste er auf andere Quellen ausweichen. Schranz besuchte unter anderem das Staatsarchiv in Bern und meldete sich auf einigen sozialen Plattformen an. «Das war zwar nicht besonders ergiebig, aber interessant», sagt er heute.

Als besonders nützlich erwiesen sich alte Absenzenlisten, die ein Kollege ihm brachte. «Ich fand sogar eine, die mein Vater noch unterschrieben hatte», sagt Toni Schranz.

«Ich bin eigentlich ein verrückter Cheib»Toni Schranz

Als er jedoch als nächsten Schritt Einsicht ins Schularchiv haben wollte, stiess er auf taube Ohren. Aus Datenschutzgründen konnten ihm die Listen nicht zur Verfügung gestellt werden.

Doch so leicht gab er sich nicht geschlagen. Er überzeugte das Sekretariat, einen Kompromiss zu machen: Sie suchten die Listen aus dem Archiv heraus und lasen ihm die Namen vor, während er sich Notizen machte. Es sei eine sehr intensive Arbeit gewesen: «Ich bin eigentlich ein verrückter Cheib», sagt er.

Geschichtsverein interessiert

Aus den Ergebnissen kreierte Toni Schranz ein System: Er bearbeitete die Bilder mit einem Bildbearbeitungsprogramm, beschriftete sie und druckte sie aus. Dazu machte er Folien mit nummerierten Kreisen, die er über die Bilder legen und so die Gesichter mit den Namenslisten abgleichen konnte. Er habe Unmengen an Druckertinte für diese Arbeit verbraucht, sagt er. «Einen Drucker habe ich sogar verheizt.»

Im Herbst letzten Jahres beschloss er dann, die Suche zu beenden. Sieben Jahre lang hatte er an der Dokumentation gearbeitet. «Irgendwann habe ich gefunden: Jetzt reicht es.» Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Drei volle Ordner mit 49 beschrifteten Klassenfotos der Jahrgänge 1945 bis 1947 hat Toni Schranz zusammengetragen.

Was als Nächstes damit passiert, weiss Schranz noch nicht genau. Der Geschichtsverein Adliswil und das Schulsekretariat hätten bereits Interesse gezeigt. «Aber zuerst einmal plane ich, die Ordner an der nächsten Klassenzusammenkunft 2020 auszustellen», sagt Schranz.

Erstellt: 23.07.2019, 16:58 Uhr

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